Was verrät die Radiokarbondatierung über religiöse Gegenstände?

Symbolische Darstellung von Lupe und Waage zur Untersuchung und Abwägung historischer Belege

Eine Radiokarbondatierung kann das Alter organischen Materials bestimmen helfen, aber keine Religion als Ganzes beweisen. Bei einem religiösen Gegenstand lautet die erste Frage deshalb: Was wurde tatsächlich untersucht? Die Probe, das gesamte Objekt, seine spätere Verwendung und seine religiöse Deutung sind nicht dieselbe Sache.

Zwei bekannte Beispiele machen das deutlich: Leinen aus dem Turiner Grabtuch und Pergament des Birmingham-Korans. Die Messwerte sind für historische Behauptungen wichtig. Welche Schlussfolgerung sie tragen, hängt jedoch von der Probenwahl und dem Zusammenhang zwischen Material und gesuchtem Ereignis ab.

Was die C14-Methode misst

Die Australian National University erklärt die Grundlagen der Radiokarbondatierung: Die Methode nutzt den radioaktiven Kohlenstoff C14 in Material, das aus lebenden Organismen stammt. Nach dem Ende des Austauschs mit der Umwelt verändert sich das Verhältnis durch Zerfall. Die Messung wird mit geeigneten Standards verglichen.

Bei Leinen betrifft die Datierung das Pflanzenmaterial, bei Pergament die Tierhaut. Ein späterer Gebrauch ist ein weiterer Schritt in der Geschichte des Gegenstands. Ein altes Stück Holz könnte lange nach dem Wachstum des Baumes bearbeitet worden sein. Entsprechend muss die Frage nach dem Materialalter mit der gesuchten historischen Handlung verbunden werden.

Warum ein Messwert noch kein Kalenderdatum ist

Die Oxford Radiocarbon Accelerator Unit erläutert die Kalibrierung. Konventionelle Radiokarbonalter werden in Jahren vor 1950 angegeben. Weil der C14-Anteil in der Atmosphäre nicht immer gleich war, müssen sie mit Material bekannten Alters, häufig Baumringen, verglichen werden.

Das Ergebnis ist eine Verteilung möglicher Kalenderalter, nicht zwingend ein einzelnes Jahr. Ein angegebener Bereich mit 95 Prozent Wahrscheinlichkeit ist daher kein exaktes Herstellungsdatum. Je nach Verlauf der Kalibrierung können mehrere Teilbereiche entstehen. Eine scheinbar präzise Jahreszahl ohne Messunsicherheit und Kalibrierung kann irreführend sein.

Das Turiner Grabtuch: Die Untersuchung von 1988

Der mit Genehmigung wiedergegebene Originalbericht von Damon und Kollegen aus Nature, 1989, beschreibt Messungen in Arizona, Oxford und Zürich. Untersucht wurden Teile eines entnommenen Streifens; zusätzlich wurden Vergleichsproben bekannten beziehungsweise unabhängig bestimmten Alters eingesetzt.

Die Autoren berichteten für das Leinen einen kalibrierten Bereich von 1260 bis 1390 n. Chr. mit mindestens 95 Prozent Konfidenz. Unter der Voraussetzung, dass die Probe den fraglichen Stoff repräsentiert, steht ein solches mittelalterliches Alter der Behauptung entgegen, das Leinen sei Jesu Grabtuch aus dem ersten Jahrhundert.

Die Messung betrifft jedoch zunächst das Material. Sie untersucht nicht unmittelbar die Auferstehung Jesu, die Existenz Gottes oder sämtliche Aussagen des Christentums. Eine konkrete historische Identifikation kann an einer Datierung scheitern, ohne dass dadurch jede weitergehende religiöse Frage beantwortet wäre.

Was eine spätere Kritik an den Daten leistet

Eine 2019 veröffentlichte Studie von Casabianca und Kollegen untersuchte zusätzlich zugänglich gewordene Rohdaten. Die Autoren sahen mangelnde Homogenität der Daten und forderten eine erneute Prüfung des Verfahrens zur Zusammenführung der Ergebnisse. Ihr veröffentlichter Überblick betrifft damit Statistik und Auswertung des vorhandenen Materials.

