Eine Religion verlassen: Wenn Glaube und Alltag sich verändern

Illustration einer Person vor einer herbstlichen Flusslandschaft mit ferner Stadtsilhouette

Wann hat jemand seine Religion verlassen? Beim letzten Gottesdienstbesuch? Als das Beten aufgehört hat? Oder erst bei dem Satz: „Ich gehöre dieser Religion nicht mehr an“? Das können sehr unterschiedliche Zeitpunkte sein.

Glaube, Gewohnheiten und Zugehörigkeit verändern sich nicht unbedingt gleichzeitig. Deshalb ist das Verlassen einer Religion oft besser als ein Verlauf zu verstehen als als ein einziger Augenblick. Studien, die dieselben Menschen über längere Zeit befragen, machen solche Unterschiede sichtbar.

Illustration zu grundlegenden Fragen über Religion

Drei Fragen statt einer

Für ein besseres Verständnis hilft es, drei Dinge auseinanderzuhalten:

  • Überzeugung: Was glaube ich über Gott, die Welt und das Leben?
  • Praxis: Bete ich, lese religiöse Texte oder besuche Gottesdienste?
  • Zugehörigkeit: Mit welcher Religion oder Gemeinschaft identifiziere ich mich?

Stell dir eine Person vor, die aus familiärer Verbundenheit noch an Feiertagen in die Kirche geht, mit zentralen Glaubensaussagen aber schon länger wenig anfangen kann. Eine andere betet weiterhin, fühlt sich jedoch keiner Religionsgemeinschaft mehr zugehörig. Diese Beispiele sind keine Studienfälle, sondern zeigen, warum eine einzige Frage zu kurz greifen kann.

Was sich vor dem Abschied verändert

Ein Forschungsteam um Wiebke Bleidorn untersuchte elf Befragungsrunden mit Erwachsenen in den Niederlanden. Für die Analyse des Abschieds wurden 450 Menschen betrachtet, die im Beobachtungszeitraum einmal von christlicher Zugehörigkeit zur Angabe keiner Religionszugehörigkeit wechselten.

Im Durchschnitt gingen Gottesglaube, Gebet und Teilnahme an religiösen Zusammenkünften zurück. Die Veränderungen zeigten sich besonders vor oder um den Wechsel der Selbstbezeichnung. Die Antwort „keine Religion“ war also nicht unbedingt der Anfang der Entwicklung. Sie konnte etwas sichtbar machen, das bereits länger im Gange war.

Bei den untersuchten Wohlbefindensmaßen fand das Team rund um den Abschied keine durchschnittliche Veränderung. Einzelne Lebensläufe unterschieden sich dennoch. Daraus folgt weder, dass jeder Abschied leicht wäre, noch, dass er zwangsläufig unglücklich macht.

Müssen Zweifel dabei immer stärker werden?

Auch hier ist die Antwort weniger geradlinig, als man erwarten könnte. Eine Studie von Sam Hardy und Kollegen untersuchte 1.144 Teilnehmende einer amerikanischen Langzeitstudie. Sie hatten sich in den ersten drei Befragungsrunden einer Religion zugeordnet.

Über die Jugendzeit gingen im Durchschnitt unter anderem Gottesdienstbesuche, Gebet, Beschäftigung mit religiösen Texten und die persönliche Wichtigkeit von Religion zurück. Die gemessenen Zweifel blieben im Gruppendurchschnitt dagegen relativ stabil. Trotzdem hing ein höheres anfängliches Maß an Zweifeln mit einer späteren Selbstbeschreibung ohne Religion zusammen.

Das ist kein Widerspruch. Ein gleichbleibender Durchschnitt und Unterschiede zwischen einzelnen Menschen beantworten verschiedene Fragen. Eine Vorhersage im Datensatz zeigt außerdem noch nicht, wodurch ein bestimmter Mensch seine Religion verlassen hat.

Welche Gründe nennen Menschen selbst?

Eine andere Art von Untersuchung fragt rückblickend nach persönlichen Gründen. In einer Pew-Befragung aus dem Mai 2025 wurden erwachsene US-Amerikaner ohne heutige Religionszugehörigkeit gefragt, warum sie ihre frühere Religion verlassen hatten.

Unter denjenigen, die religiös aufgewachsen waren, nannten 51 Prozent den verlorenen Glauben an die Lehren ihrer Religion als sehr oder äußerst wichtigen Grund. Für 44 Prozent war Religion nicht mehr wichtig für ihr Leben; 42 Prozent nannten ein allmähliches Entfernen. Mehrere Gründe konnten wichtig sein. Die Werte beschreiben diese US-Gruppe, keine allgemeine Reihenfolge für alle Länder und Religionen.

Solche Antworten ergänzen Langzeitstudien. Sie erzählen aber nicht automatisch, wann im Leben die Veränderung begonnen hat. Eine Erinnerung an die eigenen Gründe und wiederholte Messungen über mehrere Jahre liefern unterschiedliche Einblicke.

Was das für ein persönliches Gespräch bedeutet

Wenn jemand von einem Abschied erzählt, lohnt sich eine offene Frage: „Was hat sich für dich verändert?“ Vielleicht geht es um eine Glaubensaussage, vielleicht um die gelebte Gemeinschaft oder um mehrere Dinge zugleich. Die Frage lässt Raum für die eigene Geschichte.

Weniger hilfreich wäre es, sofort einen Grund vorzugeben: „Du warst wohl einfach enttäuscht.“ Ebenso wenig lässt sich aus einer seltenen Teilnahme ablesen, was jemand innerlich glaubt. Eine Lebensgeschichte wird verständlicher, wenn die betreffende Person ihre verschiedenen Veränderungen selbst beschreiben kann.

Die Forschung liefert dafür eine hilfreiche Orientierung: Sie zeigt, warum das Ende einer Zugehörigkeit nicht mit dem Anfang des Zweifelns zusammenfallen muss. Den individuellen Weg erklärt sie nicht allein. Dafür braucht es auch die Stimme des Menschen, um den es geht.

Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.

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