Warum Tiere im Hinduismus eine besondere Rolle spielen

Illustration einer Elefantenfigur mit kleineren Elefanten zwischen verzierten Säulen

Ein Gott mit Elefantenkopf, ein Affenheld und Kühe, denen Menschen besondere Achtung entgegenbringen: Tiere begegnen uns im Hinduismus auf ganz verschiedene Weise. Dahinter steckt mehr als die Vorstellung, ein bestimmtes Tier sei besonders stark oder niedlich.

Tiere können zu einer Gottheit gehören, selbst Teil einer göttlichen Gestalt sein oder als lebende Wesen religiös geehrt werden. Wer diese Unterschiede kennt, versteht Tempelbilder und Erzählungen viel besser. „Hindus beten Tiere an“ ist dafür eine zu grobe Zusammenfassung.

Vier Beziehungen, die man auseinanderhalten sollte

Illustration zum HinduismusSchon vier Beispiele zeigen die Vielfalt. Ganesha ist eine Gottheit mit Elefantenkopf. Varaha ist eine Erscheinungsform Vishnus als Eber. Nandi, der Stier, begleitet Shiva als Reittier. Eine lebende Kuh wiederum kann bei einem Fest geschmückt und geehrt werden.

Das ist jeweils etwas anderes. Ganesha ist nicht einfach ein Elefant, der zufällig verehrt wird. Und Nandi ist nicht bloß ein anderer Name für Shiva. Die Tiergestalten erzählen von bestimmten Beziehungen und religiösen Vorstellungen. Die folgenden Beispiele helfen, sie zu erkennen.

Ganesha: Der Elefantenkopf gehört zu einer Gottheit

Ganesha lässt sich meist sofort erkennen: Elefantenkopf, menschlicher Körper und häufig mehrere Arme. Er gilt als Beseitiger von Hindernissen. Menschen wenden sich deshalb beispielsweise an ihn, wenn etwas Neues beginnt. Das ist Ausdruck von Vertrauen und religiöser Hingabe, keine Zusicherung, dass jedes Vorhaben gelingt.

Wie viel ein einzelnes Bild erzählen kann, zeigt eine Ganesha-Figur aus dem 12. Jahrhundert im Metropolitan Museum of Art. Sie stammt aus Tamil Nadu. Zu ihren Attributen gehören eine Schlinge, eine Axt, eine Süßigkeit und ein Stoßzahn. Solche Gegenstände helfen, die dargestellte Gottheit zu erkennen.

Wer nur auf den Tierkopf schaut, verpasst diese Bildsprache. Ein religiöses Bild ist hier kein naturgetreues Tierporträt. Kopf, Körperhaltung und Gegenstände gehören zusammen. Die Frage lautet deshalb eher: „Welche Gottheit wird hier gezeigt, und was erfahren wir über sie?“

Hanuman: Hingabe, Mut und Hilfe

Hanuman hat eine affenartige Gestalt und gehört zu den bekannten Figuren des Ramayana. In diesem Epos unterstützt er Rama. Seine Bedeutung liegt besonders in seiner Treue, seiner Kraft und seinem Einsatz für andere.

Eine berühmte Episode handelt von heilenden Kräutern. Hanuman soll sie auf einem Berg finden, kann die richtige Pflanze aber nicht sicher bestimmen. Daraufhin bringt er gleich den ganzen Berg. Ein Gemälde aus Rajasthan im Metropolitan Museum zeigt diese Geschichte.

Das Bild ist leicht zu verstehen: Jemand gibt nicht auf, wenn eine Aufgabe schwierig wird, sondern sucht mit ganzer Kraft nach einer Lösung. Für die religiöse Verehrung ist Hanuman zugleich viel mehr als ein Vorbild für Tatkraft. Er ist eine Gestalt der Hingabe an Rama. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass jeder frei lebende Affe auf dieselbe Weise verehrt würde.

Nandi: Warum ein Stier zu Shiva gehört

Bei Nandi ist die Beziehung wieder anders. Der Stier ist Shivas Reittier und Begleiter. Der häufig verwendete Begriff Vahana bedeutet in diesem Zusammenhang das Fahrzeug oder Reittier einer Gottheit.

Ein Bild von Shiva und Parvati aus dem 18. Jahrhundert zeigt Nandi unterhalb des göttlichen Paares. Die Anordnung macht die Verbindung sichtbar: Der Stier gehört zur Darstellung Shivas, ohne einfach mit ihm identisch zu sein.