Eine solche Kritik ist von einem eigenständigen neuen Altersnachweis zu unterscheiden. Aus dem Einwand gegen die Kombination von Messungen folgt nicht bereits eine Datierung ins erste Jahrhundert. Dazu müsste eine alternative Datierung oder ein entsprechend tragfähiger neuer Befund vorgelegt werden.

Wissenschaftliche Diskussion bedeutet daher weder, dass jede ältere Untersuchung unangreifbar wäre, noch dass jeder Einwand alle denkbaren Alternativen gleich wahrscheinlich macht. Die konkrete Messung, der konkrete Einwand und die behauptete Alternative müssen jeweils benannt werden.

Der Birmingham-Koran: Pergament ist nicht Tinte

Die Universität Birmingham beschreibt das Fragment als zwei Pergamentblätter mit Teilen der Suren 18, 19 und 20. Das Material wurde in Oxford auf den Zeitraum 568–645 n. Chr. mit einer Wahrscheinlichkeit von 95,4 Prozent datiert. Die Untersuchung betrifft die Tierhaut.

Der tatsächliche Schreibvorgang erfolgte nach dem Tod des Tieres. Wie viel Zeit dazwischenlag, lässt sich aus diesem Messwert allein nicht exakt ablesen. Die Schriftanalyse und andere Kenntnisse über die Handschrift sind deshalb zusätzliche Erkenntnisquellen. Die Forschungsdarstellung der Bibliothek erklärt, dass die Tinte selbst nicht altersdatiert wurde.

Für die frühe Koranüberlieferung ist ein solches Objekt wichtig. Sein Alter belegt jedoch nicht naturwissenschaftlich, dass die aufgeschriebenen Worte von Gott stammen. Es beantwortet eine andere Frage. Beide Aussagen auseinanderzuhalten bewahrt den historischen Wert des Befunds.

Warum die Auswahl der Probe entscheidend bleibt

Die Hinweise der Oxford-Einheit zur Probenauswahl betonen ausdrücklich die Beziehung zwischen Probe und gesuchtem Ereignis. Die zeitliche Auflösung ist begrenzt, und geeignetes Material muss mit Blick auf die konkrete Frage ausgewählt werden.

Bei einem viel benutzten oder zusammengesetzten Objekt ist deshalb zu klären, welcher Bestandteil untersucht wurde. Ein Datum für eine Reparatur wäre nicht automatisch das Alter aller übrigen Teile. Ebenso kann die Lagerung von Material vor seiner Nutzung die Beziehung zwischen biologischem Alter und Herstellung verändern. Diese Möglichkeiten sind Prüffragen, kein Nachweis dafür, dass in einem bestimmten Fall tatsächlich eine Reparatur oder lange Lagerung vorlag.

So liest man eine Meldung über einen religiösen Fund

  1. Material benennen: Wurden Stoff, Holz, Knochen oder Pergament untersucht?
  2. Probe zuordnen: Von welcher Stelle und welchem Bestandteil stammt sie?
  3. Datierung genau lesen: Handelt es sich um einen kalibrierten Kalenderbereich mit angegebener Unsicherheit?
  4. Ereignis unterscheiden: Geht es um Wachstum, Tod des Tieres, Herstellung, Beschriftung oder spätere Nutzung?
  5. Schlussfolgerung prüfen: Welche historische Behauptung wird gestützt oder problematisch, und wo beginnt eine zusätzliche religiöse Deutung?

Symbolbild zu den Grundlagen der ReligionEine Datierung gewinnt ihre Aussagekraft durch diese Verbindung von Messung und Kontext. Sie ist weder bedeutungslos, weil sie keine Religion vollständig beweist, noch grenzenlos aussagekräftig, weil Zahlen angegeben werden. Den weiteren Zusammenhang erklärt unser Beitrag über Belege für religiöse Wahrheitsansprüche.

Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.

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