Warum gibt es so viele christliche Konfessionen?

Illustration eines bunten Glasfensters mit einem Kreuz in der Mitte

Es gibt viele christliche Konfessionen, weil Christen über Glaubenslehren, kirchliche Autorität und religiöse Praxis gestritten haben. Dazu kamen unterschiedliche Sprachen, politische Verhältnisse und Reformbewegungen. Nicht jede neue Kirche entstand aus demselben Grund.

Ein gemeinsamer Glaube an Jesus bedeutet deshalb nicht automatisch dieselbe Kirchenorganisation. Auch wer dieselbe Bibel liest, kann anders darüber denken, wer eine verbindliche Entscheidung treffen darf oder wie eine Taufe stattfinden sollte.

Konfession, Kirchenfamilie und Gemeinde: Was ist gemeint?

Eine Konfession ist im üblichen Sprachgebrauch eine christliche Glaubensrichtung mit eigener Lehre oder Ordnung. Mit „Kirchenfamilie“ kann dagegen eine größere Gruppe verwandter Kirchen gemeint sein. Eine einzelne örtliche Gemeinde ist wiederum nicht dasselbe wie eine weltweite Gemeinschaft.

Der Ökumenische Rat der Kirchen unterscheidet beispielsweise katholische, östlich-orthodoxe, orientalisch-orthodoxe, anglikanische, lutherische, reformierte, baptistische, methodistische und pfingstkirchliche Traditionen. Hinter einem Namen können viele eigenständige Organisationen stehen.

Das ist wichtig, wenn jemand eine ganz genaue Zahl christlicher Konfessionen nennt: Was wurde gezählt? Kirchen verstehen sich außerdem nicht immer einfach als gleichartige Abteilungen eines gemeinsamen Dachverbands. Ihr eigenes Verständnis von Einheit und Autorität kann weitergehende Ansprüche enthalten.

Die Trennungen begannen lange vor Martin Luther

Schon in der Spätantike stritten Christen darüber, wie Jesu göttliche und menschliche Wirklichkeit zu beschreiben sei und welche Konzilsentscheidungen verbindlich waren.

Der Überblick zu den orientalisch-orthodoxen Kirchen verbindet ihre Trennung von den Kirchen, die das Konzil von Chalcedon anerkennen, mit dem Jahr 451. Zu dieser Familie gehören etwa koptische, armenische und syrische Traditionen.

Orientalisch-orthodox ist dabei nicht dasselbe wie östlich-orthodox. Chalcedon teilte nicht einfach die heutigen katholischen und griechisch-orthodoxen Kirchen in ihre fertigen Formen. Verschiedene Trennungsgeschichten müssen auseinandergehalten werden. Spätere Gespräche suchten zudem nach einem genaueren Verständnis der damaligen theologischen Sprache.

Ost und West: Warum 1054 nicht die ganze Geschichte ist

Das Jahr 1054 gilt als bekannte Wegmarke der Trennung zwischen lateinischem Westen und griechischem Osten. Doch die Entfremdung entwickelte sich über längere Zeit.

Die Orthodox Church in America beschreibt Streit über den Anspruch des Papstes, unterschiedliche kirchliche Bräuche und den Zusatz Filioque im Glaubensbekenntnis. Mit diesem lateinischen Ausdruck, „und dem Sohn“, ging es um die Beschreibung des Hervorgehens des Heiligen Geistes. Hinzu kamen kulturelle und politische Spannungen.

Die Darstellung aus orthodoxer Perspektive nennt auch die Plünderung Konstantinopels durch Kreuzfahrer 1204 als weitere Vertiefung der Entfremdung. Ein symbolisches Datum kann also wichtig sein, ohne alle Ursachen und Folgen in sich zu enthalten.

Die Reformation brachte mehrere Wege hervor

Im 16. Jahrhundert ging es um Erlösung, die Bibel, kirchliche Macht, Gottesdienst und Missstände. Martin Luthers Thesen von 1517 behandelten den Ablass. Daraus entstand eine weitreichende Auseinandersetzung.

Der gemeinsam lutherisch-katholisch erarbeitete Bericht „From Conflict to Communion“ erklärt ausdrücklich, wie sich die theologischen Fragen mit Politik, Wirtschaft und Kultur verflochten. Nur persönliche Rivalität anzunehmen wäre ebenso zu einfach wie eine Geschichte, in der es ausschließlich um Ideen ohne gesellschaftliche Folgen geht.

Lutherische, reformierte, anglikanische und täuferische Traditionen gingen unterschiedliche Wege. „Evangelisch“ oder „protestantisch“ bezeichnet deshalb eine breite historische Verwandtschaft. Es bedeutet nicht, dass diese Kirchen in jeder Frage einer Meinung wären.

