Ein Priester übernimmt bestimmte religiöse Aufgaben, besonders bei Riten und Gottesdiensten. Was das genau bedeutet und wodurch er dazu berechtigt ist, hängt von seiner Tradition ab. Das Wort allein erklärt noch nicht, welche Handlungen jemand ausführt oder wie andere Menschen daran teilnehmen.
Anschaulich wird das bei einem Blick auf zwei sehr verschiedene Beispiele: den täglichen Dienst an einem altägyptischen Heiligtum und die katholische Messe. In beiden Fällen gibt es festgelegte Aufgaben. Ihre religiöse Bedeutung und die Verteilung der Rollen unterscheiden sich jedoch.

Was tat ein Priester an einem ägyptischen Heiligtum?
Ein Papyrus in Berlin überliefert das tägliche Ritual für Amun in Karnak. Die Darstellung von UCL Digital Egypt beschreibt eine genaue Folge: Weihrauch verbrennen, sich dem Schrein nähern, das Siegel lösen und die Schnur an dessen Türen öffnen.
Auch Verneigungen, Gesänge, Gaben und die Versorgung des Götterbildes gehören zum Ablauf. Das Bild galt als eine Form, über die menschlicher Dienst und Opfer die Gottheit erreichen konnten. Die Tätigkeit bekam ihren Sinn also aus einer bestimmten religiösen Vorstellung.
Wer hier Verantwortung trug, musste mit Gegenständen umgehen, einen besonderen Raum öffnen und die vorgesehenen Handlungen ausführen. „Priester“ bezeichnet damit nicht nur eine respektierte Person, sondern jemanden mit konkreten Aufgaben im Kult.
Warum zeigt ein Tempelrelief dann den Herrscher?
Der Tempel von Dendur liefert ein anderes anschauliches Beispiel. Dort erscheint der römische Kaiser Augustus als ägyptischer Herrscher, der Gottheiten Opfer bringt. Nach der Erklärung des Metropolitan Museum galt der Pharao als idealer Vollzieher der täglichen Riten; praktisch führten sie Priester aus.
Eine bildliche Darstellung und der gewöhnliche Arbeitsablauf sind also nicht immer identisch. Ein Relief kann eine Vorstellung legitimer Herrschaft zeigen, während die täglichen Handlungen anderen übertragen sind.
Auch der Zugang war unterschiedlich. Die inneren Räume blieben den mit den Ritualen Beauftragten vorbehalten. Bei Festen konnten Götterbilder dagegen herausgetragen werden. Das erklärt, warum religiöse Teilnahme nicht für jeden Menschen dieselbe Nähe zum Heiligtum bedeutete.
Welche Aufgabe hat der Priester in der katholischen Messe?
Die Grundordnung des Römischen Messbuchs verbindet die priesterliche Aufgabe in der Eucharistie ausdrücklich mit der Weihe. Der Priester steht der versammelten Gemeinde vor und leitet das Eucharistische Hochgebet, das zentrale Gebet über den Gaben.
Nach katholischem Verständnis handelt er dabei in der Person Christi. Er soll Gott und den Menschen würdig und demütig dienen. Das Amt ist damit mehr als eine praktische Moderation einer Veranstaltung.
Die Gemeinde ist dennoch nicht bloß Publikum. Die Grundordnung beschreibt ihre Teilnahme an Gebet, Gesang und gemeinsamen Antworten. Auch das Zuhören und die gemeinsame Feier gehören dazu.
Was macht dann ein Diakon?
Ein Diakon hat in der Messe eigene Aufgaben. Er verkündet etwa das Evangelium, kann Fürbitten vortragen und hilft am Altar. Er ist nicht einfach ein zweiter Priester mit denselben Zuständigkeiten.
Ein Detail aus Kapitel IV der Grundordnung macht den Unterschied sichtbar: Während des Hochgebets kann er dem Priester mit Kelch oder Messbuch helfen. Das Gebet leitet der Priester; die Gemeinde antwortet mit den vorgesehenen Rufen.
Mehrere Menschen wirken also am selben Ritus mit, ohne dass ihre Aufgaben austauschbar wären. Wer die Feier verstehen möchte, kann darauf achten, wer spricht, wer etwas vorbereitet und wann die ganze Gemeinde antwortet.
Was lässt sich aus den beiden Beispielen lernen?
Ein gemeinsamer Berufsname macht aus verschiedenen Religionen keine einheitliche Praxis. Der ägyptische Tempeldienst gehört zu einer anderen Vorstellung von Gottheiten, Bildern und Opfern als die katholische Eucharistie.
Die hilfreichen Fragen bleiben jedoch ähnlich: Um welchen Ritus geht es? Wer darf welche Handlung ausführen? Worauf beruht diese Zuständigkeit? Und wie sind andere beteiligt? Mit diesen Fragen wird die Rolle eines Priesters genauer verständlich als durch eine pauschale Definition, die für jede Religion gleich gelten soll.
Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.




