Wie deuten Christen die Schöpfung in der Genesis?

Fantasievolle Illustration einer üppigen Landschaft mit Pflanzen, Tieren und einem Wasserfall als Schöpfungsmotiv

Christen sind sich nicht einig, wie die Schöpfungserzählungen der Genesis zur Naturgeschichte passen. Einige verstehen die Schöpfungstage als gewöhnliche Tage einer jungen Welt. Andere nehmen ein hohes Erdalter an, lesen die Woche als literarischen Rahmen oder verbinden den Schöpfungsglauben mit biologischer Evolution. Gemeinsam ist ihnen das Bekenntnis zu Gott als Schöpfer; die konkreten Auslegungen können dennoch weit auseinanderliegen.

Für einen klaren Vergleich sind drei Fragen zu unterscheiden: Was steht im biblischen Text? Wie deutet eine bestimmte Gemeinschaft ihn? Und welche Aussagen über die Natur lassen sich wissenschaftlich prüfen? Eine sorgfältige Darstellung religiöser Positionen macht sie nicht automatisch zu gleich gut belegten naturwissenschaftlichen Modellen.

Genesis erzählt mit unterschiedlichen Schwerpunkten

Genesis 1 gestaltet die Schöpfung durch wiederkehrende Gottesrede, Trennung und Ordnung. Licht, Lebensräume und Lebewesen erscheinen innerhalb einer Woche. Menschen werden als Gottes Ebenbild beschrieben; das Geschaffene wird als gut bezeichnet. In Genesis 2,1–3 folgen Vollendung und Heiligung des siebten Tages.

Ab Genesis 2,4 verschiebt sich der Schwerpunkt. Erzählt werden die Bildung des Menschen aus Erde, der Lebensatem, der Garten, seine Bearbeitung und Bewahrung sowie die Suche nach menschlicher Gemeinschaft. Das Verhältnis dieser Darstellung zur geordneten Woche ist selbst eine Auslegungsfrage.

Genesis 3 fügt Übertretung, Scham, gegenseitige Beschuldigung und den Verlust des Gartens hinzu. Christliche Gespräche über Schöpfung betreffen deshalb nicht nur die Dauer von Tagen, sondern auch Freiheit, Schuld, Sterblichkeit und Erlösung.

Schon Augustinus fragte nach der Bedeutung der Tage

In Der Gottesstaat, Buch XI, Kapitel 6–7, verbindet Augustinus die Entstehung der Welt mit dem Beginn der Zeit. Er hält die genaue Beschaffenheit der Schöpfungstage für schwer vorstellbar und fragt nach Tagen, die der Erschaffung der Sonne vorausgehen.

Das zeigt: Über den Text wurde schon lange vor Darwin nicht ausschließlich im Sinn eines einfachen modernen Stundenplans nachgedacht. Augustinus dadurch zum Vertreter heutiger Evolutionsbiologie zu erklären wäre allerdings ebenso falsch. Seine Fragen gehören in seine eigene antike Theologie; sie entscheiden die heutigen fachwissenschaftlichen Debatten nicht.

Junge Erde und sechs gewöhnliche Tage

Ein ausdrücklich jungerdekreationistisches Beispiel bietet die Glaubenserklärung von Answers in Genesis. Sie versteht Genesis 1–11 als Darstellung tatsächlicher Ereignisse und die Schöpfungswoche als sechs aufeinanderfolgende Tage von jeweils 24 Stunden. Die gesamte Geschichte der Schöpfung wird in eine kurze Chronologie eingeordnet.

Die Organisation lehnt Deutungen ab, die geologische Zeitalter oder evolutionäre Entstehung in den Text einpassen. Dahinter steht eine bestimmte Auffassung biblischer Autorität, die auch Aussagen zur Naturgeschichte verbindlich festlegen soll.

Diese Position darf nicht pauschal allen Protestanten oder Evangelikalen zugeschrieben werden. Sie ist eine innerhalb des Christentums vertretene Auslegung mit konkreten überprüfbaren Behauptungen über das Alter und die Entwicklung der Welt.

Alte Erde mit besonderen Schöpfungsakten

Reasons to Believe beschreibt Alte-Erde-Kreationismus anders: Erde und Universum sind sehr alt, die Tage werden als ausgedehnte Zeitabschnitte verstanden. Zugleich werden besondere göttliche Schöpfungsakte angenommen; eine gemeinsame evolutionäre Abstammung des Menschen mit anderen Lebewesen wird abgelehnt.

In dieser Form nennt man die Auslegung auch Tag-Zeitalter-Deutung. Sie beantwortet die Frage nach dem Erdalter anders als der Jungerdekreationismus, teilt aber nicht die biologische Abstammungsauffassung evolutionärer Schöpfungstheologien.

Der Unterschied ist entscheidend: Wer ein hohes Erdalter anerkennt, hat damit noch nicht automatisch Evolution in allen ihren biologischen Aussagen akzeptiert. Alter der Erde und Verwandtschaft der Lebewesen sind miteinander verbunden, aber unterschiedliche Fragen.

