Wie können Menschen verschiedener Herkunft zusammenleben, ohne einander erst ähnlich werden zu müssen? Diese Frage zieht sich durch die Lehren Abdu’l-Bahás. Er verbindet den Glauben an die Einheit der Menschheit mit sehr praktischen Aufgaben: Vorurteile prüfen, Bildung ermöglichen, Armut bekämpfen und anderen gewissenhaft helfen.

Dahinter steht die Bahai-Religion, nicht einfach ein allgemeines Programm für freundlichen Umgang. Wer Abdu’l-Bahás Gedanken verstehen möchte, sollte deshalb seine religiöse Rolle und seine Alltagsbeispiele gemeinsam betrachten.
Wer war Abdu’l-Bahá?
Abdu’l-Bahá lebte von 1844 bis 1921. Sein Vater Bahá’u’lláh gründete die Bahai-Religion. In seinem Testament ernannte er seinen ältesten Sohn zum Leiter der Gemeinschaft und zum bevollmächtigten Ausleger seiner Lehren. Die Bahai-Gemeinschaft erklärt diese Nachfolge als Teil ihres religiösen Bundes.
Abdu’l-Bahá sprach bei Reisen mit sehr unterschiedlichen Menschen, beantwortete Fragen und schrieb Briefe. Seine Bedeutung beruht innerhalb der Religion auf dieser besonderen Aufgabe. Er ist nicht mit dem Religionsgründer Bahá’u’lláh zu verwechseln.
Was sagt er über Gott?
In Kapitel 37 der Beantworteten Fragen beschreibt Abdu’l-Bahá Gott als dem menschlichen Verstehen letztlich entzogen. Menschen können nach dieser Vorstellung göttliche Eigenschaften erkennen, aber Gottes Wesen nicht vollständig erfassen.
Dabei verwendet er das Bild von Sonne und Spiegel: Ein klarer Spiegel kann das Sonnenlicht zeigen, ohne dass die Sonne selbst in ihm wohnt. Entsprechend sollen die göttlichen Offenbarer Gottes Eigenschaften für Menschen erkennbar machen. Der Fachausdruck „Manifestation Gottes“ meint in der Bahai-Lehre solche Offenbarer.
Das Bild erklärt eine religiöse Überzeugung. Es macht Abdu’l-Bahás eigene Rolle als Ausleger nicht mit derjenigen dieser Offenbarer gleich.
Warum können religiöse Regeln unterschiedlich sein?
Abdu’l-Bahá unterscheidet in Kapitel 11 derselben Sammlung bleibende geistige Tugenden und veränderliche Vorschriften. Gerechtigkeit, Verlässlichkeit und Hilfe für Bedürftige gehören für ihn zum bleibenden Kern. Regeln etwa über Fasten oder Ehe können sich dagegen zwischen religiösen Epochen verändern.
Das gehört zur Bahai-Vorstellung einer fortschreitenden Offenbarung: Göttliche Führung erneuert sich im Lauf der Geschichte. So werden Unterschiede zwischen Religionen innerhalb dieser Lehre erklärt. Andere Religionsgemeinschaften müssen diese Deutung ihrer eigenen Geschichte nicht teilen.
Was bedeutet die Einheit der Menschheit im Alltag?
In den Pariser Ansprachen fordert Abdu’l-Bahá dazu auf, Wahrheit zu suchen und übernommene Vorurteile zu prüfen. Die gemeinsame Herkunft der Menschen von einem Schöpfer begründet für ihn ihre Zusammengehörigkeit. Religion soll Liebe und Verbundenheit fördern; Wissenschaft und religiöses Denken sollen nicht gegeneinander ausgespielt werden.
Für ein Gespräch unter Nachbarn lässt sich daraus eine einfache Aufgabe ableiten: Erst fragen, was der andere tatsächlich glaubt. Dann gemeinsam überlegen, wo Zusammenarbeit möglich ist. Die eigenen Vermutungen sind kein Ersatz für die Antwort des Gegenübers.
Zwei Menschen können beispielsweise beide einer einsamen Nachbarin helfen wollen und dafür unterschiedliche religiöse Gründe nennen. Zusammenarbeit verlangt in diesem Beispiel weder dieselbe Familiengeschichte noch ein identisches Glaubensbekenntnis.
Geht es auch um Geld, Bildung und gerechte Verhältnisse?
Ja. In denselben Pariser Ansprachen kritisiert Abdu’l-Bahá das Nebeneinander von großem Reichtum und bitterer Armut. Er verlangt sowohl persönliche Hilfsbereitschaft als auch gesetzliche Maßnahmen gegen diese Extreme. Die Verantwortung endet für ihn also nicht bei einer gelegentlichen Spende.
Seine Schrift Das Geheimnis göttlicher Kultur von 1875 richtet sich an die Verhältnisse Persiens. Sie betont Wissen, nützliche Wissenschaften, Bildung und das Wohl der Gemeinschaft. Fähigkeiten sollen anderen zugutekommen.
Anschaulich wird das bei einem Lernangebot für Erwachsene: Ein guter Wille allein reicht noch nicht. Sind die Zeiten erreichbar? Können die Menschen hinkommen? Werden ihre Fragen ernst genommen? Solche Überlegungen sind ein heutiges Beispiel dafür, wie Dienst und sorgfältiges Lernen zusammenfinden können.
Kann gewöhnliche Arbeit Gottesdienst sein?
Abdu’l-Bahá bejaht das in einer Antwort über Gebet und Handeln von 1912. Gewissenhafte Arbeit kann nach seinem Verständnis Anbetung sein, wenn sie von hohen Beweggründen und dem Willen getragen ist, Menschen zu dienen. Er nennt handwerkliche Arbeit ebenso wie die aufmerksame Versorgung Kranker.
Entscheidend sind damit Haltung und Sorgfalt. Eine alltägliche Aufgabe bekommt religiöse Bedeutung, wenn jemand sie mit Verantwortung und Blick auf andere erfüllt. Das verbindet die großen Worte von Einheit und Menschenwürde mit dem nächsten Arbeitsschritt. Das Beitragsbild ist eine freie Illustration und kein historisches Porträt Abdu’l-Bahás.
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