Islamische Kunst verstehen: Schrift, Licht und Geschichten

Freie farbige Illustration eines Moscheegebäudes und sitzender Figuren bei Sonnenuntergang

Eine goldene Schrift auf dunkelblauem Pergament, ein Koranvers auf einer Glaslampe und ein religiöser Wahlspruch auf Münzen: Islamische Kunst begegnet uns in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen. Wer sie verstehen möchte, sollte deshalb nicht nur nach dem Muster fragen, sondern auch nach dem Gegenstand und seiner Verwendung.

Freie Illustration als Begleitbild zu islamischer Kunst und religiösem Ausdruck

Ein Buch wird gelesen, eine Lampe spendet Licht und eine Münze geht von Hand zu Hand. Dieselben künstlerischen Mittel können dabei unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Vier konkrete Beispiele machen das anschaulich.

Warum leuchtet die Schrift im Blauen Koran?

Ein Blatt aus dem Blauen Koran im Metropolitan Museum stammt aus einem mehrbändigen Werk. Das Museum datiert es zwischen die zweite Hälfte des 9. und die Mitte des 10. Jahrhunderts und nennt Nordafrika als wahrscheinlichen Herstellungsort.

Das Pergament wurde mit Indigo gefärbt. Die Buchstaben bestehen aus Gold, die Versmarkierungen aus Silber. Die beiden Metalle machen also nicht einfach alles gleichermaßen prächtig: Sie kennzeichnen unterschiedliche Teile des geschriebenen Textes.

Die Schrift ist auch nicht so leicht zu lesen wie eine moderne Druckseite. Buchstaben wurden verändert und gedehnt, damit die Zeilen gleich lang wirken; unterscheidende Zeichen fehlen. Ein mit dem Text vertrauter Leser bringt dadurch Wissen mit, das auf der Seite nicht vollständig ausgeschrieben ist.

Aus der Entfernung fällt der gleichmäßige Schriftblock auf. Näher betrachtet erkennt man die Gliederung. Gestaltung und Lesen gehören hier zusammen.

Was macht ein Vers über Licht auf einer Lampe?

Die Moscheelampe des Emirs Qawsun entstand ungefähr 1329 bis 1335 im Umfeld des mamlukischen Kairo. Sie besteht aus Glas mit Email und Vergoldung. Der Name ihres Auftraggebers ist erhalten.

Eine Museumserläuterung zur Inschrift identifiziert den Lichtvers des Korans. Koran 24,35 beschreibt Gottes Licht mit dem Bild einer Nische und einer Lampe im Glas. Der Text begegnet hier also auf einem Gegenstand, der selbst Licht durch Glas sichtbar macht.

Das ist mehr als eine zufällige Platzierung von Buchstaben. Funktion und Bildsprache verstärken sich. Wer die Lampe sieht, kann den religiösen Vergleich zugleich am Gegenstand nachvollziehen.

Für welchen Bau Qawsuns sie bestimmt war, bleibt nach dem Katalog offen: seine Moschee oder ein Komplex aus Grabstätte und Hospiz. Die Inschrift nennt den Stifter; sie verrät nicht jede Einzelheit der späteren Nutzung.

Warum steht religiöse Sprache auf Palastwänden?

Ein vom Alhambra-Patronat vorgestelltes Forschungsprojekt unter Juan Castilla dokumentierte mehr als dreitausend arabische Inschriften im Comares-Palast in Granada. Die Texte erfüllen unterschiedliche Aufgaben: Koranverse, religiöse Formeln, Herrscherlob und Gedichte stehen nebeneinander.

Man sollte deshalb nicht jede arabische Inschrift für einen Koranvers halten. Um einen Wandabschnitt zu verstehen, muss zunächst geklärt werden, welche Art von Text dort steht und worauf er sich bezieht.

Ein besonders häufiges Motiv ist der nasridische Wahlspruch, sinngemäß „Es gibt keinen Sieger außer Gott“. Die Verbindung von religiöser Aussage und Herrschaft wird hier sichtbar.

Was verändert sich, wenn derselbe Spruch auf Geld steht?

Das Museum der Alhambra beschreibt vier Goldmünzen Yusufs I., auf deren Rückseiten der Wahlspruch und al-mulk, Herrschaft beziehungsweise Macht, erscheinen. Die Museumserklärung deutet die Verbindung als Begründung politischer Legitimität durch göttliche Autorität.

Eine Wand gehört zu einem Raum, eine Münze kann den Ort wechseln. Derselbe Satz erreicht damit andere Menschen auf andere Weise. Die frühere Ausstellungsankündigung des Museums belegt die beschriebenen Münzen; ihre damaligen Öffnungszeiten sind keine heutige Besuchsinformation.

Gibt es in islamischer Kunst auch Menschen und Tiere?

Ja. Ein Überblick des Metropolitan Museum unterscheidet besonders zwischen religiösen Gottesdiensträumen und anderen Verwendungszusammenhängen. In vielen Bereichen höfischer und weltlicher Kunst spielten Figuren eine wichtige Rolle, während sie in der religiösen Ausstattung häufig vermieden wurden.

Ein Beispiel ist Das Fest von Sada aus dem Schahname Schah Tahmasps, um 1525 in Täbris entstanden und Sultan Muhammad zugeschrieben. Das Bild zeigt Menschen und Tiere in einer felsigen Landschaft.

Die zugrunde liegende Geschichte handelt vom sagenhaften König Huschang. Er wirft einen Stein auf einen Drachen, trifft einen Felsen und sieht Funken. Danach feiert er die Entdeckung des Feuers. Das Bild veranschaulicht eine Erzählung aus Firdausis persischem Königsbuch.

Ein solches Hofmanuskript dient einer anderen Aufgabe als eine Moscheelampe. Der Unterschied erklärt mehr als die pauschale Frage, ob „der Islam Bilder erlaubt“.

Worauf kann man beim Betrachten achten?

Fragen Sie nach Material, Text und Verwendung: Was ist dargestellt oder geschrieben? Wer gab es in Auftrag? Wo begegneten Menschen dem Gegenstand?

Der Blaue Koran ordnet einen heiligen Text sichtbar. Die Lampe verbindet das Erleben von Licht mit einem religiösen Bild. Wand und Münze geben einer Herrschaftssprache unterschiedliche Reichweiten. Das Königsbuch erzählt mit Figuren. Zusammen zeigen die Beispiele eine Vielfalt, die ein einzelnes Muster oder Schlagwort nicht erfassen würde.

Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.

Schreibe einen Kommentar