Drei Arten von Karma: Was Sanchita, Prarabdha und Agami bedeuten

Freie Illustration eines hinduistisch anmutenden Tempelbaus in einer nebligen Landschaft

Karma bedeutet zunächst Handeln und kann auch die damit verbundenen Folgen bezeichnen. In einer verbreiteten Vedanta-Einteilung werden drei Arten unterschieden: angesammelte Folgen, bereits wirksame Folgen und Karma durch neue Handlungen. Diese Unterscheidung soll erklären, wie Taten über die Zeit wirken und wie Befreiung dennoch möglich sein kann.

Illustration zur Einführung in die drei Karma-Arten im Vedanta

Vedanta ist eine Familie hinduistischer philosophischer Traditionen. Die drei Begriffe sind deshalb in einem bestimmten religiösen Zusammenhang zu lesen. Sie sind keine Messwerte, mit denen man das Schicksal einer Person ausrechnen könnte.

Warum werden Handlung und Folge unterschieden?

Die Brihadaranyaka-Upanishad 4.4.5 beschreibt einen Zusammenhang von Wunsch, Entschluss, Handlung und Ergebnis. Auch was für ein Mensch jemand wird, steht in Verbindung mit seinem Tun.

Der folgende Abschnitt spricht davon, die Folgen der Taten zu erfahren und anschließend in die Welt des Handelns zurückzukehren. Hier geht es also auch um eine religiöse Erklärung von Wiedergeburt, nicht bloß um unmittelbar sichtbare Alltagsfolgen.

Die spätere Dreiteilung stellt innerhalb dieses Rahmens eine genauere Frage: Welche Folgen sind noch offen, und welche haben bereits begonnen? Einen breiteren Einstieg bietet unser Überblick über Karma im Hinduismus.

Was bedeuten die drei Begriffe?

Das Lehrwerk Tattvabodha, Abschnitte 37–44, erläutert die Unterscheidung im Zusammenhang befreiender Erkenntnis:

  • Sanchita: angesammeltes Karma aus früheren Leben, dessen Folgen noch als Möglichkeiten bestehen.
  • Prarabdha: Karma, dessen Wirkungen bereits begonnen haben. Im Text erklärt es den gegenwärtigen Körper und den Verlauf seiner Erfahrung.
  • Agami: künftig wirksames Karma aus neuen Handlungen. Das Lehrwerk betrachtet hier besonders die Handlungen eines Menschen, der Erkenntnis erlangt hat, und fragt, ob sie ihn noch binden.

Es geht dabei um den Zeitpunkt und die Bindungskraft von Folgen. Ob eine Handlung gut oder schädlich ist, ist eine weitere Frage. Auch gute Taten kommen in der Diskussion über karmische Bindung vor.

Wieso kann Erkenntnis etwas daran ändern?

Die Bhagavad Gita 4.37 verwendet ein starkes Bild: Erkenntnis ist wie ein Feuer, das Brennholz zu Asche macht. Krishna veranschaulicht damit die Kraft der Erkenntnis gegenüber dem Handeln und seiner Bindung.

Im Advaita-Verständnis des Tattvabodha betrifft diese Erkenntnis die eigene Identität mit Brahman, der letzten Wirklichkeit. Angesammeltes Karma verliert seine Fähigkeit, weitere Geburten hervorzubringen; neue Handlungen binden den Erkennenden nicht mehr. Das bereits wirksame Karma kann während des gegenwärtigen Lebens auslaufen.

Ein Jivanmukta ist in diesem Zusammenhang ein zu Lebzeiten Befreiter. Der Begriff erklärt, warum Befreiung nicht einfach mit dem sofortigen Ende des körperlichen Lebens gleichgesetzt wird.

Erklären andere Vedanta-Traditionen das genauso?

Eine verwandte Unterscheidung findet sich in Nimbarkas Kommentar zum Brahma-Sutra 4.1.15. Danach zerstört Erkenntnis frühere gute und schlechte Taten, deren Wirkungen noch nicht begonnen haben. Bereits wirksame Folgen werden davon unterschieden.

Der Kommentar verbindet das Weiterbestehen des Körpers mit einer Stelle der Chandogya-Upanishad. Die Erlangung Brahmans wird hier nach dem Ende des Körpers angesetzt. Das ist ein anderer Akzent als die im Tattvabodha erklärte Befreiung zu Lebzeiten.

Wer nur sagt „alle Folgen verschwinden sofort“, würde diese Frage gerade überspringen. Interessant ist vielmehr, wie verschiedene Texte den Zusammenhang von Erkenntnis, Körper und Befreiung erklären. Mehr dazu steht im Beitrag über Moksha im Hinduismus.

Hilft die Einteilung, das Leid eines anderen zu beurteilen?

Aus der Kenntnis der drei Begriffe wissen wir nicht, warum ein bestimmter Mensch erkrankt, einen Verlust erleidet oder in Armut lebt. Dafür wären Informationen über die tatsächliche Situation nötig. Eine religiöse Erklärung von Handlung und Wiedergeburt ersetzt diese Untersuchung nicht.

Das ist auch für den Umgang miteinander entscheidend: Das Leid eines Menschen anzusehen ist etwas anderes, als dessen angebliche früheren Taten zu kennen. Unser Beitrag über Leid im Hinduismus führt diese Frage weiter.

Für den Einstieg reicht die Hauptunterscheidung: Manche Folgen werden als noch offen, andere als bereits wirksam verstanden. Die Lehre fragt dann, wie befreiende Erkenntnis die Bindung an weiteres Handeln verändert.

Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.

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