Moksha bedeutet Befreiung. Im Hinduismus geht es dabei meist um Freiheit vom Kreislauf der Wiedergeburten und von den Bindungen, die damit verbunden werden. Dieser Kreislauf heißt Samsara. Ein angenehmes nächstes Leben und die Befreiung aus dem Kreislauf sind deshalb nicht dasselbe Ziel.
Eine einfache Vorstellung wie „Die Seele verschmilzt am Ende mit Gott“ passt allerdings nicht zu jeder hinduistischen Lehre. Verschiedene Traditionen erklären unterschiedlich, was das Selbst ist, was Gott bedeutet und worin Freiheit besteht. Die Unterschiede lassen sich verstehen, ohne zuerst eine ganze philosophische Bibliothek zu lesen.
Warum ist Moksha mehr als ein schöner Aufenthalt im Himmel?
Bhagavad Gita 9,21 beschreibt Menschen, die nach himmlischem Genuss und dem Aufbrauchen ihres Verdienstes in die sterbliche Welt zurückkehren. Ein erfreulicher Zustand kann also weiterhin zum Kreislauf gehören.
Demgegenüber spricht Gita 15,6 vom höchsten Aufenthaltsort des Herrn, von dem es keine Rückkehr gibt. Prabhupadas Vaishnava-Ausgabe auf Vedabase erläutert das im Zusammenhang der Hingabe an Krishna. Der Vergleich zeigt: „In den Himmel kommen“ ist als allgemeine Übersetzung von Moksha zu ungenau.
Ein begrenztes Alltagsbild hilft: Eine Pause von einer belastenden Situation ist etwas anderes, als aus ihrer wiederkehrenden Ursache frei zu werden. Religiöse Befreiung reicht darüber hinaus, aber der Unterschied zwischen vorübergehender Erleichterung und grundlegender Freiheit wird verständlich.
Moksha als eines von vier Lebenszielen
Eine bekannte Einteilung nennt vier Purusharthas, Ziele menschlichen Lebens. Das Handbook of Srivaishnavism behandelt sie als Dharma, Artha, Kama und Moksha:
- Dharma: verantwortliches und religiös angemessenes Leben.
- Artha: materielle Mittel und die Grundlage des Lebensunterhalts.
- Kama: Begehren, Freude und Genuss.
- Moksha: Befreiung.
Das Modell nimmt also auch Haushalt, Versorgung und Freude in den Blick. Nicht jedes menschliche Anliegen wird einfach verworfen. Die Frage ist, wie diese Güter zusammengehören und welchen Platz die Suche nach dauerhafter Freiheit erhält.
Advaita: Befreiung durch Erkenntnis
Eine Erklärung der Advaita-Lehre aus Sringeri stellt Brahman als höchste Wirklichkeit in den Mittelpunkt. Brahman ist hier keine einzelne Gottheit unter anderen, sondern die letzte Wirklichkeit. Befreiende Erkenntnis erkennt die Nichtverschiedenheit des Selbst von Brahman.
Das ist nicht gut als körperliches Zusammenfügen zweier zuvor unabhängiger Dinge zu verstehen. Die Frage betrifft das Erkennen und die Unwissenheit, durch die Trennung als letztgültig erscheint.
Die Erklärung unterscheidet dabei gewöhnliche Erfahrung vom Standpunkt höchster Erkenntnis. Advaita schlicht mit „Nichts existiert“ wiederzugeben, wäre falsch. Auch Pflichten und religiöse Praxis verlieren nach der Quelle nicht einfach schon deshalb ihre Bedeutung, weil jemand von dieser Lehre gehört hat.
Vishishtadvaita: das Selbst bleibt wirklich und auf Gott bezogen
Das Handbook of Srivaishnavism beschreibt das individuelle Selbst als wirklich, aber vollständig von Gott abhängig. Es erläutert verschiedene Beziehungen, etwa die eines tragenden Ganzen und des von ihm Abhängigen. Unterschied und untrennbare Zugehörigkeit werden dabei zusammengedacht.
Bei der Befreiung spielen göttliches Mitgefühl und Gnade eine entscheidende Rolle. Das Ziel ist nicht einfach eine weitere Stufe in einer Abfolge immer angenehmerer Erfahrungen. Die Beziehung des Menschen zum Göttlichen gehört zur Bedeutung der Freiheit selbst.
