Karfreitag: Was bedeuten Jesu letzte Worte am Kreuz?

Kruzifix vor einer weiten Stadtlandschaft als Illustration zur Kreuzigung Jesu

Jesu letzte Worte am Kreuz setzen in den Evangelien unterschiedliche Akzente: Markus überliefert einen Klageruf, Lukas ein Gebet des Vertrauens, Johannes ein Wort der Vollendung. Die Andacht zu den sieben letzten Worten führt Aussagen aus mehreren Evangelien zusammen. Sie ist keine fortlaufende Abschiedsrede, die in dieser Form in einem einzelnen Bibeltext steht.

Am Karfreitag erinnern Christen an Jesu Kreuzigung und Tod. Ein genauer Blick auf die jeweiligen Erzählungen lässt erkennen, wie Klage, Zuwendung und Hoffnung zusammengehören können, ohne die Unterschiede zwischen den Evangelisten einzuebnen.

Markus: Die Klage wird nicht übersprungen

In Markus 15:33–37 geht dem Tod Jesu eine Finsternis voraus. Jesus ruft nach Gott und fragt nach seiner Verlassenheit. Der Evangelist gibt den Ruf zunächst in einer Umschrift wieder und erklärt ihn anschließend. Einige Umstehende missverstehen ihn als Ruf nach Elia.

Die Szene beschreibt keinen gelassenen Abschied. Sie lässt die Erfahrung äußerster Bedrängnis hörbar werden. Für eine Karfreitagsbetrachtung ist das wesentlich: Religiöses Vertrauen wird hier nicht dadurch dargestellt, dass Schmerz verschwiegen werden müsste. Zugleich bleibt die Klage an Gott gerichtet.

Psalm 22: Ein Gebet in der Verlassenheit

Der Ruf greift den Anfang von Psalm 22 auf. Dort spricht ein bedrängter Mensch von ausbleibender Hilfe, Spott und körperlicher Not. Im weiteren Verlauf wird aus der Bitte eine Ankündigung des Lobes vor der Gemeinde.

Dieser Zusammenhang erweitert den Klangraum der Kreuzigungserzählung. Man sollte daraus aber nicht vorschnell folgern, die Verzweiflung sei nur scheinbar oder das Leiden bereits bedeutungslos. Markus lässt gerade die Eingangsfrage erklingen. Eine sorgfältige Lektüre hört sowohl die Härte dieses Rufes als auch den größeren Gebetszusammenhang.

Illustration zum christlichen Glauben

Lukas: Vertrauen und eine Zusage an den Mitgekreuzigten

Lukas 23:39–46 erzählt von zwei mit Jesus hingerichteten Männern. Einer bittet darum, von Jesus in dessen Reich erinnert zu werden. Jesus antwortet ihm mit der Zusage des Paradieses. Seine letzten überlieferten Worte wenden sich an den Vater und vertrauen ihm den eigenen Geist an.

Das Gebet erinnert an Psalm 31:6. Auch dieser Psalm ist kein Text über ein beschwerdefreies Leben: Angst und Bedrängnis werden ausgesprochen, während der Beter sich Gottes Treue anvertraut. Lukas rückt dieses Vertrauen an die Schwelle des Todes. Der Vergleich mit Markus zeigt, wie zwei Evangelien aus Israels Gebeten schöpfen und dennoch unterschiedliche Schwerpunkte setzen.

Johannes: Fürsorge, Durst und Vollendung

Bei Johannes 19:25–30 stehen zunächst Jesu Mutter und der geliebte Jünger im Blick. Jesus weist sie einander als Mutter und Sohn zu; der Jünger nimmt sie zu sich. Danach spricht Jesus seinen Durst aus, erhält Essig und erklärt sein Werk für vollbracht.

Der Erzähler deutet die Abfolge im Zusammenhang der Schrifterfüllung. Das Wort der Vollendung steht somit neben einer konkreten Fürsorgehandlung und einer körperlichen Not. Eine Betrachtung, die nur den letzten Satz herausgreift, kann diese Verbindung leicht übersehen: Das Ende wird theologisch gedeutet, ohne dass der leidende Körper oder die zurückbleibenden Menschen aus dem Bild verschwinden.

Was sind dann die sieben letzten Worte?

Die verbreitete Andacht ordnet sieben Aussagen aus mehreren Evangelien aneinander. Dazu gehören die Bitte um Vergebung, die Paradieszusage, die Fürsorge für Mutter und Jünger, die Verlassenheitsklage, die Äußerung des Durstes, das Wort der Vollendung und das Anvertrauen des Geistes. Mit „Worten“ sind dabei Aussprüche gemeint, nicht sieben einzelne Wörter.

Diese Zusammenstellung lädt dazu ein, zwischen den Perspektiven zu verweilen. Für das Bibellesen lohnt es sich, danach jeweils zum ganzen Abschnitt zurückzukehren: Wer ist anwesend? An wen richtet sich Jesus? Wie führt der Evangelist die Szene weiter? Die Andachtsfolge und der jeweilige literarische Kontext erfüllen unterschiedliche Aufgaben.

Wie Haydn die Betrachtung musikalisch gestaltet

Joseph Haydns Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze entstand für eine Karfreitagsandacht in Cádiz. Der Henle-Verlag erläutert die Werkgeschichte: Instrumentalsätze sollten mit Lesungen wechseln; 1787 erschienen die Orchesterfassung und eine Bearbeitung für Streichquartett. Später folgte eine Vokalfassung.

Die Werkbeschreibung des Los Angeles Philharmonic erklärt die Anlage mit einer Einleitung, sieben langsamen Sätzen und einem Schlussstück, das ein Erdbeben darstellt. So wird das Verweilen musikalisch organisiert: Jede Aussage erhält einen eigenen Raum zwischen Lesung, Besinnung und dem weiteren Verlauf der Passion.

Die musikalischen Zwischenräume geben jeder Aussage Zeit. Statt sämtliche Sätze als rasche Zusammenfassung zu hören, kann eine Gemeinde oder eine hörende Person bei einem Gedanken bleiben. Dasselbe Grundprinzip lässt sich beim eigenen Lesen aufnehmen: einen Evangelienabschnitt wählen, seinen Psalmbezug ansehen und erst danach zur nächsten Perspektive wechseln.

Wer die Texte erstmals selbst nachlesen möchte, findet im deutschen Bibelratgeber für Einsteiger Hinweise zur Auswahl einer gut zugänglichen Ausgabe.

Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.

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