Die Hidschra ist Muhammads Auswanderung von Mekka nach Medina im Jahr 622. Mit ihr begann eine neue Phase der muslimischen Gemeinschaft: Menschen verließen ein Umfeld, in dem sie unter Druck standen, und bauten andernorts ein gemeinsames religiöses und gesellschaftliches Leben auf.
Vielleicht ist Ihnen die Hidschra vor allem als Beginn der islamischen Zeitrechnung begegnet. Dabei gehören drei Dinge auseinander: die tatsächliche Reise, der Aufbau der Gemeinschaft in Medina und die erst später eingeführte Jahreszählung. Genau diese Unterschiede machen die Geschichte verständlich.
Warum verließ Muhammad Mekka?
Muhammads Botschaft vom einen Gott stieß in Mekka auf Widerstand. Nach dem Tod seiner Frau Khadija und seines Onkels Abu Talib war seine Lage besonders schwierig geworden. Das Metropolitan Museum beschreibt Medina als Ort, an dem Muhammad und seine Anhänger Schutz und die Möglichkeit zur Ausübung ihrer Religion fanden.
Medina, zuvor Yathrib genannt, war bereits eine bewohnte Oasensiedlung mit eigenen Gruppen und Bündnissen. Die Neuankömmlinge mussten dort Beziehungen aufbauen. Die Auswanderung war also mehr als ein Ortswechsel: Sie verlangte neue Absprachen darüber, wie Menschen zusammenleben und einander unterstützen sollten.
Auch brachen nicht alle frühen Muslime am selben Tag auf. Der lange, Aischa zugeschriebene Bericht in Sahih al-Bukhari 3905 erinnert an Menschen, die zuvor nach Äthiopien ausgewandert waren und später nach Medina kamen. Die Bewegung nach Medina hatte eine Vorgeschichte.
Was erzählt die Geschichte von der Höhle?
Im Gedächtnis vieler Muslime gehört die Höhle fest zur Hidschra. Koran 9,40 erinnert an zwei Menschen in einer Höhle: Der Prophet spricht seinem Begleiter Mut zu und verweist auf Gottes Beistand. Der Vers selbst nennt weder Abu Bakrs Namen noch den Berg der Höhle.
Diese Einzelheiten stehen im ausführlicheren Bukhari-Bericht. Dort verbringen Muhammad und Abu Bakr drei Nächte in der Höhle am Berg Thawr. Asma bereitet Proviant vor; Abdullah, Abu Bakrs Sohn, bringt Nachrichten. Für die Weiterreise wird ein ortskundiger Führer beauftragt, der noch der Religion der Quraisch folgt.
Die Erzählung verbindet Gottvertrauen mit sorgfältiger Vorbereitung. Essen, Informationen und Wegkenntnis haben ihren Platz. Der Führer ist außerdem ein Beispiel dafür, dass die Reisenden auch einem Menschen außerhalb ihres eigenen Glaubenskreises eine wichtige Aufgabe anvertrauten.
Koran und Hadith sind dabei verschiedene Quellenarten: Der Koran gilt Muslimen als Offenbarung; Hadithe überliefern Aussagen und Handlungen des Propheten. Wer beide auseinanderhält, kann erkennen, woher welche Einzelheit einer Nacherzählung stammt.
Wie halfen die Menschen in Medina den Neuankömmlingen?
Die Ausgewanderten heißen Muhadschirun, ihre Unterstützer in Medina Ansar. Hinter diesen Namen stehen ganz praktische Fragen: Wovon leben Menschen, wenn sie ihre bisherige Umgebung verlassen haben? Wer verfügt über Land, Arbeit und Nahrung?
Ein Bericht über Dattelpalmen macht das greifbar. Die Ansar schlagen vor, die Palmen mit den Ausgewanderten zu teilen. Nach der Ablehnung dieses Vorschlags wird vereinbart, dass die Neuankömmlinge bei der Pflege helfen und an den Früchten beteiligt werden.
Das ist ein konkretes Modell der Unterstützung: Die einen bringen vorhandene Ressourcen ein, die anderen Arbeit. Die Überlieferung zeigt einen Weg, Lebensunterhalt zu organisieren. Sie behauptet nicht, dass damit alle Besitzunterschiede oder Probleme verschwunden seien.
Was war die sogenannte Verfassung von Medina?
Mit diesem Namen wird eine Sammlung früher Vereinbarungen über die Gemeinschaft verbunden. Darin geht es unter anderem um Schutz, gegenseitige Pflichten, Konflikte und Beziehungen zu jüdischen Gruppen. Die Bezeichnung „Verfassung“ kann allerdings zu modernen Erwartungen verleiten.
