Rosch Haschana: Was macht das jüdische Neujahr besonders?

Stilisierte Darstellung eines gebogenen Schofars vor einem hellen goldfarbenen Hintergrund

Symbolbild zum jüdischen Neujahrsfest Rosch Haschana

Rosch Haschana ist das jüdische Neujahrsfest. Es verbindet die Hoffnung auf ein gutes neues Jahr mit einer ernsten Frage: Wie habe ich gelebt, und was möchte ich ändern? Festliche Mahlzeiten und Selbstprüfung stehen deshalb nebeneinander. Das eine nimmt dem anderen nicht seine Bedeutung.

Bekannte Zeichen sind der Schofar, ein geblasenes Tierhorn, und Apfelstücke mit Honig. Wer das Fest verstehen möchte, sollte aber auch den Blick auf die Tage danach richten. Mit Rosch Haschana beginnt eine besondere Zeit der Umkehr, die bis Jom Kippur reicht.

Wann beginnt das Jahr, und warum im siebten Monat?

Rosch Haschana beginnt am ersten Tag des Monats Tischri. Traditionell wird es zwei Tage gefeiert, auch in Israel. Im Reformjudentum gibt es Gemeinden mit einem und Gemeinden mit zwei Festtagen. Die Reformbewegung beschreibt diese unterschiedliche Praxis ausdrücklich.

Dass Tischri in der biblischen Monatszählung der siebte Monat ist, wirkt zunächst verwirrend. Ein Jahr kann jedoch mehrere wichtige Anfangspunkte haben. Wir kennen das vom Kalenderjahr, Schuljahr und Geschäftsjahr. Diese Gegenüberstellung ist eine Erklärungshilfe, keine Gleichsetzung der religiösen Bedeutungen.

Die Mischna Rosch Haschana 1,1 unterscheidet mehrere Jahresanfänge für unterschiedliche Zwecke. Nisan ist dort der Anfang für Könige und Feste, Tischri unter anderem für die Zählung der Jahre sowie Sabbat- und Jubeljahre. In Levitikus 23,23–32 stehen der Ruhetag mit Horn- beziehungsweise Trompetenschall am ersten Tag des siebten Monats und der Versöhnungstag am zehnten Tag dieses Monats.

Was bedeutet der Klang des Schofars?

Der Schofar ist ein besonders eindrückliches Zeichen des Festes. Sein Klang unterbricht den gewohnten Ablauf. Nach dem Festleitfaden von Chabad wird er an beiden Vormittagen geblasen; fällt der erste Tag auf Schabbat, entfällt das Blasen an diesem Tag.

Maimonides deutet den Klang in Hilchot Teschuwa 3,4 als Weckruf: Menschen sollen ihre Lebensführung prüfen und umkehren. Man könnte im Alltag etwa fragen: Wo habe ich jemanden übergangen? Welche Ausrede benutze ich immer wieder? Was wäre jetzt ein ehrlicher erster Schritt?

Diese Beispiele sind heutige Anwendungen. Sie machen verständlich, dass religiöse Selbstprüfung mehr sein kann als ein allgemeiner Vorsatz, künftig ein besserer Mensch zu werden.

Was wird aus der Tora gelesen?

Zu den traditionellen Festlesungen gehören die Geburt Isaaks in Genesis 21 und die Erzählung von seiner Bindung in Genesis 22. Dort wird schließlich ein Widder an seiner Stelle geopfert. Die Reformbewegung erläutert die Lesungen und nennt zugleich andere Leseordnungen einzelner Reformgemeinden. Man sollte deshalb nicht bei jedem Gottesdienst genau denselben Ablauf erwarten.

Solche Texte bringen Hoffnung, Gefährdung und Verantwortung in die Feier. Wer bei der Lektüre Fragen oder Unbehagen empfindet, muss das nicht überspielen. Gerade die vertraute Wiederkehr einer Erzählung kann Anlass sein, neu über sie zu sprechen.

Warum isst man Äpfel mit Honig?

Der süße Geschmack drückt die Bitte um ein gutes, süßes Jahr aus. Chabad nennt Äpfel mit Honig für den ersten Abend und beschreibt außerdem Bräuche mit runder Challa und Granatäpfeln. Es geht um Wünsche, die sichtbar und schmeckbar werden. Welche Speisen auf dem Tisch stehen, hängt auch von Familientradition und Gemeinde ab.

Eine Einladung zum Festessen ist deshalb keine Prüfung, bei der Gäste sämtliche Symbole aufsagen müssen. Zuhören und nach der Bedeutung eines besonderen Gerichts fragen ist ein guter Einstieg. Nicht jede jüdische Familie gestaltet den Abend gleich.

Was hat es mit Taschlich auf sich?

Beim Brauch Taschlich gehen Menschen an ein Gewässer und sprechen Gebete im Zusammenhang mit dem symbolischen Wegwerfen von Sünden. Die Reformbewegung beschreibt dabei auch das Werfen von Brotkrumen. Solche Einzelheiten unterscheiden sich in der Praxis.

Das Bild ist leicht verständlich: Etwas Belastendes soll zurückbleiben. Doch der symbolische Vorgang ersetzt nicht die Verantwortung gegenüber anderen Menschen. Wer jemanden verletzt hat, hat durch einen Gang ans Wasser noch keine Beziehung repariert.

Was geschieht in den zehn Tagen bis Jom Kippur?

Die besondere Zeit zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur heißt auch Zeit der Umkehr. Teschuwa meint eine Rückkehr und Neuorientierung. Maimonides betont in Hilchot Teschuwa 2,6–9 die Bedeutung dieser Tage und unterscheidet Verfehlungen gegenüber Gott von Unrecht an anderen Menschen.

Bei letzterem genügt Reue im Gebet nicht: Geschuldetes muss zurückgegeben und die betroffene Person um Verzeihung gebeten werden. Ein alltagsnahes Beispiel wäre ein geliehener Betrag, dessen Rückzahlung man immer verschiebt. Ein guter Vorsatz wird erst konkret, wenn daraus eine tatsächliche Handlung wird.

Welche Bräuche gehören zu anderen Festen?

Die Erinnerung an die Gabe der Tora am Sinai steht im Zentrum von Schawuot. Das ist ein anderes Fest. Ebenso gehören Lulav und Etrog, die zusammen mit Myrte und Weide verwendeten Pflanzen, zu Sukkot ab dem 15. Tischri.

Diese Unterscheidung hilft, jüdische Feste in ihrer eigenen Bedeutung kennenzulernen. Rosch Haschana eröffnet das Jahr mit Hoffnung, Gebet und Selbstprüfung. Wie jemand die Feier konkret erlebt, erschließt sich am besten im Gespräch mit der jeweiligen Familie oder Gemeinde.

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