Paganismus erklärt: Glaube, Natur und Jahresfeste

Freie Illustration eines nächtlichen Waldes im Mondlicht

Eine Sonnenwendfeier im Freien, ein Gebet an Thor oder ein Ritual in einer Wicca-Gruppe: All das kann zum heutigen Paganismus gehören. Ein einziges Glaubensbekenntnis für sämtliche Anhänger gibt es jedoch nicht. Hinter dem Sammelbegriff stehen verschiedene religiöse Wege mit eigenen Geschichten und Vorstellungen.

Wiederkehrende Themen sind die Natur, Götter und Geister, die Erinnerung an Verstorbene und der Wechsel der Jahreszeiten. Was diese Themen bedeuten, lässt sich am besten an konkreten Gemeinschaften erklären.

Ist heutiger Paganismus einfach eine unveränderte alte Religion?

Moderne Gruppen greifen alte Namen, Mythen und Rituale auf. Sie entwickeln aber auch neue Formen religiösen Lebens. Der Historiker Ronald Hutton untersucht in The Triumph of the Moon die Entwicklung moderner heidnischer Hexenreligion in Großbritannien. Die veröffentlichte Buchzusammenfassung nennt unter anderem Volksüberlieferung, Ritualmagie und Literatur als Einflüsse.

Die Pagan Federation International datiert das öffentliche Auftreten der modernen Wicca auf die späten 1940er-Jahre. Alte Anregungen und eine neuere Entstehung schließen einander also nicht aus.

Für eine heutige Gemeinschaft kann ein Ritual bedeutungsvoll sein, obwohl sein genauer Ablauf neu gestaltet wurde. Die historische Frage nach seinem Alter und die persönliche Frage nach seinem Wert bleiben dabei unterscheidbar.

An welche Götter glauben Pagane?

Die Antworten unterscheiden sich. „Polytheismus“ bedeutet den Glauben an mehrere Götter. Andere Menschen sprechen von einer umfassenden göttlichen Wirklichkeit oder verstehen bestimmte Gestalten symbolisch.

Der Druidenorden OBOD lässt ausdrücklich mehrere Gottesvorstellungen zu. Dazu gehören der Glaube an einen Gott, an mehrere Götter oder an ein göttliches Paar. Auch die Vorstellung, das Göttliche sei in der gesamten Wirklichkeit gegenwärtig, hat dort Platz. Menschen mit unterschiedlichen Deutungen können gemeinsam feiern.

Die Gemeinschaft The Troth beschreibt dagegen ihre Beziehungen zu konkret benannten Göttern, darunter Odin, Thor und Freyja. Hinzu kommen geliebte Verstorbene und gute Geister. Es wäre ungenau, solche Götter ohne Weiteres zu bloßen Sinnbildern für Wetter oder Gefühle zu erklären.

Warum spielt die Natur eine so große Rolle?

Ein Fluss kann mehr sein als eine Wasserquelle, ein Wald mehr als ein Erholungsort. Für viele Praktizierende gehören Orte und andere Lebewesen zu einer religiös bedeutsamen Welt, zu der Menschen Beziehungen pflegen.

Manche sprechen dabei von Animismus. Gemeint ist ein Verständnis, in dem auch nichtmenschliche Wesen oder Präsenzen als Gegenüber erfahren werden können. Das heißt nicht, dass jeder Pagan jedem Stein dieselbe Art von Seele zuschreibt. Schon die unterschiedlichen Gottesvorstellungen zeigen, wie wenig eine einzige Formel hier erklärt.

Im Alltag können Aufmerksamkeit für einen Ort und religiöse Feier zusammengehören: wahrnehmen, was sich im Jahreslauf verändert, sich mit der Landschaft beschäftigen und die eigene Lebensweise daran messen. Die konkrete Gestaltung hängt von der jeweiligen Tradition ab.

Was geschieht in einem Ritual?

