Agnostischer Atheist: Was Glaube und Wissen unterscheidet

Freie Illustration einer nachdenkenden Person neben einem großen Globus

Ein agnostischer Atheist kann damit meinen: „Ich glaube an keinen Gott, behaupte aber nicht, sicher zu wissen, dass es keinen gibt.“ Der erste Teil beschreibt den Glauben, der zweite den eigenen Wissensanspruch. In diesem Sprachgebrauch lassen sich die beiden Bezeichnungen verbinden.

Illustration zu Fragen nach Glauben, Wissen und Gewissheit

Das klingt zunächst komplizierter, als es ist. Eine Alltagssituation hilft: Wenn jemand fragt, ob Sie an Gott glauben, ist das nicht ganz dieselbe Frage wie „Wie sicher können Sie das wissen?“. Für ein gutes Gespräch lohnt es sich, beides getrennt zu fragen.

Was bedeutet „atheistisch“ hier?

Die Stanford Encyclopedia of Philosophy erläutert verschiedene Bedeutungen von Atheismus. In einem Sprachgebrauch genügt das Fehlen eines Gottesglaubens. In der Religionsphilosophie wird das Wort dagegen häufig für die Aussage verwendet, dass Gott oder Götter nicht existieren.

Das ist ein wichtiger Unterschied. Wer eine Behauptung nicht übernimmt, vertritt damit nicht zwangsläufig schon deren Gegenteil. Wer ausdrücklich sagt, es gebe keinen Gott, nimmt eine weitergehende Position ein.

Und was heißt „agnostisch“?

Auch hier ist die Erklärung der Person wichtiger als das Etikett allein. In der Verbindung „agnostischer Atheist“ kann „agnostisch“ bedeuten, keinen Wissensanspruch zur Existenz oder Nichtexistenz von Göttern zu erheben.

In einem anderen philosophischen Gebrauch bezeichnet Agnostizismus das Zurückhalten eines Urteils in der Gottesfrage. Dann stehen die Begriffe für unterschiedliche Positionen, statt zwei unabhängig beantwortete Fragen zu benennen.

Umgekehrt kann jemand an Gott glauben und zugleich sagen, diesen Glauben nicht sicher zu wissen. Deshalb lohnt sich die Nachfrage: „Was meinst du mit dem Wort?“ Sie klärt oft mehr als eine Diskussion darüber, wer sich korrekt benennen darf.

Warum passen Umfragekategorien nicht immer dazu?

In einer Befragung kann man „atheistisch“ und „agnostisch“ als getrennte Antworten auf die Frage nach religiöser Zugehörigkeit anbieten. Das ist eine praktische Gruppierung für die Auswertung. Sie legt nicht fest, wie jede einzelne Person die Begriffe philosophisch versteht.

Ein Beispiel bietet Pew Research Centers Bericht vom Januar 2024 über religiös Ungebundene in den USA. Ein großer Teil der Auswertung beruht auf einer Befragung vom 31. Juli bis 6. August 2023. Darin wurden 658 Befragte als atheistisch und 678 als agnostisch eingeordnet.

Diese Zahlen sind Anzahlen in der untersuchten Stichprobe. Sie sind keine weltweiten Mitgliederzahlen zweier Organisationen und zählen auch nicht die Menschen, die sich selbst mit dem kombinierten Ausdruck beschreiben würden.

Was kam bei der gesonderten Glaubensfrage heraus?

Pew fragte zusätzlich nach Gott oder einer höheren Macht. Von den als agnostisch eingeordneten Befragten bejahten 67 Prozent einen solchen Glauben. Unter den als atheistisch Eingeordneten glaubten fast keine an Gott in der biblischen Beschreibung; 22 Prozent bejahten jedoch eine andere höhere Macht oder spirituelle Kraft.

Die Zahlen beziehen sich also auf unterschiedlich formulierte Antworten. Die 67 Prozent fassen Gott und eine höhere Macht zusammen; die 22 Prozent betreffen die zweite Möglichkeit. Ohne den Wortlaut kann eine überraschende Prozentzahl leicht falsch verstanden werden.

Wie spricht man darüber, ohne sich zu verheddern?

Fragen Sie zunächst nach der persönlichen Überzeugung und danach, wie jemand sie begründet. „Ich bin nicht überzeugt“, „Ich halte die Aussage für falsch“ und „Ich weiß es nicht“ sind verständliche Sätze, mit denen sich Unterschiede sichtbar machen lassen.

Bei Statistiken prüfen Sie zusätzlich, welche Frage gestellt wurde und wie Gruppen gebildet wurden. Eine Selbstbeschreibung und eine Umfragekategorie erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Der Ausdruck „agnostischer Atheist“ kann sinnvoll sein, ersetzt aber nicht die Erklärung dessen, was eine Person damit meint.

Weiterführend: Atheismus und Agnostizismus (englisch) sowie der Sprachgebrauch auf r/atheism (englisch).

Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.

Schreibe einen Kommentar