Götzendienst und Bilder: Wie Christen das Alte Testament lesen

Kruzifix hinter einer aufgeschlagenen Bibel auf einem Holztisch im warmen Licht

Christliche Deutungen des alttestamentlichen Götzendienstes betreffen die Treue zu Gott und die Frage nach erlaubtem Gottesdienst. Ein Streitpunkt ist, wann ein Bild religiös verwendet werden darf und wann seine Herstellung oder Verehrung selbst zum Problem wird. Katholische, orthodoxe und reformierte Traditionen beantworten diese Frage unterschiedlich.

Deshalb reicht es nicht, die Zahl der Statuen oder Gemälde in einem Kirchenraum zu vergleichen. Entscheidend sind die zugrunde liegenden Texte, die Vorstellung von Darstellung und die jeweilige Handlung. Auch die spätere Übertragung des Begriffs auf Geld oder Macht braucht eine konkrete Begründung.

Das Gebot steht im Zusammenhang der Befreiung

Exodus 20,1–6 stellt Gott als Israels Befreier aus Ägypten vor. Darauf folgen das Verbot anderer Götter, die Warnung vor Bildnissen und das Verbot, sich vor ihnen niederzuwerfen oder ihnen zu dienen. Die Forderung gehört in eine Bundesbeziehung.

Deuteronomium 4,15–19 erinnert daran, dass Israel am Horeb keine Gestalt gesehen habe. Es warnt vor Darstellungen von Menschen und Tieren sowie der Verehrung von Himmelskörpern. Im Text steht dahinter die Unterscheidung zwischen dem sprechenden Gott und einer sichtbaren Gestalt aus der Welt.

Diese Begründung betrifft mehr als eine ästhetische Vorliebe. Sie wirft Fragen auf, was eine Darstellung von Gott beansprucht und wie Menschen sich auf sie verlassen. Spätere Kirchen müssen deshalb erklären, wie ihre eigene Bildpraxis mit solchen Aussagen zusammenhängt.

Das goldene Kalb: Religiöse Absicht genügt nicht

In Exodus 32,1–8 fordert das Volk von Aaron Götter, die ihm vorausgehen sollen. Aaron fertigt aus Gold ein Kalb, errichtet einen Altar und kündigt ein Fest für den HERRN an. Die Erzählung verurteilt das Geschehen dennoch als Abweichen vom gebotenen Weg.

Gerade die religiöse Sprache des Festes ist aufschlussreich. Im Erzählzusammenhang macht die Behauptung, Gott ehren zu wollen, nicht jede Form der Verehrung zulässig. Eine christliche Anwendung kann deshalb nach dem Unterschied zwischen guter Absicht und tatsächlichem Handeln fragen. Sie sollte aber zunächst das konkrete Geschehen erklären.

Jesaja verspottet den selbst hergestellten Retter

Jesaja 44,9–20 beschreibt Handwerker, die ein Bild herstellen. Ein Teil des Holzes wird zum Heizen und Kochen verwendet; aus dem Rest fertigt der Mensch einen Gott, von dem er Rettung erbittet. Die Gegenüberstellung legt die Abhängigkeit des vermeintlichen Retters von seinem Hersteller offen.

Das ist eine theologische Polemik des Textes. Sie erklärt, wie dieser bestimmte Kultformen kritisiert. Sie ist nicht ohne Weiteres eine zuverlässige Beschreibung dessen, wie sämtliche anderen Religionen ihre eigenen Bilder verstehen. Für einen heutigen Vergleich müssen deren Selbstbeschreibungen ebenfalls berücksichtigt werden.

Warum nicht jede Darstellung gleich behandelt wird

Exodus 25,18–22 ordnet die Anfertigung goldener Cherubim an der Bundeslade an. Die Bibelsammlung enthält also neben Bilderverboten auch vorgeschriebene bildliche Gestaltungen in einem religiösen Raum. Eine Erklärung muss beide Befunde zusammen betrachten.

Ein weiteres Beispiel verbindet Numeri 21,4–9 mit 2. Könige 18,4. Zuerst lässt Mose auf Gottes Auftrag eine Schlange aufrichten, zu der Gebissene aufblicken sollen. Später zerstört Hiskia die Mose zugeschriebene Schlange, weil ihr Rauchopfer dargebracht werden.

Der Vergleich richtet den Blick auf den Gebrauch. Ein Gegenstand, dessen Herstellung in einer Erzählung autorisiert wird, ist dadurch nicht für jede spätere religiöse Handlung legitimiert. Zugleich entscheidet dieses Beispiel noch nicht allein jede spätere Frage nach Christusbildern oder Heiligendarstellungen.

