Die Zehn Gebote im Christentum: Bedeutung, Zählung und Auslegung

Symbolische Darstellung beschrifteter Tafeln im Stil eines farbigen Kirchenfensters

Die Zehn Gebote sind im Christentum ein wichtiger Bezugspunkt für das Verhältnis zu Gott und für die Verantwortung gegenüber anderen Menschen. Sie werden im Religionsunterricht, in der Gewissensprüfung und teilweise im Gottesdienst verwendet. Ihre christliche Bedeutung ergibt sich auch daraus, wie sie mit Jesu Lehre, Nächstenliebe und Gnade verbunden werden.

Zunächst gehören die Texte jedoch in Israels Schriften und Bundesgeschichte. Eine christliche Erklärung sollte diesen Zusammenhang erhalten und anschließend kenntlich machen, wie einzelne Kirchen die Gebote ordnen und auslegen. Es handelt sich nicht um zehn Sätze, deren Nummerierung und Verwendung überall völlig gleich wären.

Wo stehen die Zehn Gebote?

Die beiden zentralen Fassungen finden sich in Exodus beziehungsweise 2. Mose 20,1–17 und in Deuteronomium beziehungsweise 5. Mose 5,6–21. Gott stellt sich als derjenige vor, der Israel aus der Sklaverei in Ägypten geführt hat. Die Weisungen stehen damit innerhalb einer Geschichte von Befreiung und Bindung.

Dieser Beginn verändert den Ton der Lektüre. Die Gebote sind in der biblischen Darstellung nicht nur eine beliebige Liste zur Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Ordnung. Sie beschreiben das Leben einer Gemeinschaft, die ihre Freiheit und ihre Verpflichtung auf Gott bezieht.

Die Fassungen stimmen in den wesentlichen Themen überein, unterscheiden sich aber in Begründungen und Einzelheiten. Besonders deutlich ist das beim Sabbat: Exodus verbindet ihn mit Schöpfung und Gottes Ruhe; Deuteronomium erinnert an die Erfahrung der Sklaverei und die Ermöglichung von Ruhe auch für andere.

Welche Themen umfassen sie?

Eine thematische Übersicht kann die Inhalte verständlich machen, ohne eine bestimmte kirchliche Zählweise bereits als allgemeingültig vorauszusetzen:

  • Bindung an Gott und ausschließliche Verehrung;
  • Abgrenzung gegenüber Götterbildern und ihrer Anbetung;
  • verantwortlicher Umgang mit Gottes Namen;
  • Heiligung des Sabbats und Schutz von Ruhe;
  • Achtung gegenüber Vater und Mutter;
  • Schutz menschlichen Lebens;
  • Treue in der Ehe;
  • Achtung fremden Eigentums;
  • wahrhaftiges Zeugnis über den Mitmenschen;
  • Begrenzung des Begehrens nach dem, was anderen gehört.

Die Themen verbinden Gottesdienst, Zeit, Familie und soziale Beziehungen. Neben sichtbaren Handlungen wird auch das Begehren angesprochen. Ein bloßes Abhaken äußerer Regelbefolgung erschöpft deshalb noch nicht sämtliche Fragen, die der Text eröffnet.

Warum zählen Kirchen die Gebote unterschiedlich?

Der katholische Katechismus erläutert in Nummer 2066, dass Gliederung und Nummerierung geschichtlich variieren. Seine eigene Ordnung folgt der augustinischen Tradition, die auch lutherische Bekenntnisse verwenden. Orthodoxe und reformierte Überlieferungen gliedern Teile des Textes anders.

Ein Beispiel bietet Luthers Kleiner Katechismus: Das Gebot zum Namen Gottes erscheint dort als zweites. In Listen, die das Bilderverbot gesondert zählen, ist die zweite Stelle anders besetzt. Wer nur von „dem zweiten Gebot“ spricht, sollte deshalb die verwendete Ordnung nennen.

Die unterschiedliche Nummerierung bedeutet nicht automatisch, dass eine Kirche einen beliebigen Bibelabschnitt aus ihrer Bibel entfernt hätte. Für einen Vergleich sind der eigentliche Text, seine Gruppierung und die beigefügte Erklärung getrennt anzusehen.

Was verändert Jesu Doppelgebot der Liebe?