Im Vergleich zu Advaita geht es damit nicht bloß darum, welche Meditation man bevorzugt. Die Erklärung des Selbst und seiner Beziehung zu Gott unterscheidet sich grundlegend.
Dvaita: Die Unterscheidung zwischen Gott und Seele bleibt
Sri Uttaradi Math erläutert die Dvaita-Lehre mit Erkenntnis, Hingabe und Loslösung in Beziehung zur Gnade Gottes. Gott nimmt die Bindung und gewährt Befreiung. Die Seelen bleiben auch danach auf Gott bezogen und von ihm unterschieden.
Diese Tradition erklärt die befreite Seele weiterhin als Dienerin Gottes. Eine endgültige Auflösung aller Unterscheidung würde gerade nicht das beschreiben, was diese Quelle lehrt. Dass mehrere Richtungen „Befreiung“ sagen, heißt also nicht, dass sie denselben Zustand auf dieselbe Weise verstehen.
Kann jemand schon zu Lebzeiten befreit sein?
Manche Lehren sprechen von Jivanmukti, Befreiung während des Lebens. Swami Sivananda beschreibt den Jivanmukta als einen noch lebenden befreiten Weisen. In seinem Zusammenhang der Brahman-Erkenntnis ist dieser frei von gewöhnlicher Identifikation mit Körper und Sinnen.
Die Aussage betrifft einen spirituellen Zustand, nicht bloß das Ende des Körpers. Sie sollte auch nicht vorschnell auf einen Menschen angewandt werden, der besonders ruhig wirkt. Eine gelassene Ausstrahlung und die religiöse Behauptung vollständiger Befreiung sind verschiedene Dinge.
Welche Wege der Praxis werden genannt?
Ramakrishna Math und Ramakrishna Mission nennen vier Yogas: Jnana Yoga als Weg der Erkenntnis, Bhakti Yoga als Hingabe, Raja Yoga als Meditation und Karma Yoga als Handeln. Ihre Darstellung betont deren Verbindung innerhalb des eigenen Ansatzes.
Damit wird sichtbar, dass ein spiritueller Weg verschiedene Seiten des Lebens ansprechen kann: Verstehen, religiöse Beziehung, geistige Disziplin und Arbeit als Dienst. Die vier Begriffe sind jedoch kein Nachweis, dass alle hinduistischen Schulen dieselbe Methode oder denselben Freiheitsbegriff vertreten.
Ebenso wenig führt das Auswendiglernen von Begriffen automatisch zu Erkenntnis. Eine zeitweilige angenehme Meditation ist nicht schon deshalb Moksha. Praxis und Aussagen über das letzte Ziel müssen auseinandergehalten werden.
Was haben die vier Lebensstadien damit zu tun?
D. C. Rao beschreibt ein weiteres viergliedriges Modell: Brahmacharya als Lernzeit, Grihastha als Haushaltsleben, Vanaprastha als Rückzug aus gewöhnlichen Aufgaben mit stärkerer spiritueller Orientierung und Sannyasa als Entsagung.
Grihastha ist dabei das zweite Stadium. Rao erklärt ausdrücklich, dass das letzte Stadium nicht für alle gilt. Das Modell ist eine religiöse Ordnung von Lebensaufgaben und keine tatsächliche Lebensgeschichte jedes Hindus.
Ein Lebensabschnitt beantwortet außerdem eine andere Frage als spirituelle Befreiung. Wer in den Ruhestand geht, hat dadurch nicht automatisch Moksha erreicht. Ebenso erschöpfen sich Hingabe, Erkenntnis oder verantwortliches Handeln nicht in einer Altersgrenze.
Worauf kommt es beim Verständnis an?
Drei Fragen führen weiter: Wovon soll der Mensch frei werden? Was bleibt nach dieser Befreiung vom individuellen Selbst wahr? Und welche Rolle spielen Erkenntnis, Hingabe, Handeln oder Gnade?
Damit werden die Unterschiede zwischen Advaita, Vishishtadvaita und Dvaita klarer. Moksha ist ein weitreichendes religiöses Ziel, kein automatischer Preis für eine vollständig abgehakte Liste. Wer den jeweiligen Zusammenhang beachtet, kann die Suche nach Freiheit verstehen, ohne die Vielfalt hinduistischer Lehren einzuebnen.
Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.