Die Woche als literarischer Rahmen

Der reformierte Theologe Meredith G. Kline argumentierte in „Because It Had Not Rained“ von 1957/58 für einen bildhaften chronologischen Rahmen der Genesis. Sein Ausgangspunkt ist insbesondere Genesis 2,5. Die Erzählordnung müsse nicht in jedem Punkt eine zeitliche Abfolge natürlicher Vorgänge abbilden.

Die Rahmenauslegung verlängert also nicht einfach jeden Tag. Sie fragt, ob die ganze Woche eine strukturierende Darstellungsform ist. Kline wollte damit weder historische Wahrheit grundsätzlich aufgeben noch eine unbegrenzte allegorische Deutung zulassen. Seine Argumentation ist zunächst eine Auslegung des Textes, keine biologische Erklärung der Artenentstehung.

Deshalb ist eine literarische Lesart nicht automatisch identisch mit jeder Form evolutionärer Schöpfung. Die Entscheidung über die Textgestaltung und die Zustimmung zu einem wissenschaftlichen Modell müssen jeweils begründet werden.

Evolution als Weise göttlichen Schaffens

BioLogos erläutert evolutionäre Schöpfung als Verbindung des Glaubens an Gott als Schöpfer und Erhalter mit der Anerkennung von Evolution und gemeinsamer Abstammung. Auch die biologische Verwandtschaft des Menschen mit anderen Lebewesen wird angenommen.

Die Organisation beschreibt zugleich Unterschiede innerhalb dieser Gemeinschaft. Beispielsweise wird Adam teils als historische Person, teils symbolisch verstanden. Auch die Bedeutung der Gottebenbildlichkeit wird unterschiedlich erläutert. Evolution zu akzeptieren erledigt daher nicht automatisch alle theologischen Fragen nach Adam, Sünde und Erlösung.

Gottes Wirken wird in dieser Perspektive nicht nur an Unterbrechungen natürlicher Abläufe festgemacht. Natürliche Prozesse können als Ausdruck göttlicher Vorsehung verstanden werden. Das ist eine theologische Deutung der Natur, die zu den biologischen Erklärungen hinzutritt.

Ein katholisches Beispiel aus dem Jahr 1950

Pius XII. erlaubte in Humani generis, Abschnitt 36, fachkundige Forschung und Diskussion über die Herkunft des menschlichen Körpers aus bereits lebender Materie. Zugleich hielt er an der unmittelbaren Erschaffung der Seele durch Gott fest.

Abschnitt 37 setzte der Annahme des Polygenismus Grenzen, weil dessen Vereinbarkeit mit der kirchlichen Lehre über Adam und Erbsünde als nicht erkennbar beurteilt wurde. Das Dokument zeigt historisch, wie eine Kirche wissenschaftliche Forschungsfragen und theologische Bindungen unterschied.

Es stammt aus dem Jahr 1950 und ist kein vollständiger Überblick über alle späteren katholischen Beiträge. Ebenso wenig ersetzt seine kirchliche Autorität naturwissenschaftliche Belege.

Was sagt die Wissenschaft?

Das US-amerikanische National Institute of Standards and Technology erläutert radiometrische Datierung: Zerfallsraten und Isotopenverhältnisse ermöglichen Altersbestimmungen. Messungen an Mineralen von Erde, Mond und Meteoriten tragen zur Schätzung bei, dass die Erde vor etwa 4,54 Milliarden Jahren entstand.

Die National Academies fassen die vielfältigen Belege für Evolution zusammen, darunter unabhängig gewonnene Beobachtungen und experimentelle Prüfungen. „Theorie“ bedeutet hier eine wissenschaftlich gestützte Erklärung und nicht bloß eine Vermutung.

Eine Erde, die erst wenige Jahrtausende alt ist, steht im Widerspruch zu diesen Befunden. Religiöse Überzeugungen respektvoll zu erläutern erfordert nicht, diesen Widerspruch zu verschweigen. Umgekehrt beantwortet eine Datierung allein nicht die theologische Frage, ob die Welt einen göttlichen Sinn hat.

Menschenwürde und Verantwortung gehören ebenfalls zum Thema

Römer 5,12–21 verbindet Adam und die Folgen des Ungehorsams mit Christus und der Gnade. Dadurch erklären sich manche theologischen Schwierigkeiten verschiedener Ursprungsmodelle: Es geht nicht nur um eine Zeittafel, sondern um zusammenhängende Aussagen über das menschliche Leben.

Genesis 2,15 nennt außerdem die Aufgabe, den Garten zu bearbeiten und zu bewahren. Gemeinsam mit der Güte der Schöpfung und der Gottebenbildlichkeit eröffnet das Fragen nach Arbeit, Abhängigkeit, menschlichem Wert und Verantwortung. Ein Gespräch, das ausschließlich um Jahreszahlen kreist, würde diese zentralen Aspekte übergehen.

Weiterführend behandelt unser Beitrag Wissenschaft und Religion, wie unterschiedliche Arten von Aussagen aufeinander bezogen werden können. Für die Genesis bleibt es hilfreich, Text, benannte Auslegung und empirische Belege sorgfältig auseinanderzuhalten und anschließend ihr Verhältnis zu prüfen.

Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.

Schreibe einen Kommentar