Ein Totem kann ein Zeichen für die Zugehörigkeit zu einem Clan sein. Im Ausdruck „Totempfahl“ kann das Wort auch ein geschnitztes Denkmal bezeichnen. Was genau gemeint ist, lässt sich jedoch nicht allein am abgebildeten Tier erkennen. Entscheidend sind die Gemeinschaft, ihre Sprache und die Geschichte des Zeichens.
Wer einen Vogel oder Bären auf einem Bild sieht, fragt vielleicht zuerst: „Welche Kraft soll dieses Tier haben?“ Oft führt eine andere Frage weiter: „Zu wem gehört dieses Zeichen, und welche Geschichte verbindet die Menschen damit?“ Drei Beispiele zeigen, weshalb diese Perspektive wichtig ist.

Bei den Ojibwe: ein Wort für Clan-Zugehörigkeit
Das Ojibwe People’s Dictionary führt den Wortstamm -doodem- für Clan beziehungsweise Totem auf. Mit einer persönlichen Vorsilbe entstehen Wörter wie nindoodem, „mein Clan“, und gidoodem, „dein Clan“.
Schon die Wortformen machen also eine Beziehung sichtbar. Es geht um Zugehörigkeit zu einer Gruppe und nicht einfach um ein Tier, das jemand besonders schön findet. Das Wörterbuch bewahrt außerdem Sprachaufnahmen von Sprechern. Wer das Wort verstehen möchte, begegnet damit einer lebendigen Sprache.
Ein deutscher Vergleich wäre eine Bezeichnung, bei der das „mein“ oder „unser“ wesentlich ist: Sie erklärt nicht nur eine Sache, sondern auch ein Verhältnis zu Menschen. Das ersetzt nicht die genaue Bedeutung des Ojibwe-Wortes. Es hilft aber, den Blick von einer vermeintlich frei wählbaren Tierfigur auf Zugehörigkeit zu lenken.
Bei den Tlingit: Ein Clan-Zeichen hat bestimmte Träger
Das Sealaska Heritage Institute dokumentiert Clan-Zeichen der Tlingit. Im 2023 vorgestellten Register gehört die Dreizehenmöwe zum T’aḵdeintaan-Clan, der Hai zum Wooshkeetaan-Clan. Die Darstellung stützt sich auf Erzählungen und Wissen von Clan-Leitungen und Sprechern.
Solche Zeichen stehen im Zusammenhang mit at.óow, heiligem Eigentum des Clans. Dazu gehören greifbare Dinge ebenso wie Geschichten, Lieder und Namen. Ein Bild ist dadurch mit überlieferten Rechten und Beziehungen verbunden. Seine Bedeutung erschließt sich nicht vollständig durch eine allgemeine Liste von Tiereigenschaften.
Das Register startete mit sechs dokumentierten Zeichen. Das Institut erläutert ausdrücklich, dass es weitere Clans gibt und ein Clan mehrere Zeichen haben kann. Eine kleine Auswahl ist also nicht die vollständige Ordnung dieser Kultur.
Ein Nisga’a-Gedenkpfahl kehrt nach Hause zurück
Ein weiteres Beispiel verbindet Erinnerung mit einer konkreten Familie. Nach der gemeinsamen Erklärung der Nisga’a Lisims Government und National Museums Scotland gab die Matriarchin Joanna Moody aus dem House of Ni’isjoohl 1860 einen Gedenkpfahl in Auftrag. Der Nisga’a-Schnitzer Oyee fertigte ihn zur Erinnerung an ihren Verwandten Ts’awit. Die Familie beschreibt ihn als Krieger, der bei der Verteidigung seiner Familie und seiner Nation starb.
Der Pfahl befand sich jahrzehntelang in Schottland. Das Museum bestätigt auf seiner Darstellung zu kolonialen Sammlungsgeschichten die Rückführung im September 2023 in das Nass Valley im heutigen British Columbia. Die frühere Ankündigung einer Rückkehr und die tatsächlich erfolgte Rückführung lassen sich damit unterscheiden.
Die Beteiligten verwenden den Begriff „Rematriierung“. Damit verknüpfen sie die Rückkehr mit indigenem Recht und der Nisga’a-Verwandtschaftsordnung über die mütterliche Linie. Es ging nicht nur darum, ein großes Holzobjekt an einen anderen Ausstellungsort zu transportieren. Im Mittelpunkt standen die Beziehung der Familie zu ihrem Gedenken und ihre Verantwortung dafür.
Was sollte man beim Betrachten solcher Zeichen fragen?
Die drei Beispiele gehören zu unterschiedlichen Völkern. Ein Ojibwe-Wort, ein Tlingit-Clan-Zeichen und ein Nisga’a-Gedenkpfahl sind nicht einfach drei Ausführungen derselben universellen Religion. Sie zeigen unterschiedliche Formen von Zugehörigkeit, Rechten und Erinnerung.
Hilfreich sind deshalb konkrete Fragen: Wer nennt das Zeichen sein Eigen? Welche Geschichte erzählt die Gemeinschaft darüber? Ist es ein Familiengedenken, ein Clan-Zeichen oder etwas anderes? Eine Bildunterschrift mit Namen und Herkunft kann dabei mehr erklären als eine spektakuläre Deutung.
Das Bärenmotiv unseres Titelbilds ist eine stilisierte Illustration. Es dokumentiert kein bestimmtes Zeichen einer der genannten Gemeinschaften. Auch daran wird die Grenze sichtbar: Ein Tierbild allein erzählt noch nicht die Beziehungen, durch die ein Totem seine Bedeutung erhält.
Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.




