Warum haben manche Kirchen Statuen und andere nicht?

Skulpturen und filigranes Maßwerk an einer gotisch gestalteten Kirchenfassade

Statuen in Kirchen hängen mit Bibelauslegung, Vorstellungen von Verehrung und künstlerischen Traditionen zusammen. Katholische Kirchen erlauben Heiligenfiguren, orthodoxe Kirchen sind oft reich an Ikonen, während bestimmte reformierte Bekenntnisse religiöse Darstellungen im Gottesdienst ablehnen. Die einfache Einteilung in kunstfreundliche und kunstfeindliche Christen greift dennoch zu kurz.

Eine vergleichsweise schlichte Kirche kann einer Tradition angehören, die Bilder grundsätzlich erlaubt. Umgekehrt kann ein reich ausgestatteter Raum hauptsächlich Mosaike oder Malereien enthalten. Um einen konkreten Kirchenraum zu verstehen, muss man fragen, was dargestellt wird, wie es verwendet wird und welche Lehre seine Verwendung erklärt.

Statue, Ikone, Kruzifix: Wovon sprechen wir?

Eine Statue ist eine plastische Darstellung. Der Begriff Ikone bezeichnet dagegen ein heiliges Bild in seinem religiösen Zusammenhang; er ist keine bloße Materialangabe. Ein Kruzifix zeigt Christus am Kreuz, ein einfaches Kreuz keine Christusfigur. Diese Unterscheidungen helfen bereits beim Rundgang durch eine Kirche.

Man sollte also nicht aus der Abwesenheit freistehender Figuren schließen, dass eine Gemeinde religiöse Bilder ablehnt. Ebenso wenig sagt das Material allein, welche Rolle ein Gegenstand im Gottesdienst spielt. Eine Darstellung kann eine biblische Geschichte erzählen, zum Gebet hinführen oder Teil der Gestaltung eines Altars sein.

Wie lesen Christen das biblische Bilderverbot?

2. Mose 20:4–5 verbietet das Anfertigen von Bildnissen und das Anbeten beziehungsweise Dienen vor ihnen. Für Christen, die gottesdienstliche Darstellungen ablehnen, ist dies ein zentraler Bezugspunkt. Ihr Einwand kann über den Fall hinausreichen, dass jemand ein Stück Holz für eine selbständige Gottheit hält: Auch der Versuch, Gott durch ein Bild zu verehren, kann als unzulässig gelten.

Andere Christen lesen den Abschnitt zusammen mit 2. Mose 25:18–22. Dort werden goldene Cherubim für die Bundeslade angeordnet. Daraus folgern sie, dass nicht jede religiöse Bildgestaltung automatisch Götzendienst sei. Für sie müssen erlaubte Darstellung und Anbetung eines Geschöpfes unterschieden werden.

Es handelt sich folglich um einen Streit darüber, was das Gebot umfasst und wie verschiedene biblische Stellen aufeinander bezogen werden. Der Hinweis, beide Seiten besäßen doch dieselbe Bibel, löst die Auslegungsfrage nicht.

Illustration zu christlichen Glaubenstraditionen

Katholische Lehre: Verehrung gilt der dargestellten Person

Der Katechismus der katholischen Kirche, Nummern 2130–2132, begründet die Verwendung heiliger Bilder besonders mit der Menschwerdung des Gottessohnes. Er unterscheidet die ehrende Verehrung eines Bildes von der Anbetung, die allein Gott zukommt. Die Ehrung soll der dargestellten Person gelten, nicht dem Material als göttlicher Substanz.

Eine Heiligenfigur stellt nach dieser Lehre daher keine weitere Gottheit dar. Wer jemanden vor einer Statue beten sieht, benötigt diese Unterscheidung, um die offizielle katholische Erklärung zu verstehen. Zugleich ist damit nicht bewiesen, wie jede einzelne Person ihr Tun versteht. Andere christliche Traditionen können auch die lehrmäßig erläuterte Praxis weiterhin ablehnen.

Orthodoxe Kirchen: Viele Bilder bedeuten nicht viele Statuen

Die Orthodox Church in America erläutert Ikonen als Zeugnisse der Gegenwart des Gottesreiches. Auch hier wird der Zusammenhang mit der Menschwerdung Christi betont. Die Ikonostase ordnet Darstellungen Christi, Marias, der Heiligen und biblischer Ereignisse in einem bestimmten Zusammenhang vor dem Altarraum an.

