Eine ethnische Religion ist eng mit der Geschichte und dem gemeinsamen Leben einer bestimmten Bevölkerungsgruppe verbunden. Dazu können Feste, Sprache, Familienrituale und besondere Orte gehören. Gemeint ist eine kulturelle und geschichtliche Beziehung, keine Religion, die durch Gene vererbt wird.
Stellen Sie sich eine Familie vor, die nach einer Auswanderung weiterhin ihre Feste feiert und am neuen Wohnort eine religiöse Gemeinschaft aufbaut. Der Ort ändert sich, die Verbindung zur gemeinsamen Geschichte bleibt. Solche Zusammenhänge hilft der Begriff zu beschreiben.
Was unterscheidet ethnische und universalistische Religionen?
Ein Lehrbuch der Kulturgeografie unterscheidet danach, wie Zugehörigkeit weitergegeben und erweitert wird. Ethnische Religionen sind historisch eng mit bestimmten Gruppen verbunden und werden oft innerhalb der Gemeinschaft über Generationen vermittelt. Universalistische Religionen möchten Menschen über die ursprüngliche Gemeinschaft hinaus gewinnen.
Das ist etwas anderes als die Frage, ob eine Religion einen Gott, viele Gottheiten oder eine andere letzte Wirklichkeit annimmt. Auch sagt die Einteilung nicht, dass eine ethnische Religion grundsätzlich keine neuen Mitglieder aufnehmen könne.
Die Begriffe beschreiben Muster. Eine Religion mit einem universalen Anspruch kann starke örtliche Bräuche entwickeln. Eine mit einer bestimmten Bevölkerung verbundene Tradition kann über Kontinente verbreitet sein.
Warum ist Kultur mehr als Abstammung?
Menschen können zugehörig sein, weil sie in einer Gemeinschaft aufgewachsen sind, ihre Feste leben oder später bewusst eintreten. Umgekehrt hat nicht jeder Mensch mit derselben familiären Herkunft denselben Glauben.
Die Grundsätze religiöser Bildung an der Harvard Divinity School betonen innere Vielfalt, geschichtliche Veränderung und die Einbettung von Religionen in Kultur. Das gilt auch für Traditionen, die als ethnisch eingeordnet werden.
Eine Tradition ist deshalb kein unverändertes Überbleibsel außerhalb des heutigen Lebens. Sie wird von Menschen gelebt, diskutiert und weitergegeben.
Wie passen jüdische Zugehörigkeit und Übertritt zusammen?
Das Judentum zeigt, warum ein einfacher Abstammungstest nicht ausreicht. Eine Erläuterung der US-amerikanischen Reformbewegung unterscheidet genetische Herkunft von anerkannter jüdischer Zugehörigkeit. Sie nennt für ihre Praxis unter anderem eine jüdische Erziehung durch einen jüdischen Elternteil sowie einen formellen Übertritt. Wer konvertiert, ist nach dieser Darstellung unabhängig von genetischer Herkunft jüdisch.
Andere jüdische Autoritäten legen andere Kriterien an. Chabad erläutert die Zugehörigkeit durch eine jüdische Mutter und ebenfalls die Möglichkeit eines Übertritts.
Die Unterschiede sollte man nicht verwischen. Das gemeinsame Beispiel zeigt aber: Die Verbindung mit einem Volk macht Mitgliedschaft nicht zu einem DNA-Befund. Für eine konkrete Frage gelten die Kriterien der jeweiligen Gemeinschaft.
Warum ist Shinto ein anschauliches Beispiel?
Der japanische Schrein Meiji Jingu beschreibt Shinto als tief im japanischen Leben verwurzelt. Die Verehrung gilt Kami, heiligen beziehungsweise göttlichen Wesen und Gegenwarten, die mit Mythologie, Natur und Menschen verbunden sein können. Aufrichtigkeit ist dabei ein wichtiger Wert.
Das erklärt den engen Zusammenhang von religiöser Praxis und kulturellem Leben. Es bedeutet nicht, dass jeder japanische Mensch Shinto praktiziert oder sämtliche Bräuche gleich versteht.
Auch Institutionen verändern sich. Jinja Honcho, die Vereinigung von Shinto-Schreinen, schildert die rechtliche Trennung der Schreine vom Staat nach dem Zweiten Weltkrieg und ihre Neuorganisation als nichtstaatliche religiöse Einrichtungen. Kontinuität und Veränderung gehören also in dieselbe Geschichte.
Kann eine solche Religion außerhalb ihres Herkunftslands leben?
Die Geschichte des Hawaii Kotohira Jinsha–Hawaii Dazaifu Tenmangu macht das konkret. Der Schrein berichtet, dass 1920 eine heilige Gegenwart aus dem japanischen Kotohira-gu nach Hawaii gebracht wurde. Ein Wohnhaus wurde zum Ort für Riten, die für japanische Einwanderer der ersten Generation wichtig waren.
Diese Übertragung geschah durch Menschen, gemeinschaftliche Unterstützung und Verbindungen über den Pazifik. Eine Tradition muss ihre kulturelle Beziehung also nicht verlieren, sobald sie eine Landesgrenze überschreitet.
Das Beispiel sagt zugleich nichts darüber, ob jeder Einwanderer oder alle Nachkommen daran teilnehmen. Die Geschichte einer Einrichtung und die Entscheidung einzelner Menschen sind unterschiedliche Ebenen.
Was zeigen Ifa und die afrikanische Diaspora?
UNESCO beschreibt das Ifa-Wahrsagesystem sowohl bei Yoruba-Gemeinschaften als auch in der afrikanischen Diaspora Amerikas und der Karibik. Geschulte Deuter arbeiten mit einem umfangreichen Bestand von Versen und einem System von Zeichen.
Die Verse betreffen unter anderem Geschichte, Sprache und gesellschaftliche Fragen. Das Wissen wird durch Lernen und Vortrag weitergegeben. Die pauschale Bezeichnung „Naturverehrung“ würde diese geistige und gemeinschaftliche Arbeit kaum erklären.
Religiöse Formen können sich auch im Austausch verändern. Der Harvard Pluralism Project erläutert für kubanische und diasporische Traditionen von Ocha-Ifa beziehungsweise Lukumi Verbindungen zwischen Orishas und katholischen Heiligen. Religiöse Häuser organisieren Beziehungen zwischen Eingeweihten und ihren Lehrern.
Manche Beteiligte bevorzugen diese Namen gegenüber „Santería“, weil letzterer die katholischen Verbindungen zu stark hervorheben könne. Schon die Namenswahl kann also eine Position zur eigenen Geschichte ausdrücken.
Ist ethnisch dasselbe wie indigen oder Minderheit?
Nein. Eine enge kulturelle Verbindung, die geschichtliche Stellung eines indigenen Volkes und eine zahlenmäßige Minderheitenposition beschreiben verschiedene Dinge. Sie können zusammenkommen, müssen es aber nicht.
Für indigene Völker benennt etwa Artikel 12 der UN-Erklärung über ihre Rechte spirituelle Traditionen, Zeremonien, religiöse Orte, zeremonielle Gegenstände und menschliche Überreste. Der Zusammenhang umfasst damit mehr als persönliche Überzeugungen im privaten Inneren.
Beim Kennenlernen einer Tradition helfen deshalb konkrete Fragen: Wer gehört dazu? Wie wird Wissen vermittelt? Welche Orte sind wichtig? Und wie verstehen die Beteiligten Veränderungen? Der Begriff „ethnische Religion“ ist ein Ausgangspunkt für diese Fragen, keine vollständige Beschreibung einer lebenden Gemeinschaft.
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