Islamische Kalligrafie: Schriftkunst einfach verstehen

Stilisierte Nahansicht eines reich verzierten Buches mit arabisch anmutenden Schriftzeichen

Islamische Kalligrafie ist die Kunst, Schrift bewusst schön zu gestalten. Sie begegnet uns auf Koranblättern, an Moscheewänden und auf Alltagsgegenständen. Ihre geschwungenen Linien können zunächst wie ein Muster wirken. Dahinter stehen aber Wörter: ein Vers, ein Gedicht, ein guter Wunsch oder auch der Name eines Herrschers.

Vielleicht kennen Sie das von einer besonders sorgfältig geschriebenen Einladung: Die Form gibt den Worten zusätzliches Gewicht. Islamische Kalligrafie entwickelt dieses Zusammenspiel von Lesen und Anschauen zu einer eigenen Kunst. Drei Fragen helfen beim Einstieg: Was steht dort? Wie sind die Buchstaben angeordnet? Und wofür wurde das Werk gemacht?

Warum ist Schrift im Islam so wichtig?

Muslime verstehen den Koran als Gottes Offenbarung an Muhammad in arabischer Sprache. Diese Verbindung gibt der arabischen Schrift besonderes religiöses Gewicht. Das kunstvolle Abschreiben eines Korantextes kann deshalb zugleich handwerkliche Arbeit und Ausdruck der Verehrung sein.

Auch stark verzierte Schrift bleibt dabei Träger eines Textes. Das Metropolitan Museum of Art weist darauf hin, dass selbst innerhalb muslimischer Gesellschaften nicht jeder jede kunstvolle Inschrift lesen konnte. Ihre Schönheit lässt sich auch ohne Sprachkenntnisse wahrnehmen. Eine Übersetzung erschließt eine weitere Ebene.

Manchmal bestimmt ein Schriftzug die ganze Fläche. Anderswo läuft er als Rand um ein Bild oder verbindet sich mit Pflanzenranken. Wer genauer hinsieht, entdeckt also nicht nur verschiedene Buchstaben, sondern verschiedene Arten, Aufmerksamkeit zu lenken.

Arabische Buchstaben heißen nicht automatisch arabischer Text

Ein wichtiger Unterschied: Schrift und Sprache sind nicht dasselbe. Auch persische Dichtung und ältere osmanische Verwaltungstexte wurden mit arabischen Buchstaben geschrieben. Aus der Schrift allein lässt sich deshalb weder der Inhalt noch die Religion ihres Schreibers ablesen. Der Schriftleitfaden des Met erklärt diese Verbreitung über Sprachgrenzen hinweg.

Das ist ähnlich wie bei lateinischen Buchstaben: Sie können einen deutschen Einkaufszettel ebenso tragen wie ein französisches Gedicht. Zum Verstehen braucht man mehr als die Kenntnis des Alphabets.

Wie entstanden die verschiedenen Schriftstile?

Schriftkunst entwickelte sich nicht auf einen Schlag. Unterschiedliche Schreibflächen, Aufgaben und regionale Vorlieben führten zu verschiedenen Lösungen. Einen wichtigen Schub brachte die zunehmende Verwendung von Papier.

Das Ashmolean Museum beschreibt, wie dessen glattere Oberfläche rundere Schreibformen begünstigte. Mit Ibn Muqla, der 940 starb, verbindet es die Ordnung von sechs kursiven Stilen nach festgelegten Proportionen. „Kursiv“ meint hier fließendere, verbundene Formen. Spätere Meister wie Ibn al-Bawwab und Yaqut al-Musta‘simi verfeinerten sie weiter.

Die Kunst bestand also nicht nur darin, besonders schwungvoll zu schreiben. Buchstaben sollten in ihren Größen und Abständen zueinander passen. Das erklärt, warum eine gute Zeile auch dann ausgewogen wirkt, wenn wir ihren Inhalt noch nicht lesen können.

Vier Namen, die beim Museumsbesuch helfen

Die folgenden Schriftformen sind ein guter Anfang:

  • Kufisch: eine breite Familie eher kantiger Formen mit oft weit ausgezogenen Strichen. Manche Varianten verbinden Buchstaben mit Blüten oder verschlungenen Knoten.
  • Naskh: eine der proportional geordneten fließenden Schriften. Sie ist besonders aus Handschriften bekannt, kommt aber auch auf Keramik und Fliesen vor.
  • Thuluth: ebenfalls Teil der sogenannten sechs Schriften. Sie begegnet unter anderem in Koranen, an Gebäuden und auf Metallarbeiten.
  • Nasta‘liq: eine fließende Schrift mit enger Verbindung zur persischen Dichtung und zu kunstvoll gestalteten Albumblättern.

