Dharma ist ein wichtiges Wort im Hinduismus und Buddhismus. Eine einzige deutsche Übersetzung passt jedoch nicht immer. Je nach Text kann es um eine verbindliche Ordnung, die eigene Pflicht, die buddhistische Lehre oder um Phänomene gehen. Die entsprechende Form in der Sprache Pali lautet Dhamma.
Das klingt zunächst komplizierter, als es ist. Auch deutsche Wörter ändern ihre Bedeutung mit dem Zusammenhang. Eine „Schule“ kann ein Gebäude, eine Einrichtung oder eine Denkrichtung sein. Niemand würde bei jeder Verwendung dasselbe Bild vor Augen haben. Ähnlich lohnt sich bei Dharma die Frage: Wovon handelt dieser Abschnitt gerade?

Dharma als Ordnung, die stärker ist als bloße Macht
Eine eindrückliche Stelle steht in der Brihadaranyaka-Upanishad 1.4.14. Dort wird Dharma über die Macht der Herrschenden gestellt. Auch ein Schwächerer kann sich mithilfe dieser Ordnung gegen einen Stärkeren behaupten. Die Passage verknüpft Dharma außerdem mit Wahrheit.
Der Übersetzer Max Müller verwendet an dieser Stelle das englische Wort „Law“, also Gesetz. Gemeint ist jedoch nicht einfach irgendeine gerade erlassene Vorschrift. Der Text fragt nach einem Maßstab, der Macht begrenzen kann. Das ist ein anderer Gedanke als: Wer sich durchsetzt, hat schon deshalb recht.
Ein heutiger Vergleich wäre ein Streit, bei dem jemand sagt: „Du bist zwar einflussreicher, aber auch für dich gelten Regeln.“ Das veranschaulicht die Richtung der Aussage. Es macht die alte Upanishad noch nicht zu einem modernen Verfassungslehrbuch.
Svadharma: Was ist meine eigene Aufgabe?
In der Bhagavad Gita 2.31 spricht Krishna mit dem Krieger Arjuna. Er erinnert ihn an seinen Svadharma, seine eigene Pflicht, und verbindet diese mit dem bevorstehenden Kampf. Für einen Krieger, so die Aussage des Verses, gebe es nichts Höheres als einen gerechten Kampf.
Hier geht es also um die Aufgabe einer bestimmten Person in einer bestimmten Rolle. Der Begriff beschreibt nicht einfach alles, worauf man persönlich Lust hat. Zugleich ist die Szene kein allgemeiner Freibrief für Gewalt. Arjunas Konflikt und Krishnas Unterweisung bilden den Rahmen.
Wer den Begriff heute auf eigene Lebensfragen bezieht, sollte diesen Abstand mitdenken. Verantwortung in Familie oder Beruf kann als Vergleich helfen, eine rollenbezogene Pflicht zu verstehen. Sie ist aber nicht mit der Kriegerpflicht des Verses identisch. Hinduistische Diskussionen über Dharma behandeln darüber hinaus etwa richtiges Verhalten, religiöse Verpflichtungen und die Ziele menschlichen Lebens. Die Bedeutung lässt sich nicht aus einer einzigen Szene vollständig ableiten.
Dhamma als buddhistische Lehre und Übungsweg
Im Buddhismus meint Dhamma häufig die Lehre des Buddha. Das wird in der kurzen Zufluchtsformel des Khuddakapatha deutlich. Dort nimmt ein Mensch Zuflucht zu Buddha, Dhamma und Sangha, der Gemeinschaft. Dhamma ist hier eine Orientierung, auf die man sich religiös stützt.
Wozu diese Lehre anleitet, zeigt die Lehrrede vom Ingangsetzen des Rades der Lehre. Sie behandelt Leiden, seine Entstehung durch Verlangen, sein Ende und den Weg dorthin. Dazu gehören unterschiedliche Aufgaben: Leiden verstehen, Verlangen aufgeben, Befreiung erfahren und den Weg entwickeln.
Der Achtfache Pfad umfasst dabei nicht nur Meditation. Er betrifft auch Rede, Handeln und Lebensunterhalt. Wer Dhamma nur als Sammlung philosophischer Sätze versteht, übersieht diesen praktischen Anspruch. Es geht beispielsweise auch darum, wie man mit anderen spricht und welche Gewohnheiten man fördert.
So lässt sich die Zuflucht anschaulich verstehen: Eine Wegbeschreibung ist hilfreich, weil sie Orientierung gibt. Ihren Zweck erfüllt sie aber nicht allein dadurch, dass man sie besitzt. Der Vergleich erklärt einen Zugang zur Praxis; religiöse Zuflucht hat darüber hinaus eine eigene gemeinschaftliche und spirituelle Bedeutung.
Wenn „Dhammas“ Phänomene meint
In anderen Stellen bezeichnet dasselbe Wort etwas, das betrachtet und untersucht wird. Dhammapada Vers 279 spricht von allen Dhammās als „Nicht-Selbst“. Der Übersetzer Thanissaro Bhikkhu gibt das Wort dort mit „Phänomene“ wieder.
Damit sind nicht plötzlich mehrere Religionen gemeint. Der Satz gehört zu einer Betrachtung darüber, wie Erscheinungen erkannt werden und wie diese Einsicht zum Umgang mit Leiden gehört. „Nicht-Selbst“ sollte dabei nicht vorschnell mit „Menschen existieren überhaupt nicht“ gleichgesetzt werden. Es geht um eine religiöse Analyse, nicht um das Leugnen jeder Alltagserfahrung.
In einem Fachbeitrag zu Nicht-Selbst und Karma erläutert Thanissaro ausdrücklich mehrere Bedeutungen von Dhamma, darunter Lehre, Phänomen und Handlung. Seine Erklärung hilft zu verstehen, warum Übersetzungen je nach Stelle unterschiedliche Wörter wählen. Das muss kein Widerspruch sein.
Wie erkennt man die passende Bedeutung?
Drei Fragen helfen beim Lesen: Welche religiöse Tradition liegt vor? Was geschieht in der Passage? Und wofür wird das Wort gebraucht? Bei einem Appell gegen einen Mächtigeren liegt „Ordnung“ nahe. In Arjunas Gespräch geht es um seine Pflicht. Bei der buddhistischen Zuflucht steht die Lehre im Mittelpunkt, bei Dhammapada 279 die untersuchten Phänomene.
Dharma ist deshalb kein Geheimwort, das man mit einer einzigen Definition entschlüsselt. Man versteht es besser an konkreten Beispielen. Wer dabei den Zusammenhang mitliest, gewinnt mehr als durch eine lange Liste möglicher Übersetzungen.
Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.




