In einem Caodai-Tempel können Besucher Anklänge an mehrere Religionen entdecken. Trotzdem ist Caodaismus kein beliebiger Baukasten. Es ist eine eigenständige Religion aus Vietnam, mit einer eigenen Geschichte, festen Gottesdiensten, Regeln und Gemeinschaften.

Am besten lässt sich die Religion deshalb über den Alltag ihrer Angehörigen verstehen: Was bedeutet das Auge am Altar? Wozu dienen die regelmäßigen Gebete? Und was verbindet einen Tempel in Vietnam mit einer Gemeinschaft in Kalifornien?
Wie entstand Caodaismus?
Die Religion nahm 1926 im Süden Vietnams unter französischer Kolonialherrschaft eine organisierte Form an. Sie entstand aus dem Zusammenwirken mehrerer Menschen und Gruppen. Der Geschichtsüberblick des religiösen Rates verbindet Ngô Văn Chiêu mit einer frühen Vision von 1921. Zu den weiteren wichtigen Beteiligten gehörten Lê Văn Trung und Phạm Công Tắc.
Die Gläubigen verstanden bestimmte Botschaften als Mitteilungen aus der geistigen Welt. Solche Offenbarungen gaben der neuen Gemeinschaft religiöse Orientierung. Historisch lässt sich untersuchen, wie Menschen diese Botschaften deuteten und sich um sie organisierten. Ihr übernatürlicher Ursprung ist damit nicht bewiesen.
Glauben Caodaisten an einen Gott?
Ja. Cao Đài bezeichnet in der Selbstdarstellung der Religion das höchste göttliche Wesen, den Schöpfer. Die Lehren verschiedener Religionen werden als Teile einer größeren Geschichte göttlicher Führung verstanden. Besonders wichtig sind Buddhismus, Daoismus und Konfuzianismus.
Das bedeutet nicht, dass diese drei Religionen oder ihre Institutionen dieselbe Erklärung übernehmen. Caodaismus deutet sie aus der eigenen religiösen Sicht. Ein Vergleich wäre ein gemeinsames Familienalbum: Verschiedene Menschen können darin dieselben Personen wiedererkennen und ihre Bedeutung trotzdem unterschiedlich verstehen.
Was bedeuten das Auge und die Gaben am Altar?
Das göttliche Auge ist ein zentrales Symbol. Die Ritualerklärung des religiösen Rates beschreibt außerdem Blumen, Wein und Tee am Altar. Sie stehen dort für Körper beziehungsweise Materie, Lebensenergie und Geist.
Der Ablauf unterscheidet größere und kleinere Zeremonien. Größere finden unter anderem am ersten und fünfzehnten Tag des Mondmonats statt. Auch Glocken, Trommeln und Verbeugungen haben ihren bestimmten Platz. Gottesdienste für das höchste Wesen und die Verehrung der göttlichen Mutter werden dabei unterschiedlich gestaltet.
Vegetarische Ernährung gehört ebenfalls zur beschriebenen religiösen Übung. Der Text sieht zunächst sechs, später zehn vegetarische Tage je Mondmonat vor; vollständiger Verzicht auf Fleisch ist eine weitergehende Verpflichtung. Es wäre ungenau, daraus eine für alle Angehörigen identische Alltagspraxis zu machen.
Was hat der Glaube mit dem Alltag zu tun?
Die Neuen religiösen Regeln verbinden Gottesdienst und Lebensführung. Ihre fünf Verbote betreffen Töten, Stehlen, sexuelles Fehlverhalten, Alkohol beziehungsweise luxuriöse Ausschweifung und unwahre Rede.
Weitere Bestimmungen behandeln respektvollen Umgang, klare finanzielle Verhältnisse und gegenseitige Hilfe. So sollen Gemeindemitglieder einem Angehörigen bei einem unvorhergesehenen Unglück nach ihren Möglichkeiten beistehen. Religiöse Zugehörigkeit soll sich also auch darin zeigen, ob jemand andere unterstützt.
Die Regeln unterscheiden außerdem Verantwortlichkeiten. Artikel 20 schreibt dem Tempelverantwortlichen vier tägliche Gottesdienste vor: um sechs Uhr morgens, mittags, um sechs Uhr abends und um Mitternacht. Die Teilnahme der Gläubigen wird dort freigestellt. Aus den vier Zeiten folgt deshalb keine gleichlautende Anwesenheitspflicht für jedes Mitglied.
Gibt es eine einzige Caodai-Organisation?
Die Geschichte ist vielfältiger. Das religionswissenschaftliche Porträt von Janet Hoskins beschreibt die Entstehung verschiedener Richtungen nach dem Tod Lê Văn Trungs 1934. Phạm Công Tắc wurde zu einer prägenden Führungspersönlichkeit des Zentrums in Tây Ninh.
Der bekannte Heilige Stuhl von Tây Ninh ist deshalb ein bestimmtes religiöses Zentrum. Nicht jeder Tempel gehört in genau derselben Weise dazu. Wer eine örtliche Gemeinschaft kennenlernen möchte, sollte nach ihrer jeweiligen Verbindung und Geschichte fragen.
Wie gelangte die Religion über Vietnam hinaus?
Migration, Krieg und Exil gehören zu dieser Geschichte. Die Darstellung zu Hoskins’ Forschungsbuch verbindet die Gründergeneration in Vietnam mit späteren Angehörigen und Nachkommen in Kalifornien. Besonders die Flucht und Auswanderung nach 1975 prägten die internationalen Verbindungen.
Damit entstehen praktische Fragen: Wie erklärt man ein Ritual Kindern, die in einer anderen Sprache aufwachsen? Welche Beziehungen bleiben zum Herkunftsort bestehen? Die Antworten müssen die jeweiligen Gemeinden finden.
Caodaismus ist somit eine lebendige Religion mit einer weit gefassten religiösen Vision und konkreten Verpflichtungen. Die Anerkennung anderer religiöser Lehrer ist dabei etwas anderes als ein bloßes Gespräch zwischen Religionen. Das Beitragsbild ist eine freie Tempelillustration und zeigt keinen dokumentierten Caodai-Gottesdienst.
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