Paulus über Götzen und Kultteilnahme

1. Korinther 8,1–6 behandelt Opferfleisch und bekennt den einen Gott. Dabei beginnt Paulus mit einer Warnung vor einer Erkenntnis, die sich über andere erhebt, und betont Liebe. Die Aussage über einen Götzen ist in eine Frage gemeinschaftlicher Verantwortung eingebunden.

In 1. Korinther 10,14–22 lehnt er dennoch die Teilnahme an fremden Opfermahlzeiten ab. Dass ein Götze kein wirklicher Gott sei, macht nach seiner Argumentation nicht jede kultische Handlung harmlos. Die im Text verwendete Rede von Dämonen bezeichnet seine theologische Bewertung der Teilnahme.

Eine präzise Erklärung unterscheidet deshalb die Frage, welche Wirklichkeit einem Bild zugeschrieben wird, von der Frage, was die Teilnahme an einem Ritual bedeutet. Beide können zusammenhängen, sind aber nicht dieselbe Behauptung.

Katholische und orthodoxe Begründungen für Bilder

Der katholische Katechismus, Abschnitte 2130–2132, verweist auf biblische Darstellungen und begründet christliche Bilder mit der Menschwerdung Gottes. Er unterscheidet die Verehrung der dargestellten Person von der Anbetung, die Gott allein zukommt.

Die Orthodox Church in America erklärt Ikonen ebenfalls durch das menschgewordene Wort. Sie beschreibt sie als Zeugen der Gegenwart des Reiches Gottes, nicht lediglich als dekorative Erinnerungsbilder. Damit hat die Darstellung einen bestimmten theologischen und liturgischen Stellenwert.

Diese Gemeinschaften verstehen ihre autorisierte Praxis also nicht als Anbetung von Holz oder Farbe als selbstständigen Göttern. Ihre Unterscheidung erklärt die eigene Lehre; sie bedeutet nicht, dass andere christliche Traditionen sie für ausreichend halten.

Eine reformierte Gegenposition

Der Große Westminster-Katechismus, Frage 109, untersagt Darstellungen Gottes und jeder Person der Dreifaltigkeit sowie die Verehrung Gottes durch solche Darstellungen. Die Frage lautet hier nicht nur, ob jemand eine Statue mit Gott verwechselt, sondern ob diese Art der Gottesdarstellung und Verehrung überhaupt erlaubt ist.

Eine Antwort nach dem Muster „Das Bild soll doch nur helfen“ trifft den Einwand daher nicht vollständig. Die Differenz betrifft die Ermächtigung zur Praxis selbst. Zugleich ist dies eine bestimmte reformierte Bekenntnisposition und keine Beschreibung aller evangelischen Kirchen oder jeder Form protestantischer Kunst.

Götzendienst ohne sichtbare Statue

Kolosser 3,5 bezeichnet Habgier ausdrücklich als Götzendienst. Damit gibt es eine biblische Grundlage dafür, den Begriff über einen materiellen Kultgegenstand hinaus zu verwenden. Der Zusammenhang betrifft eine zerstörerische Bindung des Menschen, nicht bloß das Vorhandensein von Eigentum.

Luthers Großer Katechismus zum ersten Gebot fragt entsprechend danach, worauf ein Mensch letztlich sein Vertrauen setzt und wovon er Hilfe erwartet. In diesem theologischen Verständnis kann auch ein nicht als Gott bezeichnetes Gut den Platz des letzten Vertrauens einnehmen.

Daraus folgt nicht, dass gewöhnliche Freude, Arbeit oder Zuneigung automatisch Götzendienst wären. Für eine verantwortliche Anwendung muss erläutert werden, welches übersteigerte Vertrauen oder welche letztgültige Forderung gemeint ist. Sonst wird aus einem bestimmten religiösen Begriff ein unscharfes Schimpfwort.

Wie sich das Thema sachlich vergleichen lässt

Fragen Sie bei jedem Beispiel nach dem Text, der darstellenden Gemeinschaft und dem tatsächlichen Gebrauch. Das goldene Kalb, die Cherubim und die bronzene Schlange haben unterschiedliche Rollen. Auch spätere christliche Bildpraktiken müssen aus ihren jeweiligen Begründungen heraus erklärt werden.

So bleibt erkennbar, warum sich Christen beim Götzendienst über grundlegende Gottesverehrung verständigen und dennoch über Bilder streiten können. Weitere Orientierung bieten die Zehn Gebote im Christentum und der christliche Lesepfad.

Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.

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