Wie erklären Religionen die Entstehung der Welt?

Symbolische Illustration religiöser Zeichen in einem bunten Glasfenstermuster

Religionen erklären die Entstehung der Welt sehr unterschiedlich. Manche erzählen von einem Schöpfer, andere von wiederkehrenden Weltzyklen. Wieder andere fragen weniger nach einem ersten Anfang als danach, wie leidvolles Leben entsteht und überwunden werden kann.

Hilfreich ist eine Unterscheidung: Wie entwickelte sich das Weltall physikalisch? Warum gibt es überhaupt etwas? Und was sagt eine Ursprungserzählung über unseren Platz in der Welt? Diese Fragen können zusammenhängen, sind aber nicht identisch.

Die Bibel: Eine geordnete und gute Welt

Symbolbild zu religiösen SchöpfungsvorstellungenGenesis gehört zur jüdischen und zur christlichen Bibel. Im ersten Kapitel entsteht die Welt durch Gottes Sprechen. Licht, Lebensräume, Lebewesen und Menschen werden in einer gegliederten Folge beschrieben. Die Schöpfung gilt wiederholt als gut; der Mensch wird als Gottes Bild bezeichnet.

Die katholische USCCB-Ausgabe erklärt die literarische Ordnung: Den ersten drei Tagen stehen die folgenden drei gegenüber. Auf Licht und Dunkel folgen etwa die Himmelslichter; zu Wasser und Himmel gehören später Fische und Vögel. Der siebte Tag mit Gottes Ruhe bildet den Höhepunkt.

Das ist mehr als eine bloße Ereignisliste. Die Form verbindet Ordnung, Wert der Welt und heilige Zeit. Wie sie zu einer naturwissenschaftlichen Zeitfolge steht, ist damit noch nicht entschieden.

Kann man an Schöpfung glauben und die Tage symbolisch lesen?

Ja, dafür gibt es konkrete religiöse Beispiele. Der katholische Katechismus, Abschnitt 337, bezeichnet die Folge der sechs Schöpfungstage als symbolische Darstellung. Zugleich bekräftigt er die Abhängigkeit der Welt von Gott und die Güte der Geschöpfe.

Das ist eine bestimmte katholische Auslegung, keine Sammelmeinung aller Christen und Juden. Sie zeigt aber, warum zwei verschiedene Auseinandersetzungen zu unterscheiden sind: Ob Gott überhaupt Schöpfer ist und wie ein Text über ihn verstanden werden soll.

Der Koran: Schöpfung und bleibende göttliche Macht

Koran 7:54 schreibt die Erschaffung von Himmel und Erde Allah zu und nennt sechs Tage. Sonne, Mond und Sterne stehen unter seinem Befehl. Die Aussage betrifft somit auch Gottes fortdauernde Autorität, nicht nur einen entfernten ersten Zeitpunkt.

Vers 15:26 beschreibt die Erschaffung des Menschen aus Lehm beziehungsweise geformtem Schlamm. Das ist eine konkrete koranische Ursprungsaussage.

Übersetzungen geben einzelne Ausdrücke unterschiedlich wieder. Um daraus eine umfassende muslimische Deutung abzuleiten, bräuchte es zusätzlich die arabischen Begriffe und die jeweiligen Auslegungstraditionen. Ein einzelner übersetzter Satz ist noch kein vollständiger Überblick.

Ein hinduistisches Beispiel: Welten entstehen wiederholt

In der Bhagavad Gita 9,7–8 beschreibt Krishna, wie Lebewesen am Ende eines Weltzyklus in seine materielle Energie zurückkehren und beim nächsten Beginn erneut hervorgebracht werden. Die verlinkte Fassung enthält die Übersetzung und Erklärung von Swami Mukundananda.

Hier steht keine einmalige, nie wiederkehrende Entstehung im Mittelpunkt, sondern ein Rhythmus von Hervortreten und Auflösung. Zugleich ist Krishna als göttlich Handelnder präsent. Das Beispiel ist deshalb mehr als die Vorstellung eines unpersönlichen Uhrwerks des Kosmos.

