Wer erstmals einen östlichen christlichen Gottesdienst besucht, erlebt vielleicht viele gesungene Gebete, Bilder von Christus und Heiligen und eine ungewohnte Ordnung. Dahinter steht eine lebendige Glaubenspraxis: Menschen hören biblische Texte, beten, feiern gemeinsam und richten ihren Alltag daran aus.
„Östliches Christentum“ ist allerdings ein Sammelbegriff. Dazu gehören mehrere Kirchenfamilien. Wenn Sie einen Brauch verstehen möchten, ist die erste hilfreiche Frage deshalb: Welche Kirche feiert hier eigentlich?
Welche Kirchen gehören dazu?
Zu den östlich-orthodoxen Kirchen zählen etwa die griechische, rumänische und russische Tradition. Sie sind in eigenständig geleiteten Kirchen organisiert und teilen Glauben und sakramentales Leben. „Sakramente“ bezeichnet hier heilige Handlungen wie Taufe und Eucharistie, die Feier von Christi Gegenwart in Brot und Wein.
Die orientalisch-orthodoxen Kirchen umfassen unter anderem koptische, armenische, syrische und äthiopische Traditionen. Ihre eigene Geschichte hängt mit den Auseinandersetzungen um das Konzil von Chalcedon im Jahr 451 zusammen. Dabei ging es darum, wie Jesu Gottsein und Menschsein ausgedrückt werden.
Östlich-katholische Kirchen stehen in Gemeinschaft mit Rom und bewahren zugleich ihre eigenen östlichen Überlieferungen. Deren Wert und Erhalt betont das katholische Konzilsdokument Orientalium ecclesiarum.
Eine weitere geschichtliche Tradition ist die Kirche des Ostens. Zur Assyrischen Kirche des Ostens gibt es beispielsweise eine gemeinsame Erklärung mit der katholischen Kirche von 1994.
Diese Namen beschreiben also nicht einfach vier Bezeichnungen für dieselbe Organisation. Auch die Trennung zwischen Rom und östlicher Orthodoxie hat eine andere Geschichte als die Streitigkeiten um Chalcedon. Das oft genannte Jahr 1054 steht innerhalb eines längeren Prozesses der Entfremdung.
Was bedeutet „Göttliche Liturgie“?
In der byzantinisch-orthodoxen Tradition bezeichnet der Ausdruck den gemeinsamen eucharistischen Gottesdienst. Die Orthodox Church in America beschreibt ihn als Handlung der ganzen Kirche, nicht als Privatveranstaltung eines Geistlichen. Schriftlesung, Gebet, Dank und Kommunion gehören zusammen.
Auch kleine Kinder können an der Kommunion teilnehmen, nachdem sie durch Taufe und Chrisamsalbung in die Kirche aufgenommen wurden. Die Chrisamsalbung ist die Salbung mit geweihtem Öl im Zusammenhang der christlichen Aufnahme.
Andere östliche Kirchen haben eigene Gottesdienstformen. Eine koptisch-orthodoxe Gemeinde erläutert beispielsweise Liturgien, die mit den Namen Basilius, Gregor und Kyrill verbunden sind. Fragen Sie bei einem Besuch ruhig nach einem Gottesdienstheft: Name und Ablauf helfen beim Mitverfolgen.
Warum haben Ikonen eine so wichtige Rolle?
Ikonen sind religiöse Bilder, etwa von Christus, Maria oder Heiligen. Nach der orthodoxen Erklärung der OCA hängt ihre Bedeutung mit der Menschwerdung Gottes in Christus zusammen. Sie sind deshalb mehr als bloße Raumdekoration.
Die Bilderwand, die Ikonostase, macht Glaubensinhalte auch räumlich sichtbar. Zwischen Bildern Marias mit dem Kind und des verherrlichten Christus liegen die mittleren Türen; dahinter steht der Altar. Die OCA deutet diese Anordnung im Zusammenhang von Christi Kommen in die Geschichte und seiner erwarteten Wiederkunft.
Beim Betrachten können Sie daher zuerst fragen: Wer ist dargestellt, wo steht das Bild, und was geschieht während des Gebets? So erschließt sich die religiöse Bedeutung leichter als allein über einen Kunststil.
