Warum gibt ein Gebet manchen Menschen Halt, während andere dabei mit Schuld oder Enttäuschung ringen? Wie entstehen religiöse Erfahrungen, und wie verändern sie das Verhalten? Solche Fragen untersucht die Religionspsychologie. Sie erforscht Menschen, ihr Erleben und ihre Handlungen.
Dabei ist eine psychologische Erklärung nicht dasselbe wie ein Urteil über die Wahrheit eines Glaubens. Zu untersuchen, warum jemand eine Überzeugung entwickelt, beantwortet noch nicht, ob deren Inhalt richtig ist.

Was wird in diesem Fach untersucht?
Zum Gegenstand gehören religiöse und spirituelle Überzeugungen, Erfahrungen, Praktiken und ihre Zusammenhänge mit menschlichem Verhalten. Die Fachgesellschaft innerhalb der American Psychological Association beschreibt ihren Ansatz ausdrücklich als konfessionell ungebunden.
Ein Forschungsteam muss also nicht voraussetzen, dass eine bestimmte Religion wahr ist. Es kann etwa untersuchen, wie Menschen einen Gottesdienst erleben, welche Rolle eine Gemeinschaft in einer Krise spielt oder wie sich Überzeugungen verändern.
Warum sind James und Freud noch bekannt?
William James beschrieb 1902 in Die Vielfalt religiöser Erfahrung unter anderem mystische Erfahrungen. Dabei nannte er vier Merkmale: Sie lassen sich schwer in Worte fassen, fühlen sich wie eine Einsicht an, dauern meist nur begrenzt und werden eher als Widerfahrnis denn als willentlich gesteuert erlebt. Die ersten beiden waren für seine Einordnung besonders wichtig.
Die Formulierung „fühlt sich wie eine Einsicht an“ verdient Aufmerksamkeit. Sie beschreibt die Erfahrung einer Person. Damit ist noch nicht jede spätere Erklärung dieser Erfahrung bestätigt.
Sigmund Freud setzte einen anderen Schwerpunkt. Ein Manuskriptausschnitt von 1927 verbindet religiöse Vorstellungen mit starken menschlichen Wünschen. Das ist ein historischer theoretischer Erklärungsversuch, keine Messung der Motive jedes einzelnen Gläubigen.
Was genau misst eine Studie?
„Religiosität“ kann vieles heißen. Jemand besucht Gottesdienste aus Familienverbundenheit. Eine andere Person betet täglich, gehört aber keiner Gemeinde an. Eine dritte nennt sich religiös und zweifelt zugleich an einer bestimmten Lehre.
Häufigkeit des Betens, Mitgliedschaft und persönliche Bedeutung der Religion sind deshalb unterschiedliche Messgrößen. Ein guter Forschungsbericht erklärt, welche davon er verwendet.
Auch der Anlass zählt. Stellen Sie sich eine Befragung nach einem Todesfall vor: Eine Person ist stark belastet und besucht häufiger Gottesdienste. Der Verlust könnte beides beeinflussen. Aus dieser Beobachtung allein folgt nicht, dass die Teilnahme ihre Belastung verursacht hat.
Kann Religion bei der Bewältigung einer Krise helfen?
Die Forschung fragt genauer, wie jemand mit einer Krise umgeht. Eine Studie von Kenneth Pargament und Kollegen aus dem Jahr 1998 entwickelte dazu einen Fragebogen mit vierzehn Aussagen, den Brief RCOPE. Untersucht wurden unter anderem Betroffene des Anschlags von Oklahoma City, Studierende mit schweren Belastungen und ältere Krankenhauspatienten.
Die Autoren unterschieden unterstützende und belastende religiöse Bewältigungsmuster. Dazu gehören auf der einen Seite etwa die Suche nach spirituellem Halt und Vergebung, auf der anderen Gefühle von Verlassenheit oder die Deutung, von Gott bestraft zu werden.
„Positiv“ und „negativ“ sind hier Forschungsbegriffe. Sie bewerten nicht den moralischen Wert einer Person. Auch kann sich jemand von einer Gemeinde getragen fühlen und gleichzeitig religiöse Zweifel erleben. Nur die Zahl der Gebete zu erfassen würde diesen Unterschied verfehlen.
Macht Religion psychisch gesünder?
Eine pauschale Zusage lässt sich aus den folgenden Ergebnissen nicht ableiten. Eine 2021 im Zeitschriftenband veröffentlichte Zusammenfassung von 48 Langzeitstudien durch Bert Garssen und Kollegen umfasste 59 unabhängige Stichproben. Sie fand einen statistisch bedeutsamen, aber kleinen durchschnittlichen positiven Zusammenhang von r = 0,08.
Untersucht wurden unterschiedliche Formen von Religion und Spiritualität sowie verschiedene Maße psychischer Gesundheit. Von acht unterschiedenen religiösen Einflussgrößen waren nur öffentliche religiöse Teilnahme und die Bedeutung der Religion statistisch bedeutsam mit psychischer Gesundheit verbunden.
Die Zahl 0,08 bedeutet keine achtprozentige Verbesserung eines Gesundheitszustands. Auch eine Beobachtung über längere Zeit schließt nicht automatisch jede andere Erklärung aus. Das Ergebnis ist weder ein Versprechen zur Vorbeugung noch eine Behandlungsempfehlung.
Was können Experimente zeigen?
Ein anderes Forschungsbeispiel betrifft das Zusammenleben nach Gewalt. Salma Mousa untersuchte 2020 Fußballteams im Irak. Durch ISIS vertriebene Christen wurden zufällig Teams nur mit Christen oder gemischten Teams mit Muslimen zugeteilt.
Die Teilnahme an gemischten Teams verbesserte bestimmte Verhaltensweisen gegenüber muslimischen Mitspielern und anderen muslimischen Teilnehmern im untersuchten Umfeld. Dazu gehörte die Bereitschaft, noch sechs Monate später gemeinsam zu trainieren.
Andere soziale Situationen und allgemeine Einstellungen veränderten sich dagegen nicht durchgängig. Das Experiment zeigt also einen bestimmten Effekt in einem bestimmten Zusammenhang. Es beweist nicht, dass jede interreligiöse Begegnung überall dieselbe Wirkung hat.
Wie liest man solche Ergebnisse sinnvoll?
Vier Fragen helfen: Wer hat teilgenommen? Was wurde verglichen? Was wurde gemessen? Und über welchen Zeitraum? Ein Interview zeigt persönliche Bedeutungen. Eine Befragung kann Zusammenhänge untersuchen. Ein Experiment prüft eine gezielt veränderte Situation.
Auch eindrückliche Erfahrungen verdienen diese Genauigkeit. Wenn jemand eine Feier als überwältigend beschreibt, wissen wir damit etwas über sein Erleben. Wir kennen dadurch noch keinen bestimmten Vorgang im Gehirn und keine Wirkung auf alle Anwesenden.
Religionspsychologie kann Halt und Konflikte, Lernen und Zweifel erforschen. Ihre Stärke liegt in klaren Fragen und passenden Belegen. So wird menschliches Erleben ernst genommen, ohne aus einem einzelnen Befund eine Erklärung für jeden Glauben und jeden Menschen zu machen.
Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.




