Was ist die Haggada? Sederfragen und alte Handschriften

Stilisierte Illustration mit ungesäuerten Broten, Kerzen und jüdischen Symbolen auf einem gedeckten Tisch

Symbolbild zum Judentum und zur Erzählung am SedertischDie Haggada ist der Text, der durch das Erzählen beim Seder führt, dem rituellen Mahl zu Pessach. Er erinnert an den Auszug aus Ägypten. Dabei wird die Geschichte nicht nur vorgelesen: Fragen, Speisen und Handlungen geben den Menschen am Tisch etwas zu entdecken und zu besprechen.

Man kann sich die Haggada deshalb auch als Gesprächsbegleiter vorstellen. Warum essen wir heute anders? Woran erinnern die bitteren Kräuter? Was hat die alte Geschichte mit uns zu tun? Zwei reich bebilderte mittelalterliche Handschriften zeigen, wie ein Buch beim gemeinsamen Erzählen helfen konnte.

Warum gehören Fragen zum Seder?

Die Mischna Pessachim 10,4–5, ein früher rabbinischer Text, beschreibt das Fragen des Kindes beim zweiten Becher. Wenn es die Fragen noch nicht selbst stellen kann, hilft der Vater. Die Erklärung soll sich an den Fähigkeiten des Kindes orientieren.

Das beginnt bei Dingen, die am Tisch auffallen: ungesäuertes Brot, bittere Kräuter und besondere Handlungen. Der Text führt von der Bedrängnis zum Lob. Er erklärt Mazza durch die Rettung aus Ägypten und die Kräuter durch die Bitterkeit der Versklavung.

Damit ist die Mahlzeit kein zufälliger Hintergrund für einen Vortrag. Ihre Besonderheiten eröffnen das Gespräch. Wer etwas sieht, schmeckt oder anders macht als gewöhnlich, hat einen Anlass nachzufragen.

Geht es nur um Menschen von früher?

Die Mischna fordert außerdem, dass sich jede Generation so betrachten soll, als sei sie selbst aus Ägypten ausgezogen. Erinnerung wird damit in die Gegenwart geholt. Das unterscheidet die Feier vom bloßen Auswendiglernen einer Jahreszahl.

Damit richtet die Erzählung die eigene Perspektive aus: Wie verstehen wir Freiheit und Rettung, wenn wir uns nicht nur als entfernte Zuschauer betrachten?

Was ist eine illustrierte Haggada?

Eine Haggada kann als einfaches Textbuch gestaltet sein oder Bilder und Schmuck enthalten. Mittelalterliche Handschriften wurden von Hand geschrieben und teilweise aufwendig ausgemalt. Ein Faksimile ist eine möglichst genaue gedruckte Wiedergabe einer solchen Vorlage. Es ist nicht selbst das mittelalterliche Original.

Die Thomas J. Watson Library des Metropolitan Museum of Art sammelt solche Faksimiles. Dana Harts Überblick zeigt, dass die Bilder sehr unterschiedliche Aufgaben übernehmen können: Sie machen Handlungen am Tisch sichtbar oder geben der biblischen Geschichte eigene Bildfolgen.

Die Barcelona-Haggada: Was geschieht am Tisch?

Nach der Darstellung des Museums entstand die Barcelona-Haggada im späten 14. Jahrhundert in Katalonien. Ihre großen Buchstaben lassen vermuten, dass mehrere Menschen gleichzeitig daraus lesen konnten. Die Buchgestaltung liefert also einen Hinweis darauf, wie Menschen den Text nutzen konnten.

Eine Abbildung zeigt das Teilen und Verstecken von Mazza. Eine Figur hält ein Stück, eine andere schiebt eines unter das Tischtuch; Kinder schauen zu. Das zurückgelegte Stück ist der Afikoman, der später gegessen wird.

Das Bild hält einen konkreten Moment fest, der zum Mitmachen und Fragen einlädt. Es dokumentiert eine bestimmte Darstellung der Praxis. Daraus folgt nicht, dass jede jüdische Familie im Mittelalter oder heute genau dieselbe Szene wiederholt.

Die Goldene Haggada: Eine Geschichte in Bildern

Die British Library führt die Goldene Haggada als Add MS 27210 und datiert sie auf 1320–1330. Der Katalog beschreibt 14 ganzseitige Miniaturen mit farbigen Bildern auf Goldgrund. Jede dieser Bildseiten ist in vier Felder geteilt.

Die dargestellte Geschichte reicht von Genesis bis in den frühen Teil des Exodus. Der Auszug steht also in einem größeren biblischen Zusammenhang. Daneben enthält die Handschrift den Haggada-Text, liturgische Stücke und weitere Illustrationen.

Ihren Namen verdankt die Handschrift dem leuchtenden Goldgrund ihrer Bilder. Am Original lässt sich zudem die Geschichte des Buches selbst ablesen: Die Bibliothek verzeichnet auch spätere, im 17. Jahrhundert hinzugefügte Ausschmückungen.

Wie helfen Bilder beim Erzählen?

Die beiden Handschriften setzen verschiedene Schwerpunkte. In der Barcelona-Haggada kann man auf eine Handlung zeigen: Was macht die Person mit dem Brot? Bei der Goldenen Haggada lässt sich eine Folge biblischer Szenen betrachten: Was geschieht zuerst, und was folgt danach?

Ähnliche Fragen funktionieren auch bei einem heutigen Bilderbuch. Das Bild nimmt das Gespräch nicht ab, sondern gibt ihm einen Ausgangspunkt. Ein Kind kann etwas bemerken, das eine erwachsene Person im vorgelesenen Text übergangen hätte.

Die Haggada verbindet damit Text und Teilnahme. Ihre Bedeutung liegt nicht darin, dass ein Buch möglichst alt oder kostbar sein muss. Am Sedertisch wird die Geschichte durch Fragen, Antworten und gemeinsames Tun wieder aufgegriffen. Die alten Handschriften machen zwei historische Wege sichtbar, diese Aufgabe zu gestalten.

Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.

Schreibe einen Kommentar