Chrislam einfach erklärt: Nigeria und religiöser Dialog

Freie Illustration einer Gesprächsrunde mit unterschiedlich gekleideten Menschen

Christen und Muslime treffen sich zum Gespräch. Ist das schon „Chrislam“? Nein. Der Ausdruck bezeichnet unter anderem bestimmte Gemeinschaften in Nigeria, die christliche und muslimische Glaubensformen verbinden. Für eine Begegnung zwischen Menschen verschiedener Religionen ist er dagegen eine ungenaue Bezeichnung.

Das klingt zunächst nach einer kleinen Wortfrage. Es macht aber einen großen Unterschied, ob Menschen gemeinsam über Nachbarschaft sprechen oder tatsächlich Gebete und Glaubensvorstellungen miteinander verbinden. Wer beides auseinanderhält, kann auch zugespitzte Behauptungen im Internet besser einordnen.

Woher kommt Chrislam?

Die Religionsforscherin Marloes Janson beschreibt in ihrer Feldstudie über Lagos von 2016 Bewegungen, die seit den 1970er-Jahren in der nigerianischen Großstadt entstanden. Im Mittelpunkt stehen Ifeoluwa und Oke Tude. Ihre Anhänger beziehen sich auf christliche und muslimische Überzeugungen und Praktiken.

Dahinter steht die Vorstellung, dass die Teilnahme an beiden religiösen Traditionen Zugang zu deren jeweiligen Kräften eröffnen könne. Es geht aus Sicht der Beteiligten auch um Hilfe für dieses Leben und Hoffnung über den Tod hinaus. Das ist eine bestimmte gelebte Religiosität in einem konkreten Umfeld.

Auch unter diesen Gemeinschaften besteht keineswegs vollständige Einigkeit. Janson beschreibt, dass die Offenheit gegenüber Christentum und Islam mit Abgrenzungen gegenüber anderen Chrislam-Gruppen zusammengehen kann. Der gemeinsame Name bezeichnet deshalb keine einheitliche weltweite Organisation.

Warum reicht ein Blick auf Glaubenssätze nicht aus?

Wer Religion verstehen möchte, fragt oft zuerst: Was steht in den heiligen Schriften? Das ist sinnvoll. Ebenso wichtig ist aber die Frage: Was machen Menschen tatsächlich, wenn sie Trost, Heilung oder einen neuen Anfang suchen?

In der Einleitung zu ihrem Buch über religiöse Grenzüberschreitungen berichtet Janson von Einwohnern in Lagos, die verschiedene religiöse Angebote aufsuchen. Manche wechseln ihre Zugehörigkeit, andere verbinden Praktiken miteinander. Die Forscherin betrachtet dabei Austausch und Konkurrenz ebenso wie Unterschiede.

Ein anschauliches Detail: Ein Forschungsbegleiter zeigte ihr ein Gebäude mit Kirchen und einer Moschee auf verschiedenen Etagen. Für ihn war das zunächst eine praktische Raumnutzung. Schon dieses Beispiel zeigt, warum die bloße Nähe von Gotteshäusern noch nichts über eine gemeinsame Glaubenslehre beweist.

Was ist dann interreligiöser Dialog?

Dialog bedeutet, dass Menschen verschiedener Religionen miteinander sprechen, zuhören und möglicherweise zusammenarbeiten. Sie können gemeinsame Anliegen haben, etwa ein friedliches Zusammenleben. Dabei können sie weiterhin ganz unterschiedliche Überzeugungen vertreten.

Stellen Sie sich eine gemeinsame Veranstaltung von Kirche und Moschee im Stadtviertel vor. Die Beteiligten besprechen Hilfe für einsame Nachbarn. Daraus folgt weder ein neues Glaubensbekenntnis noch eine gemeinsame Gottesdienstordnung. Für die Frage nach einer Religionsverbindung müsste man sich die tatsächlichen Lehren und Praktiken ansehen.

Gehört das Abrahamic Family House dazu?

Das Abrahamic Family House in Abu Dhabi wird bisweilen in solche Diskussionen hineingezogen. Nach der offiziellen Eröffnungsmitteilung besteht die Anlage jedoch aus drei getrennten Gotteshäusern: einer Moschee, einer Kirche und einer Synagoge. Hinzu kommen gemeinsame Bereiche für Begegnungen und Gespräche.

Die Eröffnungszeremonie fand am 16. Februar 2023 statt; der Zugang für Besucher und Führungen wurde ab dem 1. März 2023 angekündigt. Eine Überschrift mit der Jahreszahl 2022 ersetzt diese konkreten Angaben nicht.

Auch der dort tätige katholische Geistliche Stefano Luca erklärte in einem Interview von 2024, dass die Gemeinschaften eigene religiöse Räume und Programme behalten. Eine Verschmelzung der Religionen wies er ausdrücklich zurück. Das ist die Erklärung eines beteiligten Geistlichen, keine Aussage über jede denkbare Form religiöser Begegnung.

Wie lassen sich Behauptungen über Chrislam prüfen?

Hilfreich sind vier einfache Fragen: Welche Gemeinschaft ist gemeint? Was lehrt sie selbst? Welche Rituale praktiziert sie? Und von welchem Zeitpunkt ist die Rede?

So wird aus einem aufgeladenen Schlagwort eine überprüfbare Frage. Die Bewegungen in Lagos, ein Besuch bei einer anderen Gemeinde und ein gemeinsames Dialogzentrum können alle interessant sein. Sie erzählen aber unterschiedliche Geschichten. Das Beitragsbild ist eine freie Illustration einer Gesprächsrunde und dokumentiert keine bestimmte Chrislam-Gemeinschaft.

Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.

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