Ein Mensch feiert mit der Familie das Fest nach dem Ramadan, betet aber kaum. Ein anderer betet regelmäßig und findet trotzdem, dass der Staat keine Religion bevorzugen sollte. Beide könnten in einem Gespräch als „säkulare Muslime“ bezeichnet werden. Gemeint ist dabei jeweils etwas anderes.

„Säkular“ bedeutet in diesem Zusammenhang ungefähr „weltlich“. Der Ausdruck kann den persönlichen Alltag betreffen oder das Verhältnis zwischen Religion und Staat. Wer ihn verwendet, sollte deshalb dazusagen, um welche dieser Fragen es geht.
Kann man sich muslimisch fühlen, ohne viel zu praktizieren?
Ja, Menschen beschreiben ihre Zugehörigkeit auf unterschiedliche Weise. Für manche gehört sie eng zum täglichen Gebet und zu religiösen Regeln. Andere verbinden damit vor allem Familie, Herkunft, bestimmte Feste und Erinnerungen.
Ein konkretes Beispiel gibt die Forscherin Melis Mevsimler in ihrer Untersuchung über Zugehörigkeit und Migration. Sie bezeichnet sich selbst als kulturelle Muslimin: nicht praktizierend, aber bestimmten Ritualen verbunden, etwa religiösen Festen und dem Moscheebesuch bei Beerdigungen. Diese Erklärung steht in Fußnote 8 auf der gedruckten Seite 81.
Das ist eine persönliche Beschreibung, keine feste Definition für alle Muslime. Sie macht aber anschaulich, dass Zugehörigkeit mehr als eine Liste regelmäßig erfüllter Pflichten sein kann. Eine Familienfeier kann religiöse Hingabe, Verbundenheit mit Angehörigen oder beides ausdrücken.
Ist „säkularer Muslim“ einfach ein anderes Wort für Atheist?
Aus der Bezeichnung allein lässt sich das nicht schließen. Wer den Begriff kulturell verwendet, müsste seine eigenen Glaubensüberzeugungen näher erklären. Wer ihn politisch verwendet, kann ausdrücklich an Gott glauben.
Man sollte deshalb drei Fragen auseinanderhalten: Wie beschreibt jemand seine Zugehörigkeit? Wie lebt er seine Religion? Und welche Rolle soll Religion im Staat spielen? Die Antwort auf eine Frage liefert noch nicht automatisch die Antworten auf die anderen beiden.
Auch Kleidung oder ein einzelner Moscheebesuch reichen für solche Zuordnungen nicht aus. Ein verständliches Gespräch beginnt besser mit einer offenen Frage als mit einer fertigen Schublade.
Was zeigen Umfragen zur religiösen Praxis?
Eine Pew-Auswertung von 2025 veranschaulicht die Unterschiede unter muslimischen Erwachsenen in den USA. In der zugrunde liegenden Erhebung von 2023/24 sagten 60 Prozent, Religion sei in ihrem Leben sehr wichtig. 59 Prozent gaben an, mehrmals täglich zu beten; 13 Prozent beteten nach eigener Aussage selten oder nie.
Die Gebetsfrage erfasste sowohl rituelle als auch andere Gebete. Sie sagt deshalb nicht genau, wie viele Befragte sämtliche vorgeschriebenen täglichen Gebete verrichteten. Ebenso wenig ergibt sich aus den Zahlen ein Anteil „säkularer Muslime“: Diesen Begriff erfragte die Auswertung nicht.
Die Ergebnisse betreffen muslimische Erwachsene in den USA. Sie lassen sich weder auf Deutschland übertragen noch zur Etikettierung einzelner Menschen nutzen.
Warum kann ein gläubiger Muslim einen säkularen Staat wollen?
Der Rechtswissenschaftler Abdullahi Ahmed An-Na’im argumentiert gerade aus seinem muslimischen Glauben heraus für die Trennung religiöser Autorität und staatlicher Macht. In seinem Text über Islam, Staat und Politik erklärt er: Glaubenspraxis braucht eine freie Entscheidung.
Sein Gedanke lässt sich so nachvollziehen: Innerhalb des Islams gibt es unterschiedliche Auslegungen. Wenn der Staat eine davon als verbindliches Gesetz durchsetzt, erhalten die Entscheidungen der Machthaber religiösen Rang. Andere muslimische Überzeugungen geraten dadurch unter Druck.
Mit einem säkularen Staat meint er also keine Gesellschaft, in der Religion verschwinden muss. Er will staatliche Institutionen, die sich keine religiöse Deutungshoheit anmaßen. Das ist seine begründete Position in einer Debatte, keine von allen Muslimen gemeinsam vertretene Lehre.
Dürfen religiöse Menschen dann noch Politik mitgestalten?
In An-Na’ims eigener Erklärung für ein breites Publikum lautet die Antwort ausdrücklich ja. Religiöse Überzeugungen dürfen politische Anliegen anregen. Gesetze sollen aber mit Gründen verteidigt werden, über die alle Bürger öffentlich diskutieren können, auch ohne denselben Glauben zu teilen.
Ein Beispiel wäre Hilfe für Bedürftige: Jemand kann sie aus religiöser Überzeugung unterstützen und zugleich mit gesellschaftlicher Teilhabe begründen. Andere können diese Begründung prüfen, ergänzen oder ablehnen. Gleiche Bürgerrechte und Religionsfreiheit sollen dabei alle Beteiligten schützen.
Damit wird deutlich, warum das Wort „säkular“ eine Rückfrage verdient. Es kann wenig religiöse Praxis meinen. Es kann aber auch den politischen Wunsch ausdrücken, den eigenen Glauben und den anderer Menschen frei leben zu können.
Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.




