Warum schließen sich Menschen Gruppen an, die als Sekten gelten?

Symbolische Illustration einer Gesprächsrunde um einen Tisch

Menschen schließen sich solchen Gruppen häufig an, weil sie Gemeinschaft finden, eine Lehre überzeugend finden oder ihr Leben verändern möchten. Das sind zunächst nachvollziehbare Wünsche. Sie erklären nicht automatisch, ob eine Gruppe verantwortungsvoll handelt oder Mitglieder unter Druck setzt.

Außerdem sind Beitritt, Bleiben und Aussteigen verschiedene Situationen. Eine Einladung durch eine Freundin ist schnell angenommen. Jahre später können fast alle wichtigen Beziehungen mit der Gruppe verbunden sein. Dann steht bei einem Ausstieg viel mehr auf dem Spiel.

Was sagt das Wort „Sekte“ eigentlich aus?

Im Alltag ist es meistens ein Warnwort. Es kann kleine, ungewohnte Religionsgemeinschaften meinen, aber auch Gruppen, denen Kontrolle oder Missbrauch vorgeworfen wird. Ohne nähere Erklärung bleibt unklar, was genau kritisiert wird.

Die religionswissenschaftliche Informationsstelle Inform erklärt die unterschiedlichen Verwendungen des englischen Begriffs „cult“ und beginnt lieber mit konkreten Überzeugungen und Praktiken. „Neue religiöse Bewegung“ ist ebenfalls kein anderes Wort für „missbräuchliche Gruppe“.

Ungewöhnliche Lehren beweisen keinen Missbrauch. Ein bekannter Name beweist umgekehrt keine Sicherheit. Entscheidend ist das Verhalten: Wer darf was entscheiden, welche Grenzen gibt es, und wie wird mit Beschwerden umgegangen?

Oft beginnt es mit einer Beziehung

Viele Menschen begegnen einer Gruppe über jemanden, den sie bereits kennen. Gemeinsam essen, ein Gespräch führen oder zu einer Veranstaltung mitkommen kann Vertrauen schaffen. Die Inhalte werden dadurch nicht unwichtig; man hört ihnen vielleicht erstmals aufmerksam zu.

Die Studie „Networks of Faith“ von Rodney Stark und William Sims Bainbridge untersuchte 1980 drei verschiedene religiöse Gruppen. Ihr Abstract berichtet starke Hinweise auf die Bedeutung persönlicher Netzwerke und versteht Beziehungen und die Anziehung einer Lehre als ergänzende Erklärungen.

Solche Netzwerke tragen auch etablierte Religionen. Dass jemand Freunde in einer Gemeinde findet, ist deshalb noch kein Beleg für Manipulation. Die weitere Frage lautet, ob diese Beziehungen auch Zweifel, Grenzen und einen möglichen Abschied aushalten.

Zugehörigkeit und der Wunsch nach Veränderung sind echte Anreize

Vielleicht ist jemand gerade umgezogen, sucht Orientierung oder möchte bewusster leben. Eine Gruppe kann feste Treffen, klare Ziele und Menschen bieten, die sich zu interessieren scheinen. Das kann attraktiv sein, ohne dass die Person deswegen besonders leichtgläubig wäre.

Die Soziologin Dominiek Coates untersuchte in einer 2014 erschienenen Studie Lebensgeschichten von 23 ehemaligen Mitgliedern aus elf australischen Gruppen. Manche suchten verlässliche Bezugspersonen und Richtung, andere wollten sich selbst verändern. Stärkere soziale Verbindungen spielten dabei eine wichtige Rolle.

Diese Interviews machen Erfahrungen nachvollziehbar. Sie sind keine repräsentative Zählung aller Beitrittsgründe. Besonders wichtig ist ihre Perspektive: Es wurden ehemalige Mitglieder befragt, nicht eine zufällige Auswahl sämtlicher Mitglieder religiöser Gemeinschaften.

Warum bleibt jemand, wenn Probleme entstehen?

Mit der Zeit können Vorteile und Einschränkungen gleichzeitig wachsen. Man hat Freunde, eine Aufgabe und eine Erklärung für das eigene Leben gefunden. Zugleich kostet Widerspruch vielleicht Anerkennung oder führt zu Drohungen.

In einer weiteren Coates-Studie von 2012 beschrieben sieben ehemalige Mitglieder aus vier Gruppen sowohl direkte Vorteile der Mitgliedschaft als auch Kontrolle durch Gruppe und Leitung als Gründe für fortgesetzte Bindung.

Das erklärt, warum die Frage „Warum bist du nicht einfach gegangen?“ zu kurz greift. Jemand kann echte Freundschaften und aufrichtige Überzeugungen haben und trotzdem in seiner Freiheit eingeschränkt werden. Beides lässt sich nicht immer in eine durchgehend gute oder schlechte Erinnerung aufteilen.

