Die Kaaba: Gebetsrichtung, Pilgerort und lebendige Geschichte

Stilisierte Illustration der schwarz verhüllten Kaaba in einem Moscheehof

Die Kaaba ist das Heiligtum im Zentrum der Großen Moschee in Mekka. Muslime richten ihr Gebet auf sie aus; Pilger umrunden sie beim Tawaf. Der annähernd quaderförmige Bau ist an seiner schwarzen Hülle leicht zu erkennen.

Wer Bilder von der großen Menschenmenge sieht, fragt sich vielleicht, was die gemeinsame Bewegung bedeutet. Die Antwort beginnt mit der religiösen Ausrichtung auf Gott. Dazu kommt eine lange Geschichte von Pflege und Erneuerung. Ein Schlüssel, ein Vorhang und eine Pilgerurkunde geben überraschend konkrete Einblicke.

Illustration zum Islam als Hintergrund zur Kaaba und Pilgerfahrt

Welche Verbindung hat die Kaaba zu Abraham?

Koran 2,127 beschreibt Abraham und Ismael beim Aufrichten der Grundlagen des Hauses. Sie bitten Gott, ihr Werk anzunehmen. Koran 22,26 verbindet Abraham mit der Stätte und fordert die Reinheit des Hauses für Umrundende, Betende und sich Niederwerfende.

Das sind religiöse Aussagen über Herkunft und Bestimmung des Heiligtums. Der Ort wird durch seine Beziehung zur Gottesverehrung erklärt. Diese Überlieferung ist von der Frage zu unterscheiden, aus welcher Bauphase die heute sichtbaren Mauern stammen.

Warum richtet sich das Gebet nach Mekka?

Koran 2,144 weist die Gläubigen zur heiligen Gebetsstätte. Die Kaaba ist der Bezugspunkt dieser Qibla, der gemeinsamen Gebetsrichtung. Weltweit wenden sich Menschen in ihren jeweiligen Orten auf dasselbe Heiligtum hin.

Dabei wird das Gebäude nicht als Gott verehrt. Die Richtung verbindet Menschen innerhalb der Verehrung Gottes. Der Unterschied ist wichtig, wenn man Bilder von Gebetsreihen oder der Umrundung verstehen möchte.

Was ist Tawaf?

Tawaf bedeutet die rituelle Umrundung. Der offizielle Nusuk-Leitfaden zur Umra beschreibt sieben Runden gegen den Uhrzeigersinn. Die Ausrichtung zum Schwarzen Stein markiert jeweils Anfang und Ende einer Runde. Der Bau bleibt dabei links der Umrundenden.

Ein Bericht in Bukhari 1597 erzählt, dass Umar den Schwarzen Stein küsste, weil er Muhammad dabei gesehen hatte. Zugleich sprach er dem Stein eine eigene Macht zu nützen oder zu schaden ab. Der Bericht erklärt eine traditionelle Begründung der Geste. Er macht aus dem Gegenstand keine selbstständige Gottheit.

War das Gebäude schon immer genau so?

Die Kaaba hat eine annähernd kastenförmige Gestalt, aber nicht vier identische Seiten. Saudipedia nennt für zwei Seiten beispielsweise 9,90 und 12,04 Meter. Schon das Wort „Würfel“ sollte deshalb nicht als exakte geometrische Beschreibung verstanden werden.

Die Baugeschichte umfasst Reparaturen und Wiederaufbau. Eine architekturhistorische Untersuchung von Nilgün Çevik und Şenay Özgür Yıldız unterscheidet Arbeiten unter Ahmed I. 1611 von der Erneuerung unter Murad IV. nach schweren Überschwemmungsschäden, die sie auf 1630 datiert.

Ein Heiligtum kann seine religiöse Funktion also über verschiedene Bauphasen hinweg behalten. „Alt“ bedeutet nicht, dass jedes heute sichtbare Material unverändert aus derselben frühen Zeit stammt.

Ein Schlüssel erzählt von Handwerk und Herrschaft

Das Museum für Islamische Kunst in Kairo besitzt einen Schlüssel für die Kaaba. Er besteht aus Kupfer mit Silbereinlagen. Seine Inschrift datiert ihn auf 1363 und nennt den mamlukischen Sultan al-Ashraf Schaban.

Der Gegenstand verbindet eine praktische Aufgabe mit religiöser und politischer Erinnerung. Er gehört zu einer Tür, nennt aber zugleich Auftraggeber und Bestimmung. Die Pflege des Heiligtums konnte so sichtbar mit dem Beitrag eines Herrschers verbunden werden.

Kiswa und Sitara: zwei unterschiedliche Textilien

Die äußere Hülle der Kaaba heißt Kiswa. Ein anderes historisches Textil ist die Sitara im Metropolitan Museum: ein Vorhang aus Kairo von 1897–98, der im Inneren an der Tür der Reue hing.

Seide, Silber- und vergoldete Silberfäden bilden die Gestaltung. Koraninschriften stehen neben den Namen Sultan Abdülhamids II. und Abbas Hilmi Paschas. Werkstatt, Auftraggeber und Platzierung verbinden in diesem Objekt Kairo mit dem Inneren der Kaaba. Ein Innenvorhang ist deshalb nicht einfach mit der bekannten schwarzen Außenhülle gleichzusetzen.

Wie konnte eine Pilgerreise aus der Ferne sichtbar werden?

Eine Pilgerurkunde von 1778 im Aga Khan Museum zeigt Mekka mit der Kaaba im Zentrum. Die Inschrift nennt Bibi Khanum und Sayyid Ali Wali, den sie für die Pilgerfahrt in ihrem Namen bezahlte. Sein Siegel erscheint darunter.

Die Urkunde dokumentiert damit einen konkreten Auftrag und macht den Weg zugleich bildlich vorstellbar. Sie ist mehr als eine beliebige Ansicht der Stadt. Für die Empfängerin verbanden sich religiöse Verpflichtung, eine stellvertretend ausgeführte Reise und ein Objekt, das diese festhielt.

Gebetsrichtung, Umrundung und Baugeschichte erklären also verschiedene Seiten desselben Heiligtums. Wer zusätzlich auf Schlüssel, Stoffe und Urkunden schaut, erkennt die Arbeit vieler Menschen: Pilger, Handwerker, Auftraggeber und Bewahrer. Die Kaaba erhält ihre Bedeutung im Zusammenhang dieser Gottesverehrung und lebendigen Geschichte.

Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.

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