Christen legen die Bibel unterschiedlich aus, weil beim Lesen Sprache, Textart, geschichtlicher Zusammenhang und kirchliche Überzeugungen zusammenkommen. Dazu kommt die Frage, wer bei einem Streit über die Bedeutung das letzte Wort haben soll: eine kirchliche Lehrentscheidung, ein Bekenntnis oder die Bibel als Maßstab für alle weiteren Aussagen?
Die Einteilung in „Die einen nehmen alles wörtlich, die anderen glauben nichts davon“ hilft wenig. Auch wer die Bibel als von Gott inspiriert versteht, kann Gedichte, Gleichnisse und Bilder erkennen. Drei konkrete Beispiele machen die Unterschiede verständlicher.
Schon beim Übersetzen muss man entscheiden
Die meisten deutschsprachigen Christen lesen die Bibel in einer Übersetzung. Ein Wort aus dem Griechischen oder Hebräischen lässt sich aber nicht immer mit genau einem deutschen Wort wiedergeben. Manchmal muss die Übersetzung eine Bedeutung hervorheben und die andere in einer Fußnote erklären.
In Johannes 3 spricht Jesus mit Nikodemus über eine neue Geburt. Das griechische Wort anōthen kann sowohl „von oben“ als auch „von Neuem“ bedeuten. Die Anmerkung der US-amerikanischen Bischofskonferenz zu Johannes 3,3 erklärt das Wortspiel: Jesus spricht von der Herkunft dieser Geburt von Gott; Nikodemus versteht zunächst eine weitere körperliche Geburt.
Das Gespräch lebt gerade von diesem Missverständnis. Eine Übersetzung, die nur eine Bedeutung erkennen lässt, macht einen anderen Aspekt sichtbar als eine Fassung mit ausführlicher Fußnote. Das muss keine Manipulation sein. Es kann daran liegen, dass sich beide Bedeutungen im Deutschen nicht ebenso knapp verbinden lassen.
Beim Vergleich lohnt deshalb die Frage: Welche sprachliche Schwierigkeit versucht die Übersetzung zu lösen? Unterschiedliche Wörter bedeuten noch nicht automatisch unterschiedliche Glaubensrichtungen.
Ein Bild ernst nehmen heißt nicht, es als Gegenstand zu lesen
In Johannes 10,7–10 bezeichnet Jesus sich als Tür. Wer daraus eine Aussage über Holz und Scharniere macht, verfehlt das Bild. Es geht um Zugang, Rettung und das Leben, das durch ihn eröffnet wird.
Ein Vergleich aus dem Alltag: Wenn jemand „Du bist mein Fels“ sagt, meint er keine Gesteinsprobe. Trotzdem kann die Aussage sehr ernst gemeint sein. Bildliche Sprache ist also nicht das Gegenteil einer bedeutsamen Aussage.
Auch die katholische Konzilsschrift Dei Verbum, Abschnitt 12, verlangt ausdrücklich, auf literarische Formen, die damaligen Lebensumstände und zeitübliche Ausdrucksweisen zu achten. Zugleich soll die Bibel in ihrem Gesamtzusammenhang und in der lebendigen Überlieferung der Kirche gelesen werden.
Sprachliches Untersuchen und religiöse Überzeugung schließen sich in diesem Ansatz nicht aus. Der eigentliche Streit beginnt oft erst bei der Frage, welches Bild vorliegt und wie weit seine Bedeutung reicht.
Wer entscheidet, wenn Christen sich nicht einig sind?
Bei manchen Fragen verstehen zwei Leser die Wörter ähnlich und kommen trotzdem zu verschiedenen Ergebnissen. Dann kann der Unterschied darin liegen, welchen Stellenwert eine kirchliche Lehre für die Auslegung hat.
Im katholischen Verständnis gehört die Bibel in die überlieferte Lehre und das Leben der Kirche. Dei Verbum ordnet die Arbeit an ihrer Auslegung entsprechend auch der kirchlichen Urteilsverantwortung zu. Das Dokument hält zugleich an der sorgfältigen sprachlichen und geschichtlichen Arbeit fest.
Das reformierte Westminster-Bekenntnis, Kapitel 1, setzt einen anderen letzten Maßstab: Schwierige Bibelstellen sollen mithilfe klarerer Stellen verstanden werden; über religiöse Streitfragen entscheidet letztlich der Heilige Geist, der in der Schrift spricht. Auch Konzilien und frühere Lehrer sind daran zu prüfen.