Was ist mit „Gehirnwäsche“ gemeint?

Der Ausdruck klingt, als könne eine Leitung den eigenen Willen mit einer einzigen Technik ausschalten. Manchmal wird damit aber auch allgemein starker sozialer Druck bezeichnet. Diese Bedeutungen sollte man nicht vermischen.

Coates schlägt in einer Untersuchung über Konformität und Bindung vor, umstrittene Praktiken auf einem Spektrum sozialen Einflusses zu betrachten. Der öffentlich zugängliche Abstract beschreibt die Analyse von Berichten aus elf Gruppen und die fachliche Debatte über normale Sozialisation und schädliche Praktiken.

Die Frage ist also nicht nur, ob eine Gruppe Menschen beeinflusst. Das tun viele Gemeinschaften. Entscheidend ist, wie: durch offene Argumente und frei gewählte Verpflichtungen oder durch Einschüchterung, Abschottung und das systematische Einschränken von Alternativen?

Kontrolle lässt sich an konkreten Mustern untersuchen

Die Forscherin Sarah Feliciano wandte 2023 in einer explorativen Masterarbeit an der CUNY einen Rahmen zur Untersuchung von Zwangskontrolle auf Interviews mit 52 ehemaligen Mitgliedern an. Auch psychologische und Selbsthilfegruppen waren vertreten. Häufig berichtete Muster waren Manipulation, Einschüchterung und enge Regulierung des Alltags.

Für Alltagsleser wird das an Fragen greifbar: Darf jemand Kontakte außerhalb der Gruppe pflegen? Eine Geldforderung ablehnen? Informationen von Kritikern lesen? Was passiert, wenn eine Person gehen möchte?

Die Arbeit ist keine repräsentative Untersuchung aller religiösen Gruppen. Und eine charismatische Persönlichkeit allein beweist keine missbräuchliche Kontrolle. Verhalten und belegte Erfahrungen sind aussagekräftiger als eine aus der Ferne vergebene psychische Diagnose.

Warum passen Menschen manchmal ihre Überzeugungen an?

Wer viel für eine Sache aufgegeben hat, möchte verständlicherweise glauben, dass es sinnvoll war. Ein Widerspruch zwischen wichtigen Überzeugungen und eigenem Verhalten kann inneren Druck erzeugen. In der Psychologie heißt das kognitive Dissonanz.

Im Experiment von Leon Festinger und James Carlsmith von 1959 sollten Teilnehmende langweilige Tätigkeiten gegenüber einer anderen Person positiv darstellen. Wer dafür einen Dollar erhielt, bewertete die Tätigkeiten hinterher positiver als die Gruppe mit zwanzig Dollar. Die Autoren erklärten das mit der unterschiedlichen äußeren Rechtfertigung für die eigene Aussage.

Das war ein Laborversuch, keine Studie über religiöse Rekrutierung. Er zeigt einen möglichen Mechanismus, erklärt aber nicht automatisch eine bestimmte Mitgliedschaft. Nach einer Enttäuschung kann jemand seine Überzeugung verteidigen, ändern oder gehen. Keine dieser Reaktionen allein beweist, dass sein Denken vollständig kontrolliert wurde.

Welche Fragen helfen bei der Einschätzung?

Inform betont die Prüfung des Einzelfalls. Verhältnisse können sich zwischen örtlichen Gruppen unterscheiden und mit der Zeit ändern. Hilfreiche Fragen sind deshalb konkret:

  • Werden Zeitaufwand, Geldforderungen und Verpflichtungen vorher offen erklärt?
  • Darf man die Leitung kritisieren und außerhalb der Gruppe Rat suchen?
  • Kann man einzelne Wünsche ablehnen, ohne bedroht zu werden?
  • Was geschieht nach einem Austritt?
  • Wie werden belegte Beschwerden untersucht und beantwortet?

Die Hinweise für Interessierte empfehlen Informationen aus mehreren Quellen, schrittweise Beteiligung und Zeit vor großen finanziellen oder lebensverändernden Verpflichtungen. Das ist keine Garantie für Sicherheit, hilft aber, eine Entscheidung besser informiert zu treffen.

Wer einer Person zuhört, die eine schädliche Gruppe verlassen hat, sollte auch gemischte Gefühle zulassen. Vertrauen, Hoffnung und der Wunsch nach Gemeinschaft machen niemanden verantwortlich für fremden Missbrauch. Zu verstehen, wie eine Bindung entstand, ist etwas anderes, als Betroffenen die Schuld dafür zu geben.

Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.

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