Katholisch und evangelisch: Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Symbolische Gegenüberstellung zweier Kirchen mit Türmen; die Architektur allein bestimmt keine Konfession

Katholische und evangelische Christen teilen wesentliche Glaubensüberzeugungen, unterscheiden sich aber unter anderem beim kirchlichen Lehramt, beim Verständnis der Sakramente und bei der Kirchenleitung. Dabei ist „evangelisch“ keine einzige weltweit einheitliche Kirche. Lutherische, reformierte, baptistische und weitere protestantische Traditionen setzen unterschiedliche Akzente.

Ein sinnvoller Vergleich nennt deshalb die konkrete Kirche. Eine Aussage über eine deutsche Landeskirche gilt nicht automatisch für jede Freikirche. Umgekehrt sollte die katholische Lehre nicht aus einem einzelnen örtlichen Brauch oder einer persönlichen Meinung abgeleitet werden.

Welche Grundlagen verbinden beide Seiten?

Römisch-katholische und die hier behandelten historischen protestantischen Traditionen gehören zum Christentum. Bibel, Jesus Christus, Taufe, Gebet und ein Leben aus dem Glauben bilden gemeinsame Bezugspunkte. Lehrunterschiede liegen innerhalb dieses Zusammenhangs und machen nicht jeweils die andere Seite zu etwas Nichtchristlichem.

Ein anschauliches lutherisches Beispiel ist Artikel I des Augsburger Bekenntnisses. Er bejaht die alte kirchliche Lehre von dem einen Gott und den drei Personen. Die Reformation bedeutete also nicht die Abschaffung aller überlieferten Bekenntnisse. Für weitere Grundlagen hilft unser Beitrag Was glauben Christen über Jesus?.

Warum entstanden verschiedene Kirchen?

Die Reformation des 16. Jahrhunderts entwickelte sich aus Auseinandersetzungen im westlichen Christentum. Streitfragen betrafen Buße, Gnade, Autorität und kirchliche Praxis. Daraus wurden unterschiedliche Reformbewegungen und schließlich dauerhafte institutionelle Trennungen. Die gesamte spätere protestantische Vielfalt entstand nicht an einem einzigen Tag.

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau erläutert Gemeinsamkeiten und Unterschiede auch mit Blick auf heutige ökumenische Begegnungen. Sie zeigt: Vieles wird gemeinsam gelebt, während beispielsweise beim kirchlichen Amt und beim Abendmahl weiterhin Fragen offen sind. Das ist eine evangelische Darstellung und als solche zu lesen.

Die Geschichte erklärt außerdem, weshalb „protestantisch“ keine vollständige Alternative nach dem Muster einer zweiten Weltkirche bezeichnet. Reformbewegungen widersprachen nicht nur Rom, sondern teilweise auch einander. Die heutigen Unterschiede innerhalb des Protestantismus sind daher für den Vergleich selbst wichtig.

Wer entscheidet über die Lehre?

Im katholischen Verständnis gehören Heilige Schrift und die Weitergabe des apostolischen Glaubens zusammen. Der Katechismus, Nummern 96–100, beschreibt Schrift und Tradition als einen zusammengehörigen Glaubensschatz. Seine verbindliche Auslegung wird dem Lehramt des Papstes und der mit ihm verbundenen Bischöfe zugeordnet.

„Tradition“ meint dabei nicht einfach alles, was eine Gemeinde schon lange macht. Gemeint ist die Überlieferung des Glaubens. Eine kirchliche Gewohnheit und eine als verbindlich verstandene Lehre sind deshalb auch innerhalb des Katholizismus nicht ohne Weiteres dasselbe.

Viele protestantische Kirchen verstehen die Bibel als maßgeblichen Prüfstein ihrer Lehre. Das heißt nicht, dass jede Person ohne Bezug zur Gemeinschaft völlig beliebig entscheiden soll. Auch protestantische Kirchen haben Bekenntnisse, Ordnungen und ausgebildete Amtsträger. Strittig sind deren Stellung und das Verhältnis zur Schrift, nicht die Existenz jeder Form gemeinsamer Orientierung.

Die katholische Lehre von Unfehlbarkeit bedeutet wiederum nicht, dass jede Äußerung eines Papstes fehlerfrei sei. Das Kompendium des Katechismus, Frage 185, nennt bestimmte Formen endgültiger Lehrentscheidungen über Glauben und Sitten. Eine beiläufige Bemerkung oder Verwaltungsentscheidung ist damit nicht automatisch gleichzusetzen.

Gnade, Glaube und gute Werke

Die Formel „Evangelische werden durch Glauben gerettet, Katholiken durch gute Taten“ ist irreführend. Sie lässt Gottes Gnade aus dem katholischen Verständnis verschwinden und erweckt zugleich den Eindruck, verantwortliches Handeln sei für Protestanten unwichtig.

Die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre von 1999 formuliert zwischen Lutherischem Weltbund und katholischer Kirche einen Konsens in Grundwahrheiten. Sie verbindet die Annahme durch Gott mit Gnade und Glauben an Christus sowie die Erneuerung des Lebens mit guten Werken.

