Karma im Hinduismus: Handeln, Folgen und Verantwortung

Stilisierte Illustration eines hinduistisch geprägten Tempelbaus in einer Landschaft

Karma bedeutet zunächst Handlung. Im Hinduismus geht es dabei um Handlungen und ihre Folgen – für den eigenen Charakter, für andere Menschen und im religiösen Verständnis auch über ein einzelnes Leben hinaus. Der Begriff gehört zu Lehren über Wiedergeburt und Befreiung.

Die Redewendung „Das ist sein Karma“ klingt manchmal, als hätte jemand jedes Unglück verdient. So eine schnelle Diagnose erklärt die religiöse Lehre schlecht. Hilfreicher sind andere Fragen: Wie handle ich? Woran hänge ich dabei? Welche Gewohnheiten stärke ich? Und welche Verantwortung habe ich gegenüber Menschen, denen es schlecht geht?

Was verbindet Handlung und Charakter?

In der Brihadaranyaka-Upanishad 3,2 sprechen Yajnavalkya und Artabhaga über den Tod und das, was weitergeht. Sie ziehen sich zur Beratung zurück. Der Text verbindet gutes beziehungsweise schlechtes Werden mit gutem beziehungsweise schlechtem Handeln. Max Müller übersetzt Karman dort mit dem englischen Wort für Arbeit oder Wirken.

Das ist ein konkreter religiöser Zusammenhang. Es geht nicht nur um die alltägliche Beobachtung, dass ein umgestoßenes Glas herunterfällt. Die Frage reicht zu Tod, moralischer Prägung und dem Fortgang des Lebens.

Handeln und Ergebnis sind nicht dasselbe

Bhagavad Gita 2,47 unterscheidet die eigene Handlung von den Früchten des Handelns. Zugleich warnt der Vers davor, sich ans Nichtstun zu hängen. Karma ist die Handlung, Phala ihre Frucht oder ihr Ergebnis.

Gita 3,19 fordert entsprechend, die eigene Aufgabe ohne Anhaftung zu erfüllen, und verbindet das mit dem höchsten religiösen Ziel. Im Gespräch zwischen Krishna und Arjuna ist dies Teil eines spirituellen Weges und nicht bloß ein Tipp zur besseren Arbeitsleistung.

Man kann sich die Unterscheidung so vorstellen: Du bereitest eine Hilfeleistung sorgfältig vor, kannst aber nicht jede Reaktion kontrollieren. Die eigene Aufmerksamkeit bleibt wichtig. Ein Anspruch auf Dank oder Bewunderung ist eine andere Sache.

Was heißt Nishkama Karma?

Nishkama Karma bezeichnet Handeln ohne Verlangen nach persönlichem Lohn. Es bedeutet nicht, gleichgültig zu werden, ob das Handeln etwas nützt. Wer hilft, sollte weiterhin darauf achten, was der andere wirklich braucht.

Im Beispiel wäre entscheidend, die Hilfe nicht vor allem deshalb zu leisten, um gelobt zu werden. Das ist eine begrenzte Veranschaulichung. Die Gita verbindet die Haltung mit Pflicht, Erkenntnis und dem Verhältnis zum Göttlichen. Diese religiöse Tiefe geht verloren, wenn nur der Ratschlag „Sei nett“ übrig bleibt.

Drei Arten von Karma: Welche Frage beantwortet diese Einteilung?

Swami Sivananda erklärt eine dreifache Unterscheidung:

  • Sanchita meint angesammeltes Karma mit seinen noch möglichen Folgen.
  • Prarabdha bezeichnet den bereits zur Wirkung kommenden Anteil.
  • Kriyamana beziehungsweise Agami meint gegenwärtiges Handeln und das dadurch Hinzukommende.

Diese Kategorien ordnen also Ansammlung, Wirksamwerden und gegenwärtige Tätigkeit. Sie sind etwas anderes als eine Einteilung in gute und schlechte Taten. Sivananda erläutert sie in seinem größeren Zusammenhang von Erkenntnis und Befreiung. Andere hinduistische Schulen können Begriffe und Zusammenhänge anders akzentuieren.

Und was sind Samskaras?

