Ist der Islam die älteste Religion der Welt? Historisch lässt sich das so nicht sagen. Die muslimische Gemeinschaft um Muhammad entstand im Arabien des 7. Jahrhunderts. Wenn Muslime den Glauben zugleich bis zu Abraham und früheren Propheten zurückführen, sprechen sie über religiöse Zusammengehörigkeit und die Hingabe an Gott.
Beide Aussagen beantworten unterschiedliche Fragen. Das Alter einer Gemeinschaft ist etwas anderes als ihr Verständnis göttlicher Führung. Und die Bedeutung des Islams für die Gegenwart hängt nicht davon ab, einen Wettbewerb um die längste Geschichte zu gewinnen.
Wann beginnt die Geschichte der muslimischen Gemeinschaft?
Die Einführung des Metropolitan Museum nennt 610 als Jahr von Muhammads erster Offenbarung. Muslime glauben, dass ihm Gottes Worte durch Gabriel übermittelt wurden. Die Offenbarungen bilden den Koran.
622 wanderten Muhammad und seine Anhänger von Mekka nach Medina aus. Diese Hidschra markiert den Beginn der islamischen Zeitrechnung. In Medina entwickelte sich eine Gemeinschaft mit religiöser Führung und einer gemeinsamen Lebensordnung.
Die historische Untersuchung fragt nach Menschen, Texten und Ereignissen. Die Aussage, eine Offenbarung stamme von Gott, gehört dagegen zum Glauben. Wer diese Ebenen unterscheidet, muss weder die Geschichte noch die religiöse Selbstdeutung ausblenden.
Warum wird dann Abraham als Muslim beschrieben?
Koran 3:67 beschreibt Abraham als jemanden, der sich Gott hingibt. „Islam“ kann in diesem weiten religiösen Sinn die Hingabe an Gott meinen, die auch frühere Propheten verbindet.
Damit ist nicht behauptet, Abraham habe zu einer bereits bestehenden Gemeinschaft des 7. Jahrhunderts gehört. Es handelt sich um eine Deutung seiner Beziehung zu Gott. Eine zeitliche Rangliste der historisch entstandenen Religionen ergibt sich daraus nicht.
Sind Koran und Hadith dasselbe?
Nein. Der Überblick des Pluralism Project unterscheidet die koranischen Offenbarungen von Berichten über Muhammads Worte und Handlungen. Solche Berichte heißen Hadithe. Sie sind eine wichtige Grundlage, um die Sunna, das Vorbild und die Praxis des Propheten, zu verstehen.
Beide Quellenbereiche spielen im religiösen Leben eine Rolle, haben aber unterschiedliche Formen und Überlieferungsgeschichten. Wer alles unter „heilige Bücher“ zusammenfasst, verliert diese wichtige Unterscheidung.
Wo leben Muslime heute?
Die 2025 veröffentlichte Pew-Studie schätzt die muslimische Weltbevölkerung für 2020 auf rund zwei Milliarden Menschen, etwa 26 Prozent der Weltbevölkerung. Es sind Angaben für 2020, keine laufend aktualisierte Zählung für 2026.
59 Prozent der Muslime lebten demnach im asiatisch-pazifischen Raum. Die größten muslimischen Bevölkerungen fanden sich in Indonesien, Pakistan und Indien. Der Islam ist also keineswegs nur eine Religion des Nahen Ostens oder arabischsprachiger Menschen.
Diese Vielfalt macht im Alltag viel aus: Sprache, lokale Geschichte und familiäre Bräuche können sich unterscheiden. Aus dem Namen einer Religion lässt sich weder der Tagesablauf noch die politische Meinung eines einzelnen Menschen ablesen.
Was sind die fünf Säulen?
Der Gabriel-Hadith in Sahih Muslim 8a nennt die bekannten fünf Grundlagen, die besonders in sunnitischen Darstellungen als fünf Säulen erklärt werden: Glaubensbekenntnis, Gebet, verpflichtende Abgabe, Ramadanfasten und Pilgerfahrt für diejenigen, die dazu imstande sind.
Die Schahada bekennt die Einheit Gottes und Muhammad als seinen Gesandten. Salat bezeichnet das regelmäßige Gebet. Zakat ist eine religiös geregelte Pflichtabgabe. Saum meint hier das Fasten im Ramadan. Hadsch ist die Pilgerfahrt nach Mekka.
