Ein Stupa ist ein buddhistisches Heiligtum, das Erinnerung, Verehrung und häufig Reliquien miteinander verbindet. Reliquien sind verehrte Überreste oder Gegenstände mit religiösem Bezug. Manche Stupas sind gewaltige Pilgerziele. Andere passen als kleine Behälter auf einen Altar.
Wer einen Stupa besucht, sieht oft Menschen, die außen herumgehen, beten oder Gaben darbringen. Das ist ein guter Ausgangspunkt zum Verständnis: Der Bau ist nicht nur eine auffällige Form in der Landschaft. Er gehört zu einer religiösen Praxis. Seine Geschichte, sein Inhalt und die Wege um ihn herum helfen zu verstehen, warum er wichtig ist.
Woher stammt diese Bauform?
Das Metropolitan Museum erläutert an einem tibetischen Stupa die Verbindung zu alten indischen Grabhügeln. Im Buddhismus wurden solche Formen zu Aufbewahrungsorten für Reliquien. Auf Tibetisch heißt ein Stupa auch Chörten. Kleine Metallformen können die Erinnerung an Buddha und seine Lehre ebenso wachhalten wie große Bauten.
Eine zentrale religiöse Erzählung steht im Mahaparinibbana-Sutta, Digha Nikaya 16. Nach Buddhas Tod und Einäscherung werden seine Reliquien in acht Teile aufgeteilt. Über ihnen sollen Stupas entstehen. Der Text erwähnt außerdem ein Denkmal für das Gefäß und eines für die verbleibenden Brandreste.
Damit verbindet die Überlieferung Stupas bereits mit der Erinnerung an Buddhas Tod. Sie ist jedoch kein archäologischer Datierungsbeleg für jedes einzelne Bauwerk. Auch die verbreitete Kurzfassung, erst Kaiser Ashoka habe den allerersten Stupa errichtet, wird diesem Erzählzusammenhang nicht gerecht.
Was kann sich im Inneren befinden?
Die Inhalte sind nicht auf eine einzige Art körperlicher Überreste begrenzt. Das Smithsonian National Museum of Asian Art beschreibt auch schriftliche Lehren und kleine Reliquienbehälter. In der Verehrung können die darin verkörperte Erinnerung an Buddha und seine Eigenschaften zusammenkommen.
Ein besonders anschaulicher Fund stammt aus Piprahwa in Nordindien. Das Rubin Museum berichtet von fünf Reliquienbehältern, die 1898 in einem Stupa gefunden wurden. Eine Inschrift beansprucht einen Bezug zu Buddhas Überresten. Ausgrabung, Aussage der Inschrift und religiöse Verehrung sind dabei auseinanderzuhalten. Die Entdeckung eines Behälters bestätigt nicht automatisch jede spätere Zuschreibung.
Für Gläubige können Reliquien mit Segen verbunden sein. Wer den Bau erklärt, kann diese Überzeugung ernst nehmen, ohne eine überprüfte naturwissenschaftliche Wirkung zu behaupten.
Wie ist ein Stupa aufgebaut?
Die Beschreibung eines kleinen Stupas im Los Angeles County Museum of Art nennt eine verbreitete Grundform:
- Der Sockel bildet die runde oder eckige Basis.
- Anda heißt der gerundete, oft halbkugelförmige Körper.
- Harmika bezeichnet das viereckige Bauteil oberhalb der Kuppel.
- Chattra sind die schirmartigen Ehrenzeichen am zentralen Mast.
Die Schirme sind also keine Sonnendächer für Besucher. Sie gehören zur religiösen und architektonischen Auszeichnung des Monuments. Große Anlagen können außerdem Geländer, Tore und Treppen haben. Nicht jedes regionale Beispiel besitzt jedoch genau denselben Aufbau.
Eine hilfreiche Frage beim Betrachten lautet: Was ist die Grundform, und was wurde hier besonders gestaltet? Damit erkennt man eher die Eigenart eines Bauwerks, als wenn man jede Einzelheit in ein einziges starres Schema pressen möchte.
Warum gehen Menschen um einen Stupa herum?