Ein Ritual besteht aus bewusst gestalteten Handlungen. Menschen versammeln sich, sprechen Gebete, bringen Gaben dar oder teilen Essen. Der Ablauf macht sichtbar, was für diese Gemeinschaft wichtig ist.

Die Druidenorganisation ADF erklärt ihre Rituale als Zusammenspiel von Handlungen, Worten und Gedanken. Zu ihren Symbolen gehören Feuer, Brunnen und Baum. Sie verwendet damit ein anderes Grundmuster als etwa der bekannte Wicca-Kreis.

In ihrer Erklärung zu Weltbild und Opfergaben beschreibt ADF Gaben als Teil einer fortdauernden Beziehung zu Göttern, Naturgeistern und Ahnen. Der Vergleich mit Gastfreundschaft hilft: Eine Beziehung lebt vom Geben und Empfangen, ohne dass jedes Geschenk als Rechnung verstanden werden muss.

Gaben können beispielsweise Speisen oder Getränke sein. Beim gemeinsamen Mahl wird ein Teil dargebracht und der übrige geteilt. Das Wort „Opfer“ bedeutet in diesem Zusammenhang also nicht automatisch das Töten eines Tieres.

Gehört Magie immer dazu?

Einige Wege beziehen Magie ein. Die Pagan Federation International beschreibt Wicca sowohl als Religion als auch als eine Praxis, die durch psychische Mittel bestimmte Wirkungen erreichen will. Damit ist die Überzeugung der Praktizierenden beschrieben, kein wissenschaftlicher Beweis einer übernatürlichen Wirkung.

Ritual und Zauber sind außerdem nicht dasselbe. Eine Feier kann an Verstorbene erinnern oder den Sommer begrüßen, ohne auf ein bestimmtes äußeres Ergebnis zu zielen. Wer einen Ablauf verstehen möchte, fragt deshalb besser nach seinem Zweck, statt jede Kerze für einen Zauber zu halten.

Was ist das Jahresrad?

In Wicca und vielen Formen moderner Druidenspiritualität ist ein Zyklus von acht Festen verbreitet. Die OBOD-Erklärung unterscheidet die beiden Sonnenwenden und die beiden Tagundnachtgleichen von vier weiteren Festen: Imbolc, Beltane, Lughnasadh und Samhain.

Die Feste verbinden sich etwa mit Neubeginn, Wachstum, Ernte und Erinnerung. Samhain ist dort ein Anlass, verstorbene Freunde und Angehörige zu ehren. Lughnasadh steht im Zusammenhang mit der Ernte.

Dabei macht der Ort einen Unterschied. Wenn in Großbritannien Sommer ist, herrscht in Australien Winter. Der Orden berücksichtigt deshalb unterschiedliche Termine auf Nord- und Südhalbkugel. Ein naturbezogener Kalender muss sich mit der tatsächlich erlebten Jahreszeit auseinandersetzen.

Dieser Achtfestkreis ist ein Beispiel heutiger Praxis. Er ist kein Kalender, den alle antiken Kulturen oder alle heutigen paganen Gruppen gemeinsam hätten.

Welche Regeln gelten für das Zusammenleben?

Vielfältiger Glaube bedeutet nicht, dass alles beliebig ist. The Troth nennt in ihren Regeln und Richtlinien Nichtdiskriminierung und zugängliche Veranstaltungen. Wenn Alkohol rituell verwendet wird, soll auch eine gleichwertig behandelte alkoholfreie Möglichkeit bereitstehen.

Das zeigt, wie eine religiöse Haltung ganz praktische Entscheidungen prägt. Wer darf mitmachen? Werden Menschen mit Behinderungen mitgedacht? Können Personen teilnehmen, die keinen Alkohol trinken? Solche Fragen erzählen oft mehr über eine Gemeinschaft als ein auffälliges Symbol.

Für den Einstieg lohnt es sich deshalb, den jeweiligen Weg beim Namen zu nennen: Wicca, Druidry, Heathenry oder eine andere Richtung. Dann werden Unterschiede verständlich, ohne die gemeinsamen Themen aus dem Blick zu verlieren.

Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.

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