So bekommt Glaube einen Platz im Tageslauf, im Umgang mit Geld und im Jahreskalender. Das Erinnern an Gott, Dhikr, ist ebenfalls wichtig, ersetzt in dieser Liste aber nicht die Pilgerfahrt. Religiöse Praxis lässt sich nicht auf eine Sammlung privater Meinungen reduzieren.
Was bedeutet Gerechtigkeit im Alltag?
Koran 4:135 verlangt gerechtes Zeugnis auch gegen die eigenen Interessen oder die naher Angehöriger. Anschaulich gesagt: Wer für die Wahrheit eintritt, soll nicht zuerst fragen, ob die Aussage der eigenen Familie nützt.
Das ist ein religiöser Anspruch. Wie Menschen und Einrichtungen tatsächlich handeln, muss jeweils geprüft werden. Mehr zu den grundlegenden Gedanken erklärt unser Beitrag über Gerechtigkeit und Barmherzigkeit im Islam.
Ein konkretes institutionelles Beispiel ist Islamic Reliefs Jahresbericht 2025. Die Organisation berichtet unter anderem von Nothilfe, Lebensmittelverteilung sowie Wasser- und Sanitärprojekten. Solche Angaben zeigen ihre eigene dokumentierte Arbeit, nicht die Tätigkeit aller Muslime. Fragen nach Wirksamkeit und Verantwortung bleiben dabei sinnvoll.
Wie hängen Religion, Wissen und Kultur zusammen?
Eine anschauliche Verbindung bietet das Astrolabium des jemenitischen Prinzen Umar ibn Yusuf von 1291. Ein Astrolabium ist ein Instrument für astronomische Bestimmungen. Die Museumsbeschreibung verbindet das Stück mit wissenschaftlichen Schriften seines Herstellers.
Die Kuratoren erklären, wie solche Instrumente zur Zeitbestimmung und zur Orientierung nach Mekka für das Gebet genutzt wurden. Berechnung, Metallhandwerk und religiöse Anforderungen konnten hier zusammenwirken. Das konkrete Objekt sagt mehr als die pauschale Behauptung, Religion habe Wissenschaft entweder hervorgebracht oder verhindert.
Auch die Gestaltung von Schrift spielt eine wichtige Rolle. Die Überlieferung des Korans förderte die Aufmerksamkeit für arabische Schrift und Kalligrafie. Daraus entstand jedoch kein überall identischer Kunststil.
Wie gehen Muslime mit inneren Unterschieden um?
Es gibt verschiedene Rechtsschulen und Auffassungen religiöser Autorität. Die drei Punkte der Botschaft von Amman sind ein Beispiel für den Versuch, Anerkennung über solche Unterschiede hinweg zu formulieren.
Die Erklärung nennt mehrere sunnitische, schiitische und weitere Rechtstraditionen und wendet sich dagegen, deren Angehörige zu Abtrünnigen zu erklären. Sie verlangt auch Qualifikationen für religiöse Rechtsauskünfte. Das beschreibt das Ziel dieser Initiative; es bedeutet nicht, dass sämtliche Streitfragen gelöst wären.
Warum gehört auch Diskriminierung zum Thema?
Wer über Religion im öffentlichen Leben spricht, sollte auch die Lebensbedingungen ihrer Angehörigen betrachten. Der EU-Bericht Being Muslim in the EU von 2024 beruht auf einer Erhebung von 2022 in 13 EU-Staaten. 47 Prozent der muslimischen Befragten berichteten von rassistischer Diskriminierung in den fünf Jahren zuvor.
Der Befund betrifft diese Befragten und diesen Zeitraum. Er ist keine Aussage über jede muslimische Person. Er zeigt aber, warum faire Behandlung bei Arbeit, Wohnungssuche und im öffentlichen Alltag eine eigene Sachfrage ist.
Den Islam kennenlernen heißt somit, Glauben, Geschichte und gelebte Vielfalt zusammenzubringen. Klare Begriffe und konkrete Beispiele helfen dabei weiter als die Frage, welche Religion sich „die älteste“ nennen darf.
Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.