Damit wurden nicht sämtliche theologischen Unterschiede aufgehoben. Ebenso wenig spricht eine solche Vereinbarung automatisch für alle protestantischen Gemeinschaften. Sie zeigt aber, weshalb alte Gegensätze nicht ohne Berücksichtigung des späteren Dialogs wiederholt werden sollten.

Warum sieben Sakramente und oft zwei?

Die katholische Kirche kennt Taufe, Firmung, Eucharistie, Buße beziehungsweise Versöhnung, Krankensalbung, Weihe und Ehe als sieben Sakramente. In den Kirchen der EKD haben Taufe und Abendmahl diese besondere Stellung. Die EKD-Einführung zum Sakrament erläutert den evangelischen Zusammenhang von Gottes Verheißung und sichtbaren Zeichen.

Die bloße Zahl erklärt jedoch noch nicht das jeweilige Verständnis. Eine evangelische Trauung kann etwa eine wichtige kirchliche Handlung sein, ohne deshalb ein Sakrament im katholischen Sinn zu sein. Auch Begriffe unterscheiden sich: Manche Freikirchen sprechen bei Taufe und Abendmahl eher von durch Christus eingesetzten Ordnungen.

Ist das evangelische Abendmahl nur ein Symbol?

Für den gesamten Protestantismus lässt sich das nicht sagen. Die katholische Erklärung der Eucharistie spricht von einer wirklichen Gegenwart Christi und von der Wesensverwandlung von Brot und Wein. Das ist ein bestimmtes theologisches Verständnis, nicht die Behauptung, das Essen und Trinken habe keine wahrnehmbaren äußeren Eigenschaften mehr.

Artikel X des Augsburger Bekenntnisses bejaht ebenfalls die wirkliche Gegenwart von Christi Leib und Blut. Die lutherische Auffassung ist deshalb kein bloßes Erinnerungsmodell, auch wenn sie nicht einfach mit der katholischen Erklärung gleichgesetzt werden kann.

Anders beschreibt die Southern Baptist Convention in ihrer Glaubensdarstellung das Abendmahl als symbolische Handlung des Erinnerns und der Erwartung der Wiederkunft. Diese ausdrücklich benannten Beispiele zeigen eine echte Differenz innerhalb protestantischer Traditionen. Wer einen Gottesdienst besucht, sollte sich daher nach der konkreten Lehre und nach den Teilnahmebedingungen erkundigen.

Welche Unterschiede gibt es bei der Taufe?

Katholische und lutherische Kirchen taufen auch Kinder. Die lutherische Bekenntnisaussage zur Taufe nennt dies ausdrücklich. Baptistische Traditionen verbinden die Taufe dagegen mit dem persönlichen Glaubensbekenntnis des Täuflings; die genannte Southern-Baptist-Darstellung beschreibt das Untertauchen eines Glaubenden.

Die Unterscheidung „Kindertaufe gegen Erwachsenentaufe“ bleibt dabei verkürzt, weil auch Jugendliche ein eigenes Glaubensbekenntnis ablegen können. Präziser ist die Frage nach einer Taufe aufgrund persönlichen Bekenntnisses im Unterschied zur Taufe kleiner Kinder. Familien können daher auch zwischen zwei protestantischen Kirchen sehr unterschiedliche Taufpraktiken erleben.

Papst, Bischöfe und Gemeinden

Zur katholischen Kirchenstruktur gehört die Gemeinschaft mit dem Papst. Protestantische Kirchen haben unterschiedliche Leitungsordnungen, etwa synodale, bischöfliche oder stark auf die Ortsgemeinde bezogene Strukturen. Das Vorhandensein eines Bischofs ist daher kein ausschließlich katholisches Merkmal.

Die kirchlichen Ordnungen der Church of England enthalten beispielsweise Regelungen zum ordinierten Dienst und zur kirchlichen Leitung. Anglikanische Traditionen zeigen, weshalb Protestantismus nicht als grundsätzlich amtsfreie oder formlose Religiosität beschrieben werden kann.

Maria, Heilige und Gottesdienstformen

Katholische Marien- und Heiligenverehrung ist ein weiterer Unterschied. Das katholische Kompendium unterscheidet in Frage 198 ausdrücklich Marienverehrung von der Gott vorbehaltenen Anbetung. Eine faire Kritik muss zuerst diese eigene Unterscheidung darstellen. Die pauschale Aussage, Katholiken hielten Maria für eine zusätzliche Göttin, trifft die Lehre nicht.

Auch Musik, Kleidung und Architektur verraten nicht automatisch die gesamte Theologie einer Gemeinde. Ein feierlicher Gottesdienst kann protestantisch sein; eine schlichte Kirche kann katholisch genutzt werden. Für das Kennenlernen sind benannte Quellen und konkrete Fragen deshalb verlässlicher als der erste Eindruck. Wer selbst lesen möchte, findet in unserem Bibelratgeber geeignete deutsche Ausgaben mit Hinweisen zum jeweiligen Profil.

Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.

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