Spirituell, aber nicht religiös: Was bedeutet das?

Eine Person sitzt auf einer Matte in einer grünen Waldlichtung als Illustration persönlicher Besinnung

„Spirituell, aber nicht religiös“ beschreibt eine mögliche Beziehung zu Sinn, Verbundenheit und Glauben, ohne dass damit eine einheitliche Lehre gemeint ist. Die englische Abkürzung SBNR steht für spiritual but not religious. Was jemand unter den beiden Wörtern versteht, muss genauer erfragt werden.

Der Ausdruck kann sich auf eine höhere Macht, Naturerleben, persönliche Besinnung oder andere Formen von Verbundenheit beziehen. Er sagt für sich genommen weder, dass jemand an keinen Gott glaubt, noch dass die Person keinerlei Beziehung zu einer Religionsgemeinschaft hat.

Welche Bedeutung kann „spirituell“ haben?

In einer Untersuchung zur Bedeutung von Spiritualität ließ das Pew Research Center US-Erwachsene den Begriff mit eigenen Worten erklären. Die Antworten reichten von religiösem Glauben bis zu Verbindungen mit Natur, anderen Menschen oder dem eigenen Selbst. Auch innerer Frieden, Orientierung und Sinn wurden genannt.

Damit lässt sich der Ausdruck nicht sinnvoll auf eine bestimmte Praxis reduzieren. Die gleichen Wörter können verschiedene Vorstellungen tragen. Eine gute Nachfrage wäre: Was bedeutet Verbundenheit für dich, und woran zeigt sie sich im Alltag? Damit bleibt die Erklärung bei der Person, statt ihr allein aufgrund des Etiketts eine Weltanschauung zuzuschreiben.

Illustration zu persönlichen Sinn- und Glaubensfragen

Kann man trotzdem einer Religion angehören?

Ja. Im Pew-Bericht zu SBNR-Erwachsenen von 2023 gaben 45 Prozent dieser Gruppe eine Religionszugehörigkeit an. 20 Prozent glaubten an Gott in der in der Befragung beschriebenen biblischen Form, 73 Prozent an eine andere höhere Macht oder geistige Kraft. Auch tägliches Gebet kam vor.

Dieselbe Gruppe umfasste Menschen mit gemeinschaftlicher Praxis: 13 Prozent nannten Beteiligung an einer spirituellen und 11 Prozent an einer religiösen Gemeinschaft. Mehrfachangaben waren möglich. Außerdem berichteten 28 Prozent von mindestens mehrmals monatlicher Meditation, vor allem um Verbindung zu erfahren – derselbe Anteil wie unter den zugleich religiösen und spirituellen Befragten.

Diese Zahlen betreffen die untersuchte US-Gruppe und ihre Selbstauskünfte. Sie beweisen keine unsichtbare Wirklichkeit und liefern keine weltweite Beschreibung aller Menschen, die das Etikett verwenden.

Eine Tätigkeit ist nicht automatisch eine spirituelle Praxis

Der gesonderte Pew-Abschnitt zu spirituellen Aktivitäten fragt nicht nur, ob Menschen meditieren oder Zeit in der Natur verbringen, sondern auch nach dem Zweck. Beispielsweise kann eine Tätigkeit der Verbindung mit etwas Größerem oder mit dem eigenen Selbst dienen.

Ein eigenes Gedankenbeispiel verdeutlicht die Unterscheidung: Zwei Personen gehen denselben Waldweg. Eine möchte sich bewegen und frische Luft bekommen; die andere beschreibt dabei eine besondere Verbundenheit mit dem Leben. Der beobachtete Spaziergang allein entscheidet nicht, wie beide ihn verstehen. Ebenso wenig ist jede Meditation automatisch ein Beitritt zu einer Religion.

Wie wird SBNR in einer Umfrage gemessen?

Die Methodik des Berichts von 2023 dokumentiert 11.201 befragte US-Erwachsene. Als spirituell galt, wer sich so beschrieb oder Spiritualität als sehr wichtig im Leben einstufte. Die entsprechende religiöse Einordnung erfolgte nach denselben beiden Arten von Kriterien. Wer spirituell war und keines der religiösen Kriterien erfüllte, zählte zur SBNR-Gruppe; ihr Anteil lag bei 22 Prozent.

Das ist eine festgelegte Forschungsdefinition. Andere Kombinationen derselben Fragen ergeben andere Gruppengrößen. Eine Statistik sollte deshalb zusammen mit den Fragen und Auswertungsregeln gelesen werden, statt ihr Etikett als selbstverständlich zu behandeln.

Warum findet man auch eine Angabe von 21 Prozent?

Die 2025 veröffentlichte Religious Landscape Study mit Daten von 2023–2024 verwendet abgestufte Selbstbeschreibungen und kommt für die entsprechende Gruppe auf 21 Prozent. Die Fragestellung und Gruppierung unterscheiden sich von der Erhebung von 2023.

Aus dem bloßen Vergleich von 22 und 21 Prozent folgt daher kein sauber belegter Rückgang. Zuerst müsste geklärt werden, ob wirklich dieselbe Eigenschaft auf dieselbe Weise gemessen wurde. Beide Angaben beziehen sich auf Erwachsene in den USA, nicht auf Deutschland oder die ganze Welt.

Was erfährt man besser im Gespräch?

Drei Ebenen lassen sich getrennt ansprechen: Was glaubt die Person? Welche Tätigkeiten haben für sie Bedeutung? Und zu welchen Menschen oder Gemeinschaften fühlt sie sich verbunden? Eine Person kann die religiösen Feste ihrer Herkunft schätzen und zugleich Abstand zu bestimmten Lehren halten. Eine andere beschreibt ihre Besinnung ausdrücklich ohne institutionelle Bindung.

Diese Beispiele sind Veranschaulichungen, keine aus der Umfrage abgeleiteten Persönlichkeitstypen. Der Ausdruck öffnet ein Gespräch, ersetzt aber keine genaue Beschreibung. Wie persönliche Überzeugung und formale Zugehörigkeit auseinanderfallen können, erläutert auch unser Beitrag darüber, wie Menschen eine Religion wählen.

Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.

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