Jains sind Anhänger des Jainismus, einer eigenständigen Religion aus Indien. Im Mittelpunkt stehen möglichst wenig Schaden für Lebewesen, verantwortliches Handeln und die Befreiung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten. Besonders bekannt ist der Jainismus für sein konsequentes Ideal der Gewaltlosigkeit.
Das beginnt bei großen Fragen, wird aber im Alltag konkret: Was esse ich? Wie spreche ich über andere? Was brauche ich wirklich? Mönche, Nonnen und Menschen mit Familie und Beruf nähern sich diesen Fragen mit unterschiedlich strengen Verpflichtungen.
Wer sind Mahavira und die Tirthankaras?
Nach jainischer Überlieferung werden ewige Wahrheiten immer wieder von erleuchteten Lehrern vermittelt. Diese heißen Jinas, „geistliche Sieger“, oder Tirthankaras, „Furtbereiter“. Das Bild meint: Sie zeigen einen Weg über den Strom der Wiedergeburten. Jainpedia beschreibt sie als Menschen, die vollkommene Erkenntnis erreichen, nicht als herabgestiegene Erscheinungen eines Schöpfergottes.
Die traditionelle Reihe dieser Weltperiode umfasst 24 solcher Lehrer. Rishabhanatha, auch Adinatha genannt, ist der erste, Parshvanatha der 23. und Mahavira der 24. Für Mahavira und Parshvanatha wird eine historische Existenz allgemein angenommen; für die früheren Lehrer fehlen vergleichbare Nachweise.
Die religiöse Reihenfolge und eine historisch gesicherte Lebenszeit sind deshalb verschiedene Dinge. Mahavira ist für diese Tradition ein bedeutender Lehrer, aber nicht einfach ihr allererster Erfinder. Der Jainismus besitzt eigene Lehren und Gemeinschaften, auch wenn Begriffe wie Karma ebenfalls im Hinduismus und Buddhismus vorkommen.
Was bedeutet Karma im Jainismus?
Die Lehre unterscheidet lebende Seelen, Jivas, von nichtlebender Wirklichkeit. Karma gilt dabei als feine Materie, die sich an die Seele bindet und sie im Wiedergeburtskreislauf hält. Befreiung bedeutet, von dieser Bindung frei zu werden.
Das erklärt die philosophische Einführung der Internet Encyclopedia of Philosophy. Es handelt sich um eine religiöse Vorstellung von Seele und Welt, nicht um eine naturwissenschaftlich nachgewiesene Stoffbeschreibung. „Karma“ meint hier also mehr als den Alltagsspruch, eine schlechte Tat werde irgendwann zurückkommen.
Ein allmächtiger Schöpfer, der das Universum von außen regiert, gehört nicht zu diesem Weltbild. Das bedeutet nicht, dass es keine Verehrung, Gebete oder übermenschlichen Wesen gäbe. Die Ablehnung eines Schöpfergottes macht den Jainismus nicht zu einer religionslosen Lebenshaltung.
Was sind die drei Juwelen?
Der Weg wird häufig durch drei zusammengehörende Grundlagen beschrieben: rechte Überzeugung beziehungsweise Einsicht, rechtes Wissen und rechtes Verhalten. Jainworld verbindet diese „drei Juwelen“ mit dem Beginn des Tattvartha-Sutra, eines wichtigen Lehrtextes.
Es reicht demnach nicht, die Lehre nur zu kennen oder ihr nur zuzustimmen. Das Verständnis soll im Verhalten sichtbar werden. Wer etwa Gewaltlosigkeit für richtig hält, muss auch überlegen, welche Folgen die eigenen Worte und Gewohnheiten haben. Überzeugung, Wissen und Handeln sollen einander tragen.
Welche fünf Gelübde sind besonders wichtig?
Fünf grundlegende Verpflichtungen bringen diese Haltung zum Ausdruck:
- Ahimsa: Lebewesen nicht verletzen, möglichst keinen Schaden verursachen.
- Satya: wahrhaftig sein.
- Asteya oder Achaurya: nichts nehmen, was einem nicht gegeben wird.
- Brahmacharya: sexuelle Zurückhaltung, im Mönchs- und Nonnenleben vollständige Enthaltsamkeit.
- Aparigraha: Besitz und die Bindung daran begrenzen beziehungsweise auf Besitz verzichten.
Nichtstehlen und Nichtanhaften sind also zwei verschiedene Anliegen. Man kann alles ehrlich erworben haben und trotzdem so an Dingen hängen, dass sie das ganze Leben bestimmen. Die Gelübde richten den Blick deshalb auch auf Wünsche und Gewohnheiten.
Muss jede Jainin und jeder Jain wie ein Mönch leben?
