Im Judentum wird Jesus gewöhnlich weder als Messias anerkannt noch als Gott verehrt. Das ist ein grundlegender Unterschied zum Christentum. Zugleich können jüdische Menschen Jesus historisch erforschen, seine jüdische Lebenswelt erklären und mit Christen zusammenarbeiten.
Diese Dinge widersprechen sich nicht. Historisches Interesse, religiöser Glaube und gutes Zusammenleben sind verschiedene Fragen. Wer die jüdische Sicht verstehen möchte, sollte deshalb bei jüdischen Vorstellungen von Gott, Tora und Erlösung beginnen.
Jesus steht nicht im Mittelpunkt jüdischer Religion
Eine Erklärung von Rabbi James Scott Glazier nennt die christliche Anerkennung Jesu als Messias und Retter als zentralen Unterschied. Innerhalb jüdischer Theologie gilt Jesus nicht als göttliches Wesen.
Jüdisches Leben hat seine eigenen Grundlagen: die Beziehung zu Gott, die Tora, Gebet, Feste und das Leben in jüdischen Gemeinschaften. Man würde dem Judentum nicht gerecht, wenn man es vor allem darüber erklärte, was es an christlichen Lehren nicht übernimmt.
Jesus selbst lebte in einer jüdischen Welt
Die jüdische Neutestamentlerin Amy-Jill Levine betont Jesu jüdischen Zusammenhang. Die Vanderbilt University stellt diesen Schwerpunkt ihrer Arbeit vor: Seine Lehre, sein Beten und auch seine Auseinandersetzungen gehörten in eine jüdische Lebenswelt.
Levine widerspricht dem Bild eines lieblosen, rein regelbesessenen Judentums, von dem erst Jesus die Menschen befreit hätte. Solche Gegenbilder verzerren die Tradition. Mitgefühl und Gottesliebe sind nicht erst christliche Einfälle.
Auch ein Streit in einem Evangelium darf nicht zur Beschreibung aller jüdischen Menschen gemacht werden. Ein Text erzählt von bestimmten Beteiligten und deutet ihr Handeln. Daraus folgt kein zeitloser Charakterzug einer ganzen Bevölkerung.
Was erwartet man von einem Messias?
Messias geht auf das hebräische Wort für „Gesalbter“ zurück. Eine einflussreiche jüdische Erklärung stammt von Maimonides. In seinen „Gesetzen über Könige und Kriege“, Kapitel 11, beschreibt er einen künftigen König aus dem Haus David, der den Tempel baut und die Zerstreuten Israels zusammenführt.
Das sind konkrete Veränderungen im gemeinsamen Leben. Ein bewundernswerter Lehrer oder ein leidender Mensch erfüllt diese Beschreibung nicht allein dadurch, dass er beeindruckt oder leidet. Das hilft zu verstehen, warum sich aus diesem jüdischen Verständnis nicht automatisch die christliche Identifikation Jesu ergibt.
Auch biblische Bilder werden ausgelegt. Maimonides bezieht den Stern und das Zepter aus Numeri 24 auf David und einen künftigen messianischen König. Im folgenden Kapitel versteht er das Bild von Wolf und Lamm sinnbildlich im Zusammenhang mit Sicherheit und Frieden. Selbst in dieser klassischen Darstellung geht es also nicht um ein bloßes Abhaken isolierter Vorhersagen.
Hoffen alle jüdischen Richtungen auf dieselbe Gestalt?
Nein. Die Reform-Erklärung von Rabbi Joseph B. Meszler betont eine messianische Zeit des Friedens und der Gerechtigkeit. Menschen sollen in Verantwortung vor Gott dazu beitragen. Im Mittelpunkt steht dabei stärker die Erlösung als eine einzelne Erlösergestalt.
Das unterscheidet sich von Maimonides’ Beschreibung eines künftigen Königs. Es bedeutet aber nicht, dass die Reformbewegung damit Jesus als göttlichen Retter übernimmt. Es geht um eine andere Deutung der messianischen Hoffnung selbst.
Eine kurze Antwort wie „Juden warten einfach noch auf Jesus“ wäre daher irreführend. Sie setzt bereits die christliche Antwort voraus, statt jüdische Erwartungen zu erklären.
Warum lesen Juden und Christen Jesaja 53 unterschiedlich?
Der Abschnitt über den leidenden Gottesknecht wird häufig in Gesprächen über Jesus genannt. In Apostelgeschichte 8,26–35 liest ein äthiopischer Beamter aus Jesaja. Philippus erklärt ihm die Stelle dann von Jesus her. Das ist ein klares Beispiel einer christlichen Deutung im Neuen Testament.
Raschi liest Jesaja 53 anders. Sein Kommentar verbindet die leidende Gestalt mit Israel beziehungsweise den Gerechten im Volk und betrachtet die Rede der anderen Völker über dieses Leiden.
Raschis Kommentar ist eine bestimmte jüdische Auslegung, nicht jede Deutung der ganzen jüdischen Geschichte. Der Vergleich zeigt aber das Problem: Wer erklärt, der Abschnitt könne nur Jesus meinen, hat die entscheidende Auslegungsfrage schon vorweggenommen. Beide Lesarten sollten zuerst zutreffend dargestellt werden.
Jüdische Forschung kann sich intensiv mit Jesus beschäftigen
Levine hat gemeinsam mit Marc Zvi Brettler „The Jewish Annotated New Testament“ herausgegeben. Ein Vanderbilt-Porträt erläutert das Projekt: Jüdische Fachleute erklären neutestamentliche Texte in ihrem historischen und jüdischen Umfeld.
Dabei vertreten die Beteiligten nicht in jeder Frage dieselbe Meinung. Das Porträt nennt etwa unterschiedliche Bewertungen der Beziehung des Paulus zur jüdischen Praxis. Eine wissenschaftliche Diskussion über frühes Christentum wird dadurch nicht zum christlichen Glaubensbekenntnis.
Das ist im Alltag leicht nachvollziehbar: Man kann die Geschichte einer anderen Religion gründlich studieren, ohne ihr beizutreten. Die Art der Beschäftigung entscheidet mit darüber, was eine Aussage bedeutet.
Zusammenarbeit braucht keine Einigung über alles
Die 2000 veröffentlichte Erklärung „Dabru Emet“ stammt von jüdischen Gelehrten verschiedener Richtungen. Sie wirbt für Respekt und Zusammenarbeit und hält zugleich an Unterschieden fest. Ihr Anliegen ist keine Vermischung beider Religionen.
Niemand muss dafür die Lehre des anderen als die eigene übernehmen. Die Erklärung ist ein konkreter Beitrag ihrer Verfasser und Unterstützer, keine für alle jüdischen Menschen verbindliche Entscheidung.
Auch christliche Kirchen haben Verantwortung für den Umgang miteinander. Das katholische Konzilsdokument „Nostra aetate“, Abschnitt 4, weist eine pauschale Schuldzuweisung am Leiden Jesu an alle damaligen oder heutigen Juden zurück. Es verurteilt Antisemitismus und Verfolgung.
Ein guter Ausgangspunkt für das Gespräch
Die jüdische Sicht auf Jesus wird klarer, wenn man mehrere Fragen trennt: Was lässt sich historisch untersuchen? Was bedeutet Messias in einer bestimmten Tradition? Wie wird eine Bibelstelle ausgelegt? Und wer wird im Gottesdienst verehrt?
So können echte Unterschiede benannt werden, ohne die andere Religion abzuwerten. Weitere Grundlagen bieten unsere Beiträge über Tora und Tanach sowie jüdische Strömungen.
Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.