Was heißt Theosis in einfachen Worten?
Theosis meint die Teilhabe am Leben Gottes durch seine Gnade. Die orthodoxe Darstellung verbindet das mit Christus und dem Wirken des Heiligen Geistes im Leben des Menschen.
Es geht um Veränderung in der Beziehung zu Gott, die sich auch im Verhalten ausdrücken soll. Gebet und Gottesdienst stehen damit nicht getrennt von Liebe und gutem Handeln. Die Vorstellung göttlicher Teilhabe begegnet übrigens auch im katholischen Katechismus, Absatz 460.
Warum wird Maria „Gottesgebärerin“ genannt?
Der griechische Titel Theotokos bedeutet Gottesgebärerin. Er macht eine Aussage über die Identität ihres Sohnes: Jesus Christus wird als Gott und Mensch bekannt. Die Erklärung von 1994 erkennt sowohl katholische Marientitel als auch die assyrische Formulierung „Mutter Christi, unseres Gottes und Erlösers“ als legitime Ausdrücke des gemeinsamen Glaubens an.
Ein Theotokion ist entsprechend ein Gesang, der sich auf die Gottesgebärerin bezieht. Wer das Wort im Ablaufplan findet, weiß damit schon, worauf der folgende Hymnus ausgerichtet ist.
Wie passen Gebet, Stille und Fasten in den Alltag?
Das Jesusgebet ruft Jesus als Herrn, Christus und Sohn Gottes an und bittet um Erbarmen. Die Wiederholung soll zur beständigen Erinnerung an Gott führen. Die OCA beschreibt neben besonderen Formen stillen Gebets auch die Wiederholung während gewöhnlicher Tätigkeiten, ohne besondere Körperhaltung oder Atemtechnik.
Der Sinn liegt damit in einer Beziehung zu Gott, nicht einfach im Wiederholen beliebiger Worte. Auch die gewünschte Haltung gehört dazu: Gott und anderen Menschen mit den Tugenden Christi dienen.
Fasten wird ebenfalls mit dem Handeln verbunden. Die OCA betont, dass Verzicht ohne Bemühen um ein gutes Leben seinen Sinn verfehlt. Eine Speiseregel allein beschreibt deshalb noch nicht, was die geistliche Übung für eine Gemeinde bedeutet.
Ein öffentliches Beispiel: Timkat in Äthiopien
Das äthiopische Fest Timkat erinnert an Jesu Taufe im Jordan. UNESCO beschreibt Prozessionen zu einem Gewässer oder Wasserbecken, nächtliche Gebete und Gesänge sowie die Besprengung der Feiernden mit gesegnetem Wasser.
Hier wird ein biblisches Ereignis durch gemeinsame Bewegung, Wasser und Gebet vergegenwärtigt. Das Beispiel gehört zu einer bestimmten äthiopischen Tradition. Es zeigt nicht den Ablauf aller östlichen Tauffeste.
Gehört Hilfe für andere auch dazu?
Ja, religiöse Praxis kann auch organisierte Hilfe umfassen. International Orthodox Christian Charities begründet seine Nothilfe und Entwicklungsarbeit mit Christi Liebe und nennt Hilfe ohne Diskriminierung als Aufgabe. Das ist die erklärte Ausrichtung dieser Organisation; die Ergebnisse eines einzelnen Projekts müsste man gesondert prüfen.
Auch Begegnungen zwischen Kirchen prägen die Gegenwart. Die katholisch-assyrische Erklärung von 1994 formuliert einen gemeinsamen Glauben an Christus und nennt zugleich die noch wiederherzustellende volle Kirchengemeinschaft. Eine Verständigung über Glaubensformulierungen und vollständige Gemeinschaft sind also unterschiedliche Schritte.
Für den eigenen Einstieg reicht zunächst ein überschaubarer Fokus: eine Kirche, ein Gottesdienst, eine konkrete Frage. Dann werden aus ungewohnten Formen verständliche Wege, auf denen Menschen ihren christlichen Glauben leben.
Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.