In Matthäus 22,34–40 verbindet Jesus die Liebe zu Gott mit der Liebe zum Nächsten als tragende Orientierung von Gesetz und Propheten. Einzelne Weisungen werden dadurch in einen umfassenderen Zusammenhang gestellt, nicht einfach durch ein angenehmes Gefühl ersetzt.

Römer 13,8–10 stellt ausdrücklich Bezüge zu mehreren Geboten her und erklärt die Nächstenliebe dadurch, dass sie dem anderen kein Unrecht zufügt. Der Anspruch wird also konkret: Wie wirkt sich das eigene Verhalten auf das Leben eines anderen Menschen aus?

Christliche Interpretation fragt deshalb nicht nur nach der Grenze dessen, was gerade noch verboten ist. Sie kann auch danach fragen, welche Verantwortung aus der Liebe erwächst. Das betrifft beispielsweise den Umgang mit fremdem Besitz oder mit dem guten Ruf einer Person.

Vom Verbot zur positiven Verantwortung

Luthers Kleiner Katechismus zeigt diesen Übergang anschaulich. Seine Erklärung zum Diebstahlsverbot nennt auch die Unterstützung des Nächsten beim Erhalt von Besitz und Lebensunterhalt. Beim falschen Zeugnis wird nicht nur eine schädliche Aussage vermieden, sondern ein fairer Umgang mit dem anderen gefordert.

Das ist eine bestimmte lutherische Form der Unterweisung. Die kurze Gebotsform wird durch die Frage nach ihrer Bedeutung erschlossen. Andere Traditionen können ähnliche oder anders akzentuierte Auslegungen entwickeln. Man sollte eine Katechismuserklärung deshalb nicht stillschweigend mit dem ursprünglichen Bibelwortlaut gleichsetzen.

Für heutige Gespräche ist die Unterscheidung hilfreich. Aus dem Schutz einer Person vor falscher Beschuldigung kann etwa die Frage entstehen, wie man mit unbestätigten Behauptungen umgeht. Das ist eine gegenwärtige Anwendung, die einer Begründung bedarf und nicht als im Text ausdrücklich genanntes modernes Beispiel ausgegeben werden sollte.

Gehorsam und Gnade: Muss man sich Erlösung verdienen?

Epheser 2,8–10 verbindet Erlösung als Gottes Gabe mit einem Leben, das zu guten Werken geschaffen ist. Gnade und verantwortliches Handeln werden nicht als zwei völlig beziehungslose Themen behandelt.

Kirchen erklären das Verhältnis von Gesetz, Gnade und Glaubenspraxis innerhalb ihrer jeweiligen Theologie. Die Zehn Gebote lassen sich daher nicht angemessen als ein Punktesystem beschreiben, mit dem Menschen genügend Leistung für ihre Rettung sammeln. Ebenso wenig macht die Berufung auf Gnade jede Frage nach dem Umgang miteinander bedeutungslos.

Der Beitrag Katholisch und evangelisch: Gemeinsamkeiten und Unterschiede erläutert, weshalb einfache Gegensätze zwischen Glauben und guten Taten die tatsächlichen Lehren verzerren können.

Welche Rolle spielen die Gebote im Gottesdienst?

Ein konkretes Beispiel ist die Abendmahlsordnung des anglikanischen Book of Common Prayer. Sie enthält die Verkündigung der Gebote und Antworten, in denen die Gemeinde um Erbarmen und die Befähigung zu entsprechendem Handeln bittet.

Die Gebote erscheinen dabei innerhalb von Gebet und gemeinschaftlicher Selbstprüfung. Das ist etwas anderes als die Annahme, jeder Anwesende habe längst alle Forderungen vollkommen erfüllt. Ein einzelnes liturgisches Beispiel bedeutet allerdings nicht, dass jeder christliche Gottesdienst dieselbe Lesung verwendet.

Wie kann man mit dem Lesen beginnen?

Lies zunächst Exodus 20 und Deuteronomium 5 nebeneinander. Achte auf den Befreiungsbeginn, die Begründung des Ruhetags und die konkreten sozialen Beziehungen. Nimm anschließend Matthäus 22 und eine benannte kirchliche Erklärung hinzu.

So bleiben jüdischer Ursprung, christliche Rezeption und heutige Anwendung erkennbar. Die Zehn Gebote werden dann als zusammenhängende Orientierung verständlich, statt nur als zehn auswendig gelernte Nummern. Für eine passende Textausgabe hilft unser Bibelratgeber für Einsteiger.

Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.

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