Die Quelle beschreibt daneben Wandbilder und Fresken. Ein Raum kann also reich an heiligen Darstellungen sein, ohne seine Wirkung hauptsächlich durch freistehende Skulpturen zu entfalten. Die orthodoxe Erklärung betrachtet Ikonen auch nicht nur als beliebige optische Lernhilfen: Ihr Platz im Gottesdienst besitzt eine ausdrücklich theologische Bedeutung.

Warum lutherisch und reformiert nicht dasselbe sind

Auch „protestantisch“ ist keine ausreichende Antwort auf die Bilderfrage. Im Magazin der Lutheran Church–Missouri Synod beschreibt der Künstler Edward Riojas den Christus Rex als eine in lutherischen Kirchen vorkommende Kruzifixform. Christus wird königlich und priesterlich gekleidet dargestellt, bleibt aber sichtbar der Gekreuzigte.

Ein solches Bild verbindet Kreuzigung mit Herrschaft und Erlösung. Schon dieses Beispiel widerlegt die pauschale Behauptung, evangelische Kirchen dürften ausschließlich leere Kreuze verwenden. Es zeigt außerdem, dass ein Kruzifix nicht zwangsläufig nur den Schmerz hervorheben muss. Kleidung, Haltung und Ausdruck können weitere Glaubensaussagen vermitteln.

Eine strengere Position enthält das reformierte Westminster-Bekenntnis, Kapitel 21.1. Es bindet die erlaubte Gottesverehrung an Gottes offenbarten Willen und verwirft die Verehrung durch sichtbare Darstellungen. Das betrifft den religiösen Gebrauch eines Bildes, nicht automatisch jeden ästhetischen Gegenstand. Ein Landschaftsgemälde und eine zur Gottesverehrung verwendete Christusdarstellung stellen nach dieser Argumentation verschiedene Fragen.

Der Bilderstreit ist älter als die Reformation

Schon im byzantinischen Reich wurde heftig über Ikonen gestritten. Das Metropolitan Museum of Art ordnet die ikonoklastischen Phasen ungefähr den Jahren 726–787 und 815–843 zu. Es handelte sich nicht um ein einziges ununterbrochenes Verbot. Kirchen- und Reichspolitik waren an diesen Auseinandersetzungen beteiligt; das Kreuz blieb dabei eine akzeptierte Bildform.

Das Zweite Konzil von Nicäa 787 verteidigte die Bilderverehrung; nach einer erneuten Verbotsphase wurde sie 843 wiederhergestellt. Der Streit betraf also nicht nur moderne Vorlieben für einen schlichten oder prunkvollen Raum. Es ging um die Beziehung zwischen Gott, heiliger Person, Darstellung und Verehrung.

Kann auch eine katholische Kirche bewusst schlicht sein?

Ja. Die Allgemeine Einführung in das Römische Messbuch fordert in Nummer 292 eine würdevolle Einfachheit. Nummer 318 behandelt Bilder Christi, Marias und der Heiligen, warnt aber vor einer wahllosen Vermehrung und einer Anordnung, die von der liturgischen Feier ablenkt.

Die grundsätzliche Erlaubnis von Bildern ist damit kein Auftrag, möglichst viele Figuren aufzustellen. Eine zurückhaltende Gestaltung kann mit katholischer Lehre übereinstimmen. Umgekehrt erklärt eine große Zahl von Bildern allein noch nicht, wie sie verwendet werden.

Drei Fragen für den nächsten Kirchenbesuch

  1. Was ist dargestellt? Christus, eine Heiligenperson, eine biblische Szene oder ein nichtfigürliches Zeichen?
  2. Wie wird es verwendet? Als Schmuck, Erzählbild oder ausdrücklich im Gebet und Gottesdienst?
  3. Welche Tradition erklärt den Gebrauch? Eine Auskunft der Gemeinde kann mehr sagen als eine Vermutung aufgrund der Raumwirkung.

So bleibt sowohl der theologische Streit als auch die Vielfalt innerhalb der Kirchen sichtbar. Wer die Bibelstellen selbst vergleichen möchte, findet passende Ausgaben im deutschen Bibelratgeber.

Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.

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