Eine in einer Universitätslehrsammlung zugängliche Übersetzung enthält Bestimmungen zu gemeinsamer Verteidigung und Beiträgen sowie zur unterschiedlichen Religion jüdischer und muslimischer Beteiligter. Das sind Absprachen für eine bestimmte Bündnisgemeinschaft, keine vollständige Erklärung heutiger Grundrechte.
Überliefert ist der Text in späteren literarischen Quellen, darunter Ibn Ishaqs Lebensbeschreibung Muhammads. Eine erhaltene, von allen Beteiligten 622 unterschriebene Originalurkunde liegt damit nicht vor. Auch die Gliederung in mehrere Teilvereinbarungen ist eine wissenschaftliche Rekonstruktion.
Der Historiker Michael Lecker betont in seiner Untersuchung, dass nicht alle jüdischen Gruppen auf dieselbe Weise beteiligt waren. Er unterscheidet Teilnehmer des Dokuments von Gruppen mit anderen Absprachen und liest eine wichtige Klausel als Sicherheitsgarantie.
Für den Einstieg reicht deshalb eine klare Vorstellung: In Medina mussten unterschiedliche Gruppen ihre Beziehungen ordnen. Religiöse Zugehörigkeit, Schutz und öffentliche Verantwortung hingen dabei zusammen. Wie einzelne Bestimmungen zu verstehen sind, wird in der Forschung genauer untersucht.
War damit schon alles am späteren Islam fertig?
Nein. Muhammad wirkte in Medina nicht nur als religiöser Lehrer, sondern auch als Leiter der Gemeinschaft. Gleichzeitig entwickelten sich das Zusammenleben, Vereinbarungen und Konflikte weiter. Auch die Auseinandersetzung mit Mekka endete durch den Umzug nicht sofort.
Deshalb sollte man aus der Hidschra keinen einzigen Gründungsmoment machen, in dem sämtliche späteren Regeln und Einrichtungen bereits vorhanden gewesen wären. Offenbarungen, Entscheidungen Muhammads, frühe Absprachen und die Arbeit späterer Rechtsgelehrter gehören zu unterschiedlichen Etappen.
Warum zählt der islamische Kalender ab der Hidschra?
Die Auswanderung wurde zum Bezugspunkt der islamischen Jahreszählung. Das astronomische Kalenderhandbuch des US Naval Observatory schreibt deren Einführung Kalif Umar im Jahr 17 der Hidschra-Ära zu. Die Zählung wurde also rückwirkend auf die Ereignisse von 622 bezogen.
Die Abkürzung AH bezeichnet diese Ära. Ein Jahr darin beginnt mit dem Monat Muharram. Das bedeutet aber nicht, dass Muhammad am ersten Muharram in Medina angekommen wäre.
Ägyptens Dar al-Ifta ordnet die eigentliche Auswanderung dem Monat Rabi al-Awwal zu und unterscheidet sie ausdrücklich vom Jahresanfang in Muharram. Bezugspunkt einer Zeitrechnung und Jahrestag eines Ereignisses sind zwei verschiedene Dinge.
Ein Kalender kann also die Bedeutung eines Ereignisses festhalten, ohne dass sein Neujahrstag dessen exaktes Datum wiederholt. Das erklärt eine häufige Verwechslung rund um das islamische Neujahr.
Welche Bedeutung hat Hidschra über die Reise hinaus?
Islamische Überlieferungen verbinden Auswanderung auch mit der Absicht eines Menschen. Bukhari 1 nennt etwa weltlichen Nutzen oder eine Heirat als mögliche Beweggründe. Dieselbe äußere Handlung kann aus unterschiedlichen Gründen geschehen.
Bukhari 10 verwendet das Wort für einen Auswanderer außerdem im moralischen Sinn: als Menschen, der hinter sich lässt, was Gott verboten hat. Diese Übertragung ergänzt die historische Reise; sie ersetzt sie nicht.
So lässt sich die Hidschra auf mehreren Ebenen verstehen: als Auswanderung von 622, als Beginn einer neuen Gemeinschaftssituation und als Anlass, über Hilfe, Verantwortung und eigene Beweggründe nachzudenken. Ihre Geschichte erzählt dabei auch von etwas sehr Konkretem: Vertrauen braucht Menschen, die Essen bringen, Nachrichten weitergeben und beim Ankommen helfen.
Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.