Wer darf für die Kirche entscheiden?

Die Frage nach Autorität betrifft nicht bloß Büroorganisation. Sie entscheidet etwa darüber, wer Lehre verbindlich auslegt, Geistliche beruft und kirchliche Regeln verändert.

Das katholische Kompendium des Katechismus beschreibt die Rolle des Papstes gemeinsam mit dem Bischofskollegium für Leitung und Einheit der Kirche. Im baptistischen Bekenntnis der Baptist World Alliance stehen Schriftorientierung und die Ordnung der örtlichen Gemeinde im Vordergrund.

Eine baptistische Weltorganisation ist somit kein einfaches Gegenstück zum Papstamt. Andere Kirchen arbeiten mit Bischöfen, Synoden oder Versammlungen in jeweils eigener Verbindung. Gemeinsame Texte allein entscheiden noch nicht, wie eine Gemeinschaft mit einem Auslegungsstreit umgehen soll.

Ein praktisches Beispiel: Wer wird getauft?

Die Baptist World Alliance bekennt sich zur Taufe durch Untertauchen für Menschen, die umgekehrt sind und persönlich zum Glauben gekommen sind. Die Taufe bringt hier bewusste Nachfolge zum Ausdruck.

Die lutherische US-Kirche ELCA beschreibt in „The Use of the Means of Grace“, Prinzip 18, dagegen die Taufe von Menschen aller Altersgruppen, einschließlich kleiner Kinder. Sie versteht sie als Gottes Gnadengabe. Eltern, Paten und Gemeinde sollen getaufte Kinder im Heranwachsen begleiten.

Beide Beispiele gehören zum weiteren protestantischen Umfeld. Die Unterschiede lassen sich nicht mit einer Musikvorliebe erklären. Es geht um das Verhältnis zwischen Gottes Handeln, Glauben, Gemeinschaft und der Antwort eines Menschen. Deshalb ist auch „Alle Protestanten halten Taufe nur für ein Symbol“ eine falsche Verallgemeinerung.

Erneuerungsbewegungen können neue Kirchen hervorbringen

Nicht jede Richtung begann mit einem Konzil oder einem Streit aus dem 16. Jahrhundert. Manche Bewegungen wollten vernachlässigte Aspekte des christlichen Lebens erneuern.

Die methodistische Historikerin Ashley Boggan Dreff erklärt in einem Gespräch der United Methodist Church John Wesleys Anliegen im England des 18. Jahrhunderts. Er wollte überlieferte christliche Überzeugungen praktisch leben und Menschen in ihren Lebensumständen erreichen. Methodismus entstand damit auch aus einem Erneuerungsanliegen innerhalb des anglikanischen Umfelds.

Die Pfingstbewegung betont besonders das Wirken des Heiligen Geistes. Der Ökumenische Rat verweist unter anderem auf William Seymour und die Azusa-Street-Mission in Los Angeles 1906. Zugleich beschreibt er spätere interne Trennungen. Ein gemeinsamer Schwerpunkt auf geistlicher Erfahrung schafft also nicht automatisch eine einzige Organisation.

Können alte Unterschiede kleiner werden?

Ja, genaueres Gespräch kann Gemeinsamkeiten sichtbar machen. Ein Beispiel ist die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre von 1999. Katholische Kirche und Lutherischer Weltbund formulierten einen grundlegenden Konsens über Gottes Annahme aus Gnade durch Glauben an Christus. Gute Werke gehören zum daraus erwachsenden Leben.

Das widerlegt die einfache Gegenüberstellung „Evangelische vertrauen dem Glauben, Katholiken verdienen sich Erlösung durch Leistungen“. Die Erklärung behauptet aber auch nicht, alle kirchlichen Unterschiede seien verschwunden. Ausführlicher behandelt das unser Beitrag über katholisch-lutherische Lehrunterschiede.

Auch der Ökumenische Rat versteht sich als Gemeinschaft von Kirchen, die zusammenarbeiten und nach Einheit suchen, ohne eine übergeordnete Weltkirche zu bilden. Kooperation ist nicht automatisch Fusion.

Christliche Vielfalt wird verständlicher, wenn wir konkrete Fragen vergleichen: Wer entscheidet? Was bedeutet die Taufe? Wie wird Glaube gelebt? Dahinter liegen echte Unterschiede, aber auch Möglichkeiten, frühere Karikaturen zu korrigieren und Gemeinsamkeiten genauer zu erkennen.

Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.

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