Hinduistische Traditionen kennen weitere Vorstellungen. Und eine große Zeitspanne oder ein Zyklus ist noch kein Beweis, dass ein religiöser Text eine heutige kosmologische Theorie vorhergesagt hätte. Zunächst sollte er in seinem eigenen Zusammenhang verstanden werden.

Ein buddhistisches Beispiel: Der Anfang ist nicht erkennbar

Die buddhistische Lehrrede SN 15.9 beschreibt das Wandern von Wesen durch verschiedene Existenzen. Ein Anfangspunkt sei nicht ersichtlich; Unwissenheit und Verlangen halten dieses Wandern in Gang.

Das Bild dazu ist ein geworfener Stock, der auf unterschiedliche Weise landen kann. Die Aufmerksamkeit soll auf das Leiden fortgesetzter Existenz und die Möglichkeit der Befreiung gelenkt werden.

Die Frage „Wer hat alles erschaffen?“ ist hier also nicht der Ausgangspunkt. Der Text erklärt auch nicht physikalisch, was vor dem frühen heißen Universum geschehen sei. Er richtet sich auf ein anderes Problem.

Die Oneida-Erzählung: Land entsteht durch Beziehungen und Hilfe

Indigene Traditionen sind nicht eine einzige Religion. Die Oneida Nation veröffentlicht eine Erzählung von Amos Christjohn, die deshalb auch als diese konkrete Überlieferung benannt werden sollte.

Am Anfang liegt unter einer Himmelswelt eine Wasserwelt. Eine Frau fällt herab; Vögel helfen ihr, und eine Schildkröte bietet ihren Rücken als Halt. Tiere versuchen, Erde vom Grund heraufzuholen. Eine Bisamratte bringt schließlich etwas mit, das mit der mitgebrachten Erde der Frau verbunden wird. Auf dem Rücken der Schildkröte wächst Land.

Die Geschichte geht mit Familienbeziehungen und Zwillingen weiter, deren schöpferisches Handeln gegensätzliche Formen annimmt. Wer nur „Ein großer Geist erschuf die Welt“ daraus macht, verliert genau diese Besonderheiten.

Eine Frage beim Lesen könnte sein: Welche Bedeutung bekommen Hilfe, Tiere und Beziehungen für das Bewohnbarwerden der Welt? Das ist eine Frage an diese Erzählung, keine Behauptung über die identischen Überzeugungen aller indigenen Menschen.

Was beschreibt der Urknall?

Die wissenschaftliche Kosmologie untersucht die Expansion und frühe Entwicklung des Universums. Der Physiker John Mather erklärt bei der NASA, warum der Name „Big Bang“ leicht in die Irre führt: Gemeint ist keine Explosion wie ein Feuerwerkskörper von einem Mittelpunkt in einen umgebenden leeren Raum.

Zu den Beobachtungen gehören die sich voneinander entfernenden Galaxien und die kosmische Hintergrundstrahlung. Das Modell beschreibt eine Entwicklung über rund 13,8 Milliarden Jahre. Die Hintergrundstrahlung zeigt einen Zustand ungefähr 380.000 Jahre nach Beginn der Expansion.

Damit ist nicht automatisch eine Entstehung aus absolutem Nichts bewiesen. Ebenso liefert der Satz „Gott ist Schöpfer“ allein keine Messung der kosmischen Expansion. Wer beides in Beziehung setzen möchte, sollte sagen, welche Art von Frage und Begründung jeweils gemeint ist.

Religiöse Ursprungserzählungen sprechen in den hier vorgestellten Beispielen auch über Ordnung, Wert, Macht, Befreiung und Beziehungen. Ihre Unterschiede ernst zu nehmen macht den Vergleich verständlicher. Es lässt zugleich Raum, wissenschaftliche Erkenntnisse und religiöse Deutungen jeweils nach ihren eigenen Aussagen zu prüfen.

Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.

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