Das Bekenntnis sagt aber ebenfalls, dass nicht alle Stellen für jeden gleich verständlich sind. „Die Schrift als letzter Maßstab“ bedeutet deshalb nicht, dass jedes private Verständnis automatisch richtig wäre. Es handelt sich außerdem um eine bestimmte reformierte Position, nicht um eine vollständige Beschreibung aller evangelischen Kirchen.
Ein konkreter Streit: Was geschieht beim Abendmahl?
In 1. Korinther 11,23–29 erzählt Paulus von Jesu letztem Mahl. Brot und Kelch werden mit Leib und Blut verbunden. Zugleich geht es um Erinnerung, die Verkündigung von Jesu Tod und einen verantwortlichen Umgang mit dem Mahl. Welche Bedeutung haben diese Aussagen zusammen?
Der katholische Katechismus, Abschnitte 1374–1376, lehrt die wirkliche Gegenwart Christi und die Wandlung von Brot und Wein in seinen Leib und sein Blut. Der Fachbegriff dafür lautet Transsubstantiation, also Wesensverwandlung. Gemeint ist eine sakramentale Veränderung bei bleibender äußerer Gestalt, keine sichtbare Verwandlung in gewöhnliches Fleisch.
Das Bekenntnis der Southern Baptists, Artikel VII, beschreibt das Abendmahl als symbolischen Akt des Gehorsams: Die Gemeinde erinnert sich an Christi Tod und erwartet seine Wiederkunft. „Symbolisch“ bedeutet hier nicht unwichtig. Das Mahl gehört zum ernst genommenen Gottesdienst.
Die reformierte Position des Westminster-Bekenntnisses, Kapitel 29, Abschnitt 7, lässt sich wiederum nicht einfach mit dieser baptistischen Erklärung gleichsetzen. Sie spricht davon, dass Glaubende Christus beim Empfang des Mahls wirklich geistlich empfangen, nicht körperlich in den Elementen.
Alle drei beziehen sich auf christliche Texte. Der Unterschied liegt darin, wie Gegenwart, Erinnerung, Glaube und kirchliche Überlieferung zusammengedacht werden. Den gleichen Vers noch einmal vorzulesen, beantwortet diese weiteren Fragen nicht von selbst.
Was bedeutete der Text damals – und was bedeutet er heute?
Geschichtliches Lesen fragt beispielsweise: An wen richtet sich ein Brief? Auf welches Problem antwortet ein Satz? Was konnte ein Ausdruck damals bedeuten? Eine theologische Auslegung fragt zusätzlich, wie die Stelle mit dem Glauben an Gott, Christus und die Kirche zusammenhängt.
Danach folgt noch eine weitere Aufgabe: die Anwendung im heutigen Leben. Eine Anweisung an eine bestimmte Gemeinde lässt sich nicht immer wie eine aktuelle Nachricht an die eigene Gemeinde behandeln. Man muss begründen, welcher Grundgedanke fortbesteht und welche damaligen Umstände wichtig waren.
Auch Erfahrungen lenken die Aufmerksamkeit. Wer Verantwortung für Kinder trägt, bemerkt vielleicht andere Fragen als jemand, der eine kirchliche Institution leitet. Daraus folgt nicht, dass jede Perspektive recht hat. Es ist ein Grund, die eigenen Annahmen zu prüfen und anderen aufmerksam zuzuhören.
Wie kann man verschiedene Auslegungen fair vergleichen?
- Den Abschnitt vollständig lesen: Passt die Erklärung auch zu den Sätzen davor und danach?
- Die genaue Streitfrage benennen: Geht es um eine Übersetzung, ein Sprachbild oder eine kirchliche Lehre?
- Belege und Voraussetzungen trennen: Was steht im Text, was ergibt sich erst aus weiteren Überzeugungen?
- Die andere Seite selbst zu Wort kommen lassen: Ein eigenes Bekenntnis erklärt eine Lehre besser als die Karikatur eines Gegners.
- Abstufungen zulassen: Manche Deutungen passen besser zum Text als andere, auch wenn Fragen offenbleiben.
Unterschiedliche Bibelauslegungen sind damit weder bloße Willkür noch automatisch gleich überzeugend. Wer erkennt, welche Entscheidung beim Lesen getroffen wird, kann den Streit genauer verstehen – und auch das eigene Verständnis besser begründen.
Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.