Nein. Nalini Balbir unterscheidet die strengen „großen Gelübde“ der Mönche und Nonnen von begrenzteren Gelübden für Menschen im Familien- und Berufsleben. Zusätzliche Verpflichtungen können etwa Konsum und religiöse Praxis ordnen.
Das Ideal beschreibt zudem nicht automatisch, welche förmlichen Gelübde ein einzelner Mensch tatsächlich abgelegt hat. Zwischen einer strengen Ordensregel und dem Alltag einer Familie liegt ein wichtiger Unterschied. Die gemeinsame ethische Richtung bleibt trotzdem erkennbar.
Warum essen Jains vegetarisch?
Die Sorge um Lebewesen prägt den Umgang mit Nahrung. Nach der Lehre besitzen auch Pflanzen Seelen. Vollständig ohne Eingriffe zu leben, ist im Alltag kaum möglich; es geht darum, Schaden so weit wie möglich zu begrenzen.
Strenge Speiseregeln können deshalb auch Wurzelgemüse wie Kartoffeln und Zwiebeln ausschließen. Die Begründung liegt im jainischen Verständnis der damit betroffenen Lebensformen. Wie konsequent Menschen solche Regeln im Alltag befolgen, ist unterschiedlich.
Milchprodukte sind in traditionellen Regeln nicht grundsätzlich verboten. Manche heutige Jains leben aus Sorge um Tiere in der Milchwirtschaft vegan. „Vegetarisch“ und „vegan“ sollten deshalb nicht als zwei beliebige Wörter für dieselbe Praxis verwendet werden.
Was unterscheidet Digambara und Shvetambara?
Zwei große Traditionen heißen Digambara, „himmelgekleidet“, und Shvetambara, „weißgekleidet“. Sie teilen zentrale Lehren, unterscheiden sich aber unter anderem bei anerkannten Texten und der Lebensweise ihrer Ordinierten.
Christopher Key Chapple erläutert auch einen bedeutsamen Lehrunterschied: Shvetambara erkennen die Möglichkeit der endgültigen Befreiung von Frauen an. Die traditionelle Digambara-Position verlangt zuvor eine Wiedergeburt als Mann.
Die Frage des Kleidungsverzichts betrifft besonders männliche Asketen. Sie bedeutet nicht, dass alle Digambara-Anhänger ohne Kleidung leben. Ebenso wenig dürfen solche Lehrunterschiede die tatsächliche Beteiligung von Frauen am religiösen Leben unsichtbar machen.
Werden Bilder verehrt?
In manchen Gemeinschaften ja, in anderen nicht. Eine Sandsteinfigur Rishabhanathas im Musée Guimet zeigt den Lehrer in sitzender Meditation. Das Werk aus Khajuraho stammt aus dem 10.–11. Jahrhundert. Dieses Datum bezeichnet die Skulptur, nicht die Lebenszeit ihres dargestellten Lehrers.
Die Shvetambara-Bewegung Sthanakavasi lehnt dagegen Bilderverehrung ab und betont geistige Verehrung durch Meditation. Ein Tempelbild allein kann also nicht für die Praxis aller Jains stehen. Auch das Titelbild dieses Artikels ist eine freie Meditationsillustration, keine Dokumentation einer bestimmten Jain-Ordensgemeinschaft.
Wie gehören Selbstprüfung und Vergebung dazu?
Bei Pratikraman werden eigenes Verhalten, Reue und Abkehr von schädlichem Handeln wichtig. Eine JAINA-Erklärung zur Vergebung betont, selbst um Verzeihung zu bitten. Das Anliegen richtet sich auf Lebewesen insgesamt.
Die Festzeiten Paryushan und Das Lakshan verbinden religiöse Vertiefung mit solchen ethischen Fragen. Die Gewaltlosigkeit bleibt damit nicht beim Vermeiden offensichtlicher körperlicher Gewalt stehen. Sie betrifft auch Verletzungen durch Worte und alltägliche Nachlässigkeit.
Heißt Vielseitigkeit, dass einfach alles wahr ist?
Nein. Anekantavada bezeichnet die Lehre von der Vielseitigkeit der Wirklichkeit. Eine Aussage kann einen begrenzten Blickwinkel treffen, ohne damit schon alles zu erfassen. Das ist kein Freibrief, jede Behauptung für gleich richtig zu erklären.
Der Jainismus verbindet dieses Bewusstsein für begrenzte Perspektiven mit klaren religiösen Überzeugungen. Wer ihn kennenlernen möchte, sollte beides sehen: die anspruchsvolle Vorstellung von Befreiung und die alltägliche Frage, wie man mit anderen Lebewesen achtsamer umgeht.
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