Krishna verstehen: Geschichten, Flöte und Arjunas Streitwagen

Stilisierte Illustration Krishnas beim Flötenspiel neben Kühen in einer Landschaft

Krishna ist eine wichtige Gottheit des Hinduismus. Viele kennen ihn als Flötenspieler bei den Kuhhirten, andere als Begleiter Arjunas in der Bhagavad Gita. Seine Geschichten erzählen von göttlicher Macht, kindlicher Nähe, Hingabe und schwierigen Entscheidungen.

Vielleicht haben Sie schon ein Bild mit Krishna gesehen und sich gefragt, warum derselbe Flötenspieler anderswo auf einem Streitwagen steht. Ein Blick auf die Begleiter und Gegenstände hilft beim Verstehen: Ist eine Schlange zu sehen? Steht Krishna neben Arjuna auf einem Wagen? Oder spielt er allein die Flöte? Diese Motive führen zu unterschiedlichen Geschichten. Sie sind mehr als austauschbarer Schmuck.

Illustration zum Hinduismus als Hintergrund zu Krishna und seinen Geschichten

Krishna und Vishnu: Wie gehören sie zusammen?

Für viele Hindus, die Vishnu verehren, ist Krishna eine Erscheinung dieses Gottes. Ein Druck aus Kalkutta von 1860–70 zeigt ihn etwa innerhalb einer Folge von zehn Erscheinungen Vishnus.

Andere Traditionen sehen in Krishna selbst den höchsten Gott, von dem weitere göttliche Erscheinungen ausgehen. Dafür ist Bhagavata-Purana 1,3,28 eine wichtige Grundlage. Auf die Frage „Ist Krishna also einfach ein anderer Name für Vishnu?“ gibt es deshalb je nach Tradition unterschiedliche Antworten.

Warum wächst Krishna bei Kuhhirten auf?

Das Bhagavata-Purana, Buch 10, Kapitel 3 erzählt seine Geburt bei Devaki und Vasudeva. Beide stehen unter der Gewalt Kamsas, der das Kind als Bedrohung fürchtet. Vasudeva bringt Krishna über die Yamuna in den Haushalt Nandas und Yashodas und kehrt mit Yashodas neugeborener Tochter zurück.

Yashoda zieht Krishna auf. Die Unterscheidung zwischen Geburts- und Pflegeeltern erklärt, warum spätere Kindheitsgeschichten bei den Kuhhirten spielen. Bilder von Yashoda gehören zu diesem familiären Umfeld.

Kaliya: Ein gefährlicher Gegner wird verschont

In Bhagavata-Purana 10,16 vergiftet die Schlange Kaliya Wasser im Bereich der Yamuna. Krishna springt hinein, wird umschlungen und befreit sich. Dann tanzt er auf Kaliyas Köpfen, bis dessen Widerstand gebrochen ist.

Kaliyas Frauen bitten um Erbarmen. Krishna lässt die Familie fortziehen und erklärt, seine Fußspuren würden Kaliya vor Garuda schützen. Die wiederhergestellte Reinheit des Wassers hilft Menschen und Rindern. Der Ausgang besteht also nicht einfach im Töten eines Ungeheuers. Schutz der Gemeinschaft und Gnade gegenüber dem Besiegten gehören zusammen.

Die Rede der Frauen deutet selbst die Zurechtweisung als möglichen Weg zum Guten. In Bildern kann ihre Bitte deshalb einen entscheidenden Wendepunkt darstellen: Aus dem Kampf wird eine Szene der Unterwerfung und des Erbarmens.

Aghasura: eine andere Schlange, ein anderer Ausgang

Bhagavata-Purana 10,12 erzählt dagegen von Aghasura. Er öffnet in Gestalt einer riesigen Schlange den Mund wie eine Höhle. Die Hirtenjungen und ihre Kälber gehen hinein. Krishna folgt und dehnt sich in seinem Hals aus. Aghasura stirbt, Krishna rettet seine Begleiter.

Beide Geschichten betreffen Gefahr und Rettung. Ihre Einzelheiten helfen aber beim Erkennen: viele Köpfe, Tanz und bittende Frauen verweisen auf Kaliya; Höhlenmaul und Rettung aus dem Inneren auf Aghasura. Wer nur „Krishna besiegt eine Schlange“ sagt, verliert den unterschiedlichen Ausgang.

Was Künstler mit der Flöte zeigen

Eine Illustration zur persischen Harivamsa-Übersetzung für Kaiser Akbar verbindet den Tanz auf Kaliya mit Flötenspiel. Das Metropolitan Museum identifiziert die helle Gestalt neben den staunenden Pflegeeltern als Krishnas Bruder Balarama. Die erstaunten Zuschauer machen deutlich, wie ungewöhnlich der Sieg des jungen Krishna auch für sein vertrautes Umfeld ist.

Eine Farblithografie aus Kalkutta von etwa 1885–95 verlegt die Szene in einen Bergsee vor schneebedeckten Gipfeln. Sechs Frauen Kaliyas bitten aus dem Wasser heraus um Gnade. Der Schauplatz unterscheidet sich von der Ebene um Mathura, mit der die Geschichte sonst verbunden wird.

Die Flöte kann Krishna auch ohne Schlange kenntlich machen. Das zeigt eine Steinfigur aus Orissa aus dem 17. oder 18. Jahrhundert. Nicht jedes Flötenbild muss daher dieselbe Episode erzählen.

Ein Kästchen verbindet Heldentat und Kindheitsnähe

Auf einem Kästchen von ungefähr 1875 im Los Angeles County Museum of Art steht die Schlangenszene in einem Bildfeld des Deckels. Auf der Rückseite stiehlt Krishna Butter zwischen zwei himmlischen Kühen.

Auf demselben Kästchen begegnet man also dem mächtigen Retter und dem Kind beim Butterstehlen. Das macht die Spannweite der Geschichten greifbar: Krishna steht nicht nur für überlegene Macht, sondern erscheint auch mitten in einer vertrauten Familienwelt.

Warum lenkt Krishna Arjunas Streitwagen?

Ein Druck aus Mumbai aus der Mitte des 20. Jahrhunderts zeigt Arjuna mit vorbereitetem Pfeil und Krishna als Wagenlenker. Krishna bläst ein Muschelhorn. Bhagavad Gita 1,15 benennt die Hörner beider Figuren.

Die Gita entfaltet zugleich Arjunas Konflikt angesichts des bevorstehenden Kampfes. In Vers 2,47 unterscheidet Krishna Verantwortung für das Handeln von der Bindung an dessen Früchte und warnt zugleich vor Nichtstun. Der Wagen und die Waffen zeigen den ernsten Rahmen dieser Unterweisung.

Kind, Flötenspieler, Bezwinger einer Schlange und religiöser Lehrer sind damit unterschiedliche Zugänge zu Krishna. Wer auf Figuren, Gesten und Gegenstände achtet, kann die jeweilige Geschichte erkennen – und sehen, welche Seite ein Künstler besonders hervorhebt.

Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.

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