In einer weiteren Erklärung beschreibt Sivananda Samskaras als Eindrücke im Geist. Er verbindet sie mit Erinnerung, Erfahrungen und weiterwirkenden Neigungen. In seinem yogischen Verständnis können Eindrücke über das gegenwärtige Leben hinausreichen.

Samskara ist in diesem Zusammenhang also kein anderes Wort für selbstloses Handeln. Es bezeichnet eine Prägung; Nishkama Karma beschreibt dagegen die Haltung beim Handeln. Die Unterscheidung macht verständlich, wie gegenwärtige Entscheidungen und gewachsene Gewohnheiten zusammen besprochen werden können.

Ein einfacher Alltagsvergleich: Wer immer wieder ungeduldig reagiert, erlebt diese Reaktion irgendwann als selbstverständlich. Das veranschaulicht eine Gewohnheit, beweist aber weder frühere Leben noch ein medizinisches Modell des Gedächtnisses. Sivanandas Erklärung ist eine spirituelle Lehre.

Wie hängt Karma mit Wiedergeburt zusammen?

Gita 2,22 beschreibt den Wechsel des Körpers mit dem Bild abgetragener und neuer Kleidung. Das verkörperte Selbst besteht in diesem religiösen Verständnis durch körperliche Veränderungen hindurch. Die Folgen von Handlungen können entsprechend über ein Leben hinausreichen.

In D. C. Raos Einführung in den Hinduismus können zwischen Tat und Folge kurze Zeiträume oder mehrere Leben liegen. Er betont zugleich, dass die Reaktion auf gegenwärtige Umstände neue Bedeutung hat. Karma wird damit nicht als Einladung zum passiven Fatalismus erklärt.

Diese Überzeugung gibt einem Beobachter jedoch kein vollständiges Wissen über die Vorgeschichte eines anderen Menschen. Ein konkretes Unglück einer konkreten früheren Tat zuzuordnen, wäre eine zusätzliche Behauptung, die eigens begründet werden müsste.

Warum ist Befreiung mehr als gutes Karma?

Samsara bezeichnet den Kreislauf von Geburt und Tod. Moksha bedeutet Befreiung aus seiner Bindung. Ein angenehmeres Erleben innerhalb dieses Kreislaufs und das Freisein von ihm sind deshalb unterschiedliche Ziele.

Gita 2,51 verbindet die Freiheit von Handlungsfolgen mit Freiheit von Geburt und Tod. Die Vaishnava-Übersetzung Prabhupadas auf Vedabase betont dabei den hingebungsvollen Dienst an Gott. Sivanandas Erklärung der Karma-Arten hebt dagegen die befreiende Erkenntnis Brahmans hervor.

Diese Beispiele zeigen verschiedene Akzente von Hingabe, Erkenntnis und Handlungsdisziplin. Karma lässt sich daher nicht vollständig als Sammeln angenehmer Zukunftserlebnisse erklären. Das Ziel der Befreiung reicht darüber hinaus.

Wie soll man auf das Leiden anderer reagieren?

Rao fragt ausdrücklich nach dieser Verantwortung. Seine Antwort verlangt Mitgefühl und die Linderung von Leiden, soweit es möglich ist. Die Aufgabe des Beobachters besteht im Helfen und nicht darin, sich mit Vermutungen über ein angeblich verdientes Schicksal zufriedenzugeben.

Das wird bei Armut, Krankheit oder Unglück besonders wichtig. Was lässt sich jetzt konkret tun? Aufmerksam zuhören, fair behandeln und sinnvolle Unterstützung leisten sind selbst Handlungen. Wer über Karma nachdenkt, muss deshalb auch den eigenen Umgang mit anderen einbeziehen.

Bedeutet Karma in allen Religionen dasselbe?

Der Begriff ist auch im Buddhismus und Jainismus wichtig, wie das Harvard Pluralism Project erläutert. Gemeinsame Wörter bedeuten aber nicht, dass Selbst, Wiedergeburt und Befreiung überall gleich verstanden werden.

Für den Hinduismus beginnt ein guter Zugang beim jeweiligen Text und Lehrer: Welche Handlung ist gemeint? Was wird über ihre Folgen gesagt? Und worin besteht das Ziel der Praxis? Damit wird Karma zu einer Frage verantwortlichen Handelns innerhalb einer religiösen Weltsicht – statt zu einem schnellen Urteil über fremdes Leid.

Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.

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