Diese Namen helfen beim Vergleichen. Beginnen Sie mit dem Gesamteindruck; nicht jeden Schriftstil erkennt man auf Anhieb.

Was braucht man außer einer ruhigen Hand?

Ein traditionelles Schreibgerät heißt Qalam. Es wird etwa aus Schilf oder Bambus hergestellt. Der Zuschnitt der Spitze beeinflusst, welche breiten und schmalen Striche auf dem Papier entstehen. Zur Arbeit gehören außerdem die Vorbereitung von Tinte und Schreibfläche.

In proportionalen Schriften dient ein mit dem Stift gesetzter rautenförmiger Punkt als Maßeinheit. So können Buchstaben größer oder kleiner werden und trotzdem ihre Beziehungen zueinander behalten. Den Zusammenhang mit dem senkrechten Buchstaben Alif erklärt das Ashmolean.

Üben heißt deshalb: eine Vorlage wiederholen, Unterschiede erkennen und nachbessern. Ist die Kurve zu eng? Steht ein Buchstabe zu dicht am nächsten? Was leicht aussieht, entsteht oft aus vielen Versuchen. Laut UNESCO werden solche Kenntnisse in Schulen, durch Ausbildung bei erfahrenen Schreibenden und informell weitergegeben.

Ein Schriftzug kann einen Gebetsraum prägen

Ein anschauliches Beispiel ist eine Gebetsnische aus Isfahan von 1354–55. Eine solche Nische, der Mihrab, zeigt die Gebetsrichtung nach Mekka an. Dieses Stück besteht aus zusammengesetzten glasierten Fliesen.

Die Texte haben unterschiedliche Plätze: Koranverse umgeben den äußeren Rahmen, überlieferte Aussprüche des Propheten den Spitzbogen; eine weitere Inschrift sitzt im Inneren. Schrift, Pflanzenformen und Geometrie bilden eine gemeinsame Gestaltung.

Hier hilft es, die Übersetzung neben das Bild zu legen. Dann wird aus dem schönen Rahmen ein Werk, dessen Worte zu religiösem Lernen und Beten gehören. Material und Ort erklären auch die Größe: Was man aus einiger Entfernung wahrnehmen soll, braucht andere Lösungen als eine Buchseite direkt vor den Augen.

Es geht auch um Herrschaft, Gedichte und Musikwünsche

Die Tughra Sultan Süleimans von etwa 1555–60 zeigt eine andere Aufgabe. Eine Tughra ist ein kunstvoll gestaltetes herrscherliches Zeichen und eine Unterschrift für Erlasse. Sie enthält gewöhnlich Namen und Titel des Sultans, den Namen seines Vaters und eine Siegesformel.

Bei Süleimans Zeichen verbinden sich hohe senkrechte Linien, Schleifen und waagerechte Züge mit blau-goldenen Pflanzenmustern. Das Werk steht für staatliche Autorität. Es wäre deshalb falsch, darin allein wegen der arabischen Buchstaben einen Koranvers zu vermuten.

Die Library of Congress stellt ein Faltbuch mit persischer Dichtung von 1875 vor: Hasan ‘Ali al-Husayni schrieb den Text in Nasta‘liq, umgeben von floraler Verzierung. Daneben zeigt sie einen späteren Faltbrief des Schreibers Najib Hamraz. Darin bitten mehrere Menschen den Sender Radio Azadi um bestimmte Lieder.

Das ist ein besonders nahbarer Übergang: Eine aufwendig gestaltete Form dient einmal der Dichtung und ein anderes Mal einem ganz alltäglichen Anliegen. Die Kunst bleibt erkennbar, ihre Verwendung verändert sich.

Wie lebt die Kunst heute weiter?

2021 wurde arabische Kalligrafie in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Gemeint sind lebendige Kenntnisse und Fertigkeiten, nicht nur alte Museumsstücke. Neben traditionellen Werkzeugen werden heute Marker, Farben und für Calligraffiti auch Sprühfarben verwendet. Schriftkunst findet sich außerdem in Holzarbeiten, Stickerei und Metallgestaltung.

Beim nächsten Blick auf ein Werk müssen Sie die Schriftarten nicht auswendig kennen. Suchen Sie zuerst nach einer Übersetzung und der ursprünglichen Verwendung. Schauen Sie dann auf Abstände, Linien, freie Flächen und Material. So wird aus einem zunächst fremden Ornament eine verständlichere Begegnung mit Worten, Menschen und ihrer Zeit.

Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.

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