Das ehrende Umrunden eines Heiligtums wird oft Pradakshina genannt. Dabei bleibt der Stupa zur rechten Seite. Das Musée Guimet erklärt diese Bewegungsrichtung an einem Relief, das Siddharthas nächtlichen Aufbruch aus dem Palast darstellt. Die Anordnung erzählender Bilder konnte auf den Weg der Gläubigen abgestimmt sein.
Der Raum um den Bau ist damit nicht einfach übrig gebliebene Fläche. Er gehört zum religiösen Handeln. Wer nur die Spitze fotografiert, übersieht möglicherweise gerade den Weg, auf dem das Heiligtum erfahren wird.
Sanchi: Ein Stupa wächst über Generationen
In Sanchi in Indien wird besonders deutlich, dass ein Bauwerk mehrere Geschichten zugleich haben kann. Die UNESCO verbindet die Anfänge des Heiligtums mit Ashoka im 3. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Ein früher Ziegelstupa wurde später vergrößert, mit Stein verkleidet und durch Umrundungswege, Treppen und Geländer ergänzt. Auch die berühmten Tore gehören zu weiteren Bauphasen.
Das heutige Erscheinungsbild stammt also nicht vollständig aus einem einzigen Gründungsjahr. Zum Gelände gehören weitere Stupas, Tempel, Klöster und Säulen. Man begegnet einer religiösen Landschaft, an der viele Generationen mitgewirkt haben.
Borobudur: Architektur als begehbare Weltordnung
Borobudur auf Java entstand im 8. und 9. Jahrhundert. Die Anlage verbindet quadratische Terrassen mit drei runden Plattformen und einem großen Stupa an der Spitze. Auf den kreisförmigen Ebenen stehen 72 durchbrochene Stupas, die jeweils einer Buddhafigur zugeordnet sind. Diese Zahl ist nicht die Gesamtzahl sämtlicher Buddhafiguren des Komplexes.
Die UNESCO erklärt die vertikale Gestaltung mit buddhistischen Vorstellungen von den Bereichen des Begehrens, der Form und der Formlosigkeit. Ein Weg durch das Monument wird dadurch Teil seiner Bedeutung. Das ist eine Besonderheit dieser Anlage und kein Hinweis darauf, dass man jeden Stupa besteigen soll. Zur Geschichte Borobudurs gehören außerdem große Restaurierungsarbeiten im 20. Jahrhundert.
Bedeuten die Formen überall dasselbe?
Eine allgemeingültige Formeltabelle würde zu kurz greifen. Ein japanischer Reliquienbehälter aus Bergkristall im Seattle Art Museum verbindet fünf Formen mit fünf Elementen: Sockel mit Erde, Kugel mit Wasser, Pyramide mit Feuer, Halbkugel mit Wind und das obere Juwel mit Raum. Das erklärt dieses konkrete Objekt. Man kann daraus nicht ableiten, jede Rundung jedes Stupas bedeute überall dasselbe.
Stupas sind weiterhin Orte gelebter Religion
Ein im Dezember 2016 aufgenommener Smithsonian-Film über Ruwanwelisaya in Sri Lanka zeigt einen Tag des monatlichen Vollmondfests. Lampen, Pilger und religiöse Handlungen machen sichtbar, wie der Bau in das Leben von Menschen eingebunden ist.
Auch die Verwaltung von Boudhanath in Kathmandu beschreibt den Ort als bedeutendes buddhistisches Pilgerzentrum. Sie weist zugleich auf unsichere historische Ursprünge und verschiedene Überlieferungen hin. Lebendige Verehrung und offene historische Fragen können nebeneinander bestehen.
Beim Besuch helfen daher zwei Blickrichtungen: auf die Geschichte des Bauwerks und auf seine heutige Nutzung. Wo gehen Menschen entlang? Wo halten sie inne? Welche Hinweise gibt die Gemeinschaft? Wer beides beachtet, sieht im Stupa mehr als eine Kuppel mit Spitze: einen Ort, an dem Erinnerung, Lehre und Verehrung eine sichtbare Form erhalten.
Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.




