Wenn die Sonne nicht untergeht, lässt sich das Ramadanfasten nicht einfach nach dem örtlichen Sonnenuntergang beenden. Islamische Gelehrte arbeiten dann mit geschätzten Zeiten. Bei sehr langen Tagen mit erkennbarem Tag und erkennbarer Nacht unterscheiden sich die veröffentlichten Antworten jedoch.
Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine vertraute religiöse Regel unter ungewöhnlichen Bedingungen ausgelegt wird. Die beiden Fragen sind auseinanderzuhalten: Fehlt ein Zeitzeichen ganz, oder dauert der Tag lediglich sehr lange?
Was gibt der Koran als Zeitrahmen vor?
Nach Koran 2:187 beginnt die tägliche Fastenzeit mit dem Erkennbarwerden der Morgendämmerung und reicht bis zum Einbruch der Nacht. Der Beginn liegt unter gewöhnlichen Bedingungen also vor dem Sonnenaufgang. „Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang“ wäre als Beschreibung des Anfangs ungenau.
Der benachbarte Vers 2:185 spricht außerdem über Krankheit und Reisen sowie das Nachholen versäumter Fastentage. Der Text verbindet die religiöse Verpflichtung damit schon selbst mit besonderen Lebensumständen.
Was ist an Tromsø anders?
In der nordnorwegischen Stadt Tromsø bleibt die Sonne während eines Teils des Sommers auch nachts über dem Horizont. Die örtliche Tourismusorganisation Visit Tromsø beschreibt die Mitternachtssonne als Merkmal dieser Jahreszeit.
Wenn Ramadan in eine solche Zeit fällt, gibt es keinen täglichen Sonnenuntergang, auf den man einfach warten könnte. Das ist eine andere Lage als ein sehr langer Sommertag etwa in Großbritannien, an dem die Sonne durchaus untergeht. Ein Zeitplan muss erklären, welche dieser Situationen er behandelt.
Eine Antwort aus Ägypten: die Fastendauer in Mekka als Bezug
Die ägyptische Dar al-Ifta beantwortete 2011 eine Frage nach etwa 19 Stunden Fastenzeit in Großbritannien. Ihre Antwort behandelt 18 Stunden oder mehr als Fall für eine abweichende Berechnung.
Nach der dort beschriebenen Methode beginnt das Fasten bei der örtlichen Morgendämmerung. Danach zählt man so viele Stunden, wie die Fastenzeit an diesem Tag in Mekka dauert. Entscheidend ist die Dauer, nicht einfach die Uhrzeit aus Mekka.
Als reine Rechenillustration nennt die Antwort: Liegt die örtliche Morgendämmerung um 3 Uhr und dauert das Fasten in Mekka 15 Stunden, endet die so berechnete Zeit um 18 Uhr. Das Beispiel erklärt die Methode; es ist kein fertiger Kalender für einen beliebigen Wohnort.
Eine andere Antwort: örtliche Zeichen möglichst beibehalten
Die Assembly of Muslim Jurists of America, kurz AMJA, unterscheidet deutlicher nach den örtlichen Bedingungen. Sind Tag und Nacht erkennbar und bleibt nachts genügend Zeit zum Essen und zur Vorbereitung auf den nächsten Fastentag, hält ihre Antwort grundsätzlich an den lokalen Zeichen fest.
Fehlt diese Unterscheidung oder ist der Abstand zu kurz, lässt die Antwort eine Schätzung zu. Als Bezug bevorzugt sie den nächstgelegenen Ort mit geeigneten Tag-Nacht-Verhältnissen. Sie erörtert außerdem Mekka als mögliche Bezugsgröße. Die Methode zur Schätzung und die Entscheidung, ab wann geschätzt werden darf, sind somit zwei verschiedene Fragen.
Warum sind die Antworten unterschiedlich?
Beide Institutionen beziehen sich auf die religiöse Verpflichtung und die besonderen Bedingungen. Sie ziehen die Grenze für eine abweichende Zeitberechnung aber nicht gleich. Ein besonders langer erkennbarer Tag wird daher nicht automatisch überall genauso behandelt wie ein Tag ohne Sonnenuntergang.
Das bedeutet nicht, dass jede beliebige Uhrzeit gleich gut begründet wäre. Eine religiöse Auskunft muss erklären, welchen Fall sie meint und worauf ihre Berechnung beruht. Für die eigene Praxis ist deshalb die genaue Erläuterung einer kundigen Gemeinde oder religiösen Ansprechperson hilfreicher als ein aus dem Zusammenhang gelöstes Rechenbeispiel.
Der Fall zeigt auch, warum alte Regeln nicht nur unverändert kopiert oder einfach abgeschafft werden. Zwischen beidem liegt die Auslegung: Was bleibt das Ziel der Regel, welche Zeichen sind vor Ort vorhanden und wie lässt sich die Verpflichtung unter diesen Bedingungen erfüllen?
Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.