Für den Blick auf religiöse Kunst ist das nützlich. Ein Begleittier kann verraten, welche Gottheit gemeint ist, selbst wenn man andere Einzelheiten noch nicht erkennt. Man muss dafür nicht sofort eine lange Liste von Namen auswendig lernen. Ein oder zwei vertraute Zuordnungen reichen für den Anfang.

Varaha: Vishnu in der Gestalt eines Ebers

Varaha gehört zu Vishnu. Er ist ein Avatar, also eine göttliche Erscheinungsform. In der Erzählung nimmt Vishnu die Gestalt eines Ebers an, um die Erde aus dem kosmischen Meer zu retten.

Das Norton Simon Museum erläutert diese Rettungsgeschichte anhand einer Varaha-Skulptur. Die Erde wird dabei als weibliche Gestalt gezeigt. Das Tiermotiv gehört zu einer Erzählung über Rettung und die Wiederherstellung der Welt.

Hier hilft die Unterscheidung zu Nandi besonders: Bei Nandi geht es um das Tier, das eine Gottheit begleitet. Bei Varaha geht es um Vishnu selbst in einer bestimmten Erscheinungsform.

Elefanten bei Lakshmi: Begleiter, kein Elefantenkopf

Auch die Göttin Lakshmi wird mit Elefanten dargestellt. Eine solche Darstellung heißt Gajalakshmi. Anders als Ganesha hat Lakshmi dabei keinen Elefantenkopf. Die Tiere stehen neben ihr.

Ein indischer Farbdruck aus den 1930er-Jahren zeigt Lakshmi auf einem Lotus, begleitet von zwei weißen Elefanten mit Lotusblüten. Andere bekannte Darstellungen zeigen die Elefanten beim Übergießen der Göttin mit Wasser. Der Vergleich macht deutlich, dass ein und dasselbe Tier in verschiedenen religiösen Bildern unterschiedliche Aufgaben haben kann.

Warum Kühe besonders geachtet werden

Bei der Kuh geht es auch um das lebende Tier. Der Hindu-Autor D. C. Rao erklärt die besondere Achtung unter anderem mit Dankbarkeit: Kühe versorgen Menschen mit Milch und waren eng mit dem Leben bäuerlicher Gemeinschaften verbunden. In seinem Einführungsheft, auf der gedruckten Seite 52, verbindet er das mit der Vorstellung, dass das Göttliche die Welt durchdringt.

Rao erwähnt auch Feste, bei denen die Kuh einer Familie religiös geehrt wird. Es wäre deshalb zu kurz gegriffen, jede religiöse Verehrung lebender Tiere zu bestreiten. Ebenso falsch wäre aber, daraus eine einheitliche Praxis aller Hindus zu machen. Eine religiös geschmückte Kuh, Ganesha und Shivas Nandi gehören nicht in dieselbe einfache Schublade.

Was hat das mit dem Umgang mit Tieren zu tun?

Ein wichtiger Begriff ist Ahimsa: das Bemühen, Lebewesen nicht zu verletzen. Die Hindu American Foundation begründet damit einen achtsamen Umgang mit Tieren und kritisiert leidvolle Tierhaltung. Sie verweist auch auf Karma, also die Folgen von Handlungen, und auf die Verbundenheit des Lebens.

Solche Grundsätze erklären, warum vegetarische Ernährung für viele Hindus wichtig ist. Sie bedeuten nicht, dass alle Hindus vegetarisch leben oder Tiere überall gut behandelt würden. Auch Tieropfer kommen in bestimmten Traditionen vor. Die Hindu American Foundation benennt das, lehnt sie aber ab. Hier spricht eine Organisation mit einer eigenen religiösen und ethischen Position.

Wer mehr über den Zusammenhang von Ernährung und Rücksichtnahme wissen möchte, findet ihn in unserem Beitrag über Vegetarismus und Ahimsa im Hinduismus.

Ein guter Blick auf Tempelbilder

Wenn dir das nächste Mal eine Tiergestalt in einem hinduistischen Bild begegnet, helfen drei Fragen: Ist das Tier Teil einer Gottheit? Begleitet es eine Gottheit? Oder geht es um ein lebendes Tier, das religiös geehrt wird? Damit wird aus einem zunächst fremden Motiv eine verständliche Beziehung.

Für den nächsten Schritt eignen sich unsere Einführung in hinduistische Götter und Göttinnen und die Bücher für Hinduismus-Einsteiger.

Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.

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