Mose ist im Judentum der Prophet, der die Israeliten aus der Versklavung in Ägypten führt und am Sinai Gottes Weisung empfängt. Er wird oft Mosche Rabbenu genannt: „Mose, unser Lehrer“. Dieser Name macht deutlich, dass seine Aufgabe mit dem Auszug nicht endet. Er soll Menschen helfen, als Gemeinschaft nach dem Bund mit Gott zu leben.
Das wird besonders anschaulich, wenn man auf gewöhnliche Aufgaben innerhalb der Erzählung achtet: Wer hört Streitfälle an? Wer kann eine schwierige Frage stellen? Wie erfahren Kinder später, was die Gemeinschaft trägt? Mose erscheint dabei als Leiter, der Wissen und Verantwortung weitergibt.

Wie beginnt seine Geschichte?
Exodus 2 erzählt zunächst von Menschen, die das gefährdete Kind schützen. Seine Mutter verbirgt ihn und setzt ihn schließlich in einem abgedichteten Körbchen am Nilufer aus. Seine Schwester beobachtet die Szene. Als die Tochter des Pharaos ihn findet, vermittelt die Schwester eine Amme – die eigene Mutter des Kindes. Später nimmt die Königstochter ihn als Sohn an.
Schon am Anfang hängt Moses Leben vom Handeln anderer ab. Als Erwachsener tötet er einen Ägypter, der einen Hebräer schlägt, und flieht nach Midian. Dort begegnet er der Familie, aus der seine Frau Zippora stammt. Die Erzählung zeichnet damit keinen einfachen, geradlinigen Aufstieg eines von Anfang an sicheren Helden.
Warum spricht Aaron für Mose?
Als Gott Mose beauftragt, äußert dieser Bedenken wegen seines Sprechens. In Exodus 4,10–16 erhält sein Bruder Aaron die Aufgabe, für ihn zu sprechen. Mose soll Aaron die Worte mitteilen; Aaron wendet sich damit an das Volk.
Die beiden übernehmen unterschiedliche Aufgaben innerhalb desselben Auftrags. Das ist ein verständlicher Gedanke auch für Menschen ohne religiöses Vorwissen: Eine wichtige Verantwortung muss nicht heißen, jede Tätigkeit allein zu erledigen. Im Text gehört die Zusammenarbeit ausdrücklich zur göttlichen Beauftragung.
Wie lernt Mose, Verantwortung zu teilen?
In Exodus 18,13–26 sitzt Mose von morgens bis abends über Streitfällen. Die Menschen warten. Sein Schwiegervater Jitro warnt, dass diese Arbeitsweise alle erschöpfen wird: Mose ebenso wie die Wartenden.
Der Rat lautet, vertrauenswürdige Männer für die gewöhnlichen Fälle einzusetzen. Schwierige Angelegenheiten sollen weiterhin zu Mose kommen. Gleichzeitig bleibt es seine Aufgabe, die Weisungen zu erklären.
Man kann sich die Schwierigkeit an einer einzigen Anlaufstelle vorstellen, vor der ständig eine lange Schlange steht. Mehr Einsatz derselben Person löst das Problem irgendwann nicht mehr. In der biblischen Geschichte entstehen erreichbare Zuständigkeiten, weil andere lernen, selbst Entscheidungen zu treffen.
Was geschieht, wenn eine neue Frage auftaucht?
Die fünf Töchter Zelofhads in Numeri 27 bringen ein konkretes Erbproblem vor: Ihr Vater ist ohne Sohn gestorben. Sie bitten darum, seinen Anteil zu erhalten. Mose legt ihren Fall Gott vor. Die Antwort bestätigt ihren Anspruch und formuliert eine Regel für vergleichbare Situationen.
Die Frauen treten dabei selbst vor Mose, den Priester und die führenden Männer der Gemeinschaft. Eine einzelne Anfrage führt zu einer weiterreichenden Weisung. Lehrtätigkeit besteht hier also auch darin, eine schwierige Frage anzuhören und sie nicht vorschnell beiseitezuschieben.
Wer soll nach Mose die Gemeinschaft führen?
Im selben Kapitel bittet Mose um eine künftige Leitung. Josua wird vor Eleasar, dem Priester, und der versammelten Gemeinschaft eingesetzt. Mose legt ihm die Hände auf und beauftragt ihn öffentlich. Die Menschen sollen sehen können, wer die Aufgabe übernimmt.
Verantwortung weiterzugeben betrifft damit nicht nur einzelne Streitfälle, sondern auch die Zukunft nach Moses Tod. Die Erzählung verbindet Führung mit einem geordneten Übergang, an dem die Gemeinschaft beteiligt ist.
Wie sollen spätere Generationen die Tora kennenlernen?
Deuteronomium 31,9–13 beschreibt, wie Mose die Weisung schriftlich festhält und Priestern und Ältesten übergibt. Alle sieben Jahre soll sie zu Sukkot öffentlich gelesen werden. Männer, Frauen, Kinder und ansässige Fremde werden zur Versammlung gerufen.
Besonders erwähnt werden Kinder, die die Weisung noch nicht kennen. Die religiöse Gemeinschaft soll also Gelegenheiten zum Hören und Lernen schaffen. Das Wissen darf nicht mit denen verschwinden, die es bereits besitzen. Mehr zum Textzusammenhang erklärt unser Einstieg in Tora und Tanach.
Warum bleibt er „unser Lehrer“?
Pirke Avot 1,1 beginnt mit der Überlieferung, dass Mose die Tora am Sinai empfing und an Josua weitergab. Die Reihe führt über Älteste und Propheten zur Großen Versammlung. Zu deren Aussagen gehört die Aufforderung, viele Schüler heranzubilden. Das ist eine rabbinische Darstellung religiöser Kontinuität.
Rabbiner Jonathan Sacks betont in seiner Auslegung über Mose als Lehrer, dass Erklären und verständliches Weitergeben entscheidend sind. Die Menschen sollen nicht nur Gebote hören, sondern verstehen, wie die Erfahrung der Versklavung ihre Verantwortung als freie Gemeinschaft prägt.
Wie lebt diese Erinnerung heute weiter?
Beim Fest Simchat Tora wird nach der von Chabad beschriebenen Praxis das Ende der Tora mit Moses Tod gelesen und unmittelbar wieder mit Genesis begonnen. Das Ende der Lebensgeschichte steht so neben einem neuen Anfang des Lernens.
Der jüdische Blick auf Mose umfasst damit Befreiung, göttliche Weisung und die Weitergabe an andere. Die hier genannten Ereignisse werden als biblische Erzählung und religiöse Überlieferung erklärt. Sie zeigen besonders deutlich, weshalb der Name „unser Lehrer“ für seine Bedeutung so viel aussagt.
Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.




