Philosophie und Religion: Zwei Argumente bei Thomas von Aquin

Freie Illustration aufgeschlagener Bücher mit einer kleinen Waage und einem Kreuz

Philosophie und Religion können nach denselben Dingen fragen: Gibt es Gott? Was macht ein Argument überzeugend? Und was folgt aus einer Überzeugung? Der Unterschied liegt nicht einfach darin, dass die eine Seite nachdenkt und die andere nur glaubt. Entscheidend ist auch, von welchen Voraussetzungen ein Gespräch ausgeht.

Illustration zu philosophischen und religiösen Fragen

Thomas von Aquin zeigt das an zwei gut unterscheidbaren Beispielen. Einmal beginnt er mit einer im Glauben angenommenen Aussage. Ein anderes Mal setzt er bei Veränderungen in der Welt an. Beide Male wird argumentiert, aber auf anderer Grundlage.

Kann man aus einer Glaubensaussage Folgerungen ziehen?

In der Summa Theologiae, erster Teil, Frage 1, Artikel 8 erklärt Thomas die Aufgabe der von Offenbarung ausgehenden Glaubenslehre. Sie kann von Glaubensaussagen aus weiterdenken und prüfen, was daraus folgt.

Sein Beispiel ist Paulus’ Argument von Christi Auferstehung zur Auferstehung der Toten. Christi Auferstehung ist dabei eine angenommene Voraussetzung. Menschen, die diese Voraussetzung teilen, können gemeinsam darüber nachdenken, welche Schlussfolgerung damit zusammenhängt.

Wer die Ausgangsaussage nicht annimmt, braucht dagegen einen anderen Grund, den Schluss zu übernehmen. Das macht das Argument nicht automatisch sinnlos. Es klärt zunächst, für wen die gemeinsame Grundlage besteht.

Was hilft diese Unterscheidung im Gespräch?

Stellen Sie sich vor, zwei Menschen diskutieren über einen religiösen Text. Die eine Person nimmt dessen maßgebliche Aussage an. Die andere möchte zuerst wissen, warum sie ihr überhaupt vertrauen sollte. Beide können einander leicht verfehlen, wenn sie diesen Unterschied überspringen.

Thomas unterscheidet deshalb die Argumentation mit jemandem, der bestimmte Glaubensaussagen teilt, von der Antwort auf Einwände einer Person, die keine davon annimmt. Vernünftiges Prüfen findet auch innerhalb einer religiösen Tradition statt; seine Voraussetzungen sollten erkennbar sein.

Wie beginnt sein Argument aus Veränderung?

In Frage 2, Artikel 2 und 3 fragt Thomas nach einem Nachweis der Existenz Gottes. Sein erster der sogenannten fünf Wege setzt bei Veränderung an. Mit „Bewegung“ meint er dabei mehr als einen Ortswechsel.

Sein Beispiel ist Holz, das warm werden kann. Ein bereits heißes Feuer macht es tatsächlich heiß. Thomas erklärt das mit dem Unterschied zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit: Etwas kann in einer Hinsicht werden, was es noch nicht ist; die Veränderung verlangt nach seiner Auffassung etwas, das bereits entsprechend wirkt.

Dann betrachtet er eine Reihe voneinander abhängiger Bewegender. Ein Stock bewegt etwas, weil eine Hand ihn bewegt. Thomas folgert, dass eine solche Abhängigkeit einen ersten Beweger voraussetzt, der seine Wirkungskraft nicht wiederum von einem anderen erhält. Diesen nennt er Gott.

Wo kann man dem Argument widersprechen?

Man kann zustimmen, dass Feuer Holz erwärmt, und trotzdem fragen, ob daraus der behauptete erste Beweger folgt. Die Beobachtung und der weitergehende Schluss sind verschiedene Schritte.

Zu prüfen sind etwa Thomas’ Erklärung von Veränderung und seine Begründung dafür, dass die Reihe abhängiger Bewegender einen ersten braucht. Wer dagegen nur die Temperatur des Holzes bestreitet, trifft eine andere Stelle des Arguments.

Thomas unterscheidet außerdem die Feststellung, dass eine Ursache existiert, von einem vollständigen Wissen über ihr Wesen. Auch ein erfolgreiches Argument wäre daher nicht automatisch eine vollständige Beschreibung aller Eigenschaften Gottes.

Was zeigt der Vergleich der beiden Beispiele?

Das eine Argument fragt, was aus einer angenommenen Offenbarungsaussage folgt. Das andere beginnt bei einem beobachtbaren Vorgang und fragt nach dessen Erklärung. Diese Unterscheidung ist ein Beispiel aus einem bestimmten christlichen Denker, keine vollständige Einteilung aller Religionen und Philosophien.

Für eigene Gespräche lässt sich eine hilfreiche Frage mitnehmen: Stimmen wir über den Ausgangspunkt überein, oder streiten wir schon dort? Ist das geklärt, wird verständlicher, welcher Einwand etwas beiträgt und was ein Schluss überhaupt zeigen würde.

Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.

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