Woher kommen die alten Götter? Darauf gibt es zwei verschiedene Antworten: Eine Sage erzählt, wie ein Gott geboren wurde oder zu seiner Macht kam. Historiker fragen dagegen, wann Menschen seinen Namen verwendeten, ihm Opfer darbrachten oder einen Tempel errichteten.
Beide Fragen sind spannend. Sie sollten nur nicht verwechselt werden. Die Geschichte von einer göttlichen Geburt verrät uns noch nicht den Zeitpunkt, an dem ein Mensch zum ersten Mal an diesen Gott glaubte.
Gibt es überhaupt „die heidnischen Götter“?
Der Ausdruck ist ein Sammelbegriff. Griechische, ägyptische, römische und nordische Überlieferungen bilden keine einzige Religion mit einem gemeinsamen Anfang. Ihre Götter haben unterschiedliche Geschichten, Verehrungsorte und Beziehungen zu den Menschen.
Auch heutiges Heidentum, häufig Paganismus genannt, gehört gesondert betrachtet. Die Pagan Federation beschreibt verschiedene moderne Wege. Manche Menschen folgen einer bestimmten Tradition, andere stärker ihrer persönlichen Inspiration. Diese Selbstdarstellung erklärt heutige Religiosität; sie ersetzt keine Quelle über die Antike.
Wie erzählt Hesiod den Anfang der Götter?
In Hesiods griechischer Theogonie, Verse 116–138, steht am Anfang Chaos. Dann erscheinen unter anderem die Erde, die Unterwelt und Eros. Die Erde bringt den Himmel hervor; weitere Generationen von göttlichen Wesen folgen.
Die Welt ist hier zugleich eine Familiengeschichte. Erde und Himmel sind Bestandteile des Kosmos und handelnde Wesen. Die Erzählung bringt Ordnung in die Beziehungen zwischen den Göttern.
Ein anderes Gedicht derselben Quellensammlung, der homerische Hymnus an Hermes, zeigt den neugeborenen Gott als Erfinder der Leier und als Viehdieb. Das macht verständlich, warum Götter mehr als eine einzige Zuständigkeit haben können. Hermes lässt sich nicht vollständig mit dem Stichwort „Bote“ erklären.
Kann die Welt auch durch Denken und Sprechen entstehen?
Die ägyptische Überlieferung bietet einen anderen Zugang. In der Übersetzung eines Textes vom Schabaka-Stein durch das British Museum gibt Ptah den Göttern durch Herz und Zunge Leben. Was im Herzen entworfen wird, spricht die Zunge aus.
Schöpfung wird hier mit Verstehen, Absicht und wirksamer Rede verbunden. Der Text bezieht auch Handwerk, Bewegung und Versorgung in diese Ordnung ein. Das ist ein anderes religiöses Bild als eine Folge von Göttergeburten.
Vergleichen bedeutet deshalb nicht, einen Bericht zum richtigen und den anderen zum misslungenen Versuch zu erklären. Zuerst muss verständlich werden, welche Vorstellung der jeweilige Text ausdrückt.
Was können Tempel über Götter erzählen?
Am Tempel von Dendur lässt sich sehen, wie Religion und politische Geschichte zusammenkommen. Seine Darstellungen zeigen unter anderem Isis, Osiris und Horus. Die Anlage ehrte auch Pedesi und Pihor, vergöttlichte Söhne eines örtlichen nubischen Herrschers.
Der Herrscher in der Kleidung eines Pharaos ist dort tatsächlich der römische Kaiser Augustus. Ägyptische religiöse Formen wurden also unter römischer Herrschaft weiterverwendet. Zugleich spielten örtlich verehrte Gestalten eine Rolle.
Damit erweitert sich die Ausgangsfrage: Göttergeschichte besteht nicht nur aus Erzählungen vom Weltanfang. Auch Erinnerung an Menschen, lokale Verehrung und neue politische Verhältnisse gehören dazu. Ein Tempel liefert dafür andere Hinweise als ein Gedicht.
Welche Geschichten über Odin sollte man unterscheiden?
Im nordischen Hávamál, im Zusammenhang der Strophen 138–141, hängt Odin neun Nächte am windigen Baum und gewinnt besonderes Wissen. Die wissenschaftliche Einleitung von David A. H. Evans erläutert diese Folge und ihren Zusammenhang mit den Runen.
In Snorris Prosa-Edda findet sich eine andere Geschichte: Odin hinterlässt ein Auge als Pfand, um aus Mimirs Weisheitsbrunnen trinken zu dürfen. Es geht ebenfalls um Wissen, aber um eine andere Handlung und einen anderen Ort.
Die Weltenesche Yggdrasil wiederum ist ein Baum. Jörmungandr ist die Midgardschlange und wird als Kind Lokis beschrieben. Wenn man diese Gestalten vermischt, verliert man gerade die Besonderheiten, die die Erzählungen interessant machen.
Die nordischen Texte sind außerdem in mittelalterlichen schriftlichen Fassungen überliefert. Zwischen älterem Erzählen, Niederschrift und heutiger Übersetzung liegen verschiedene Schritte. Ein erhaltenes Buch ist ein Zeugnis dieser Geschichte, kein unmittelbarer Mitschnitt jedes früheren Gottesdienstes.
Was passiert, wenn Kulturen aufeinandertreffen?
Im römischen Bath begegnet uns der Name Sulis Minerva. Der dort erhaltene vergoldete Bronzekopf gehörte wahrscheinlich zur Kultstatue der Göttin beim heiligen Quellbezirk.
Der Museumsführer zu den Inschriften erklärt die Verbindung des keltischen und römischen Namens. Er zeigt auch, wie Menschen eine Gabe anlässlich eines Gebets versprachen und die erfüllte Verpflichtung anschließend in einer Inschrift festhielten.
Hier wird kulturelle Begegnung an einem bestimmten Ort greifbar. Es reicht nicht, zwei Götternamen in einer Tabelle gleichzusetzen. Quelle, Heiligtum und tatsächliche Verehrung erklären viel mehr.
Was lässt sich daraus über die Ursprünge sagen?
Göttergeschichten wurden erzählt, in Gedichten geordnet und mit Orten verbunden. Tempel erhielten neue Förderer. Menschen deuteten bekannte Gestalten in neuen Zusammenhängen. Die Beispiele zeigen mehrere Wege, auf denen religiöse Vorstellungen weitergegeben und verändert wurden.
Sie beweisen aber keine einzige Ursache für den Glauben an alle Götter. Wer genauer verstehen möchte, beginnt am besten mit einer bestimmten Figur und einer bestimmten Quelle. Moderne Romane oder Filmfassungen sind wiederum eigene Bearbeitungen. Das Beitragsbild verbindet Motive zu einer freien Fantasiedarstellung und zeigt keine eindeutig bestimmbare historische Gottheit.
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