Ein Bodhisattva ist ein Wesen auf dem Weg zur Buddhaschaft. Im Mahayana-Buddhismus gehört dazu das Ziel, zum Wohl fühlender Wesen zu erwachen. Das Wort kann einen Menschen auf diesem Übungsweg bezeichnen, aber auch eine verehrte Gestalt wie Avalokiteshvara oder Manjushri.
Der Unterschied ist hilfreich: Eine Person kann noch lernen, großzügiger und geduldiger zu handeln. Eine religiöse Figur kann für Mitgefühl oder Weisheit stehen und von Gläubigen angerufen werden. Beides begegnet uns unter dem Begriff Bodhisattva.
Kommt der Begriff nur im Mahayana vor?
Nein. In einer Lehrrede des Pali-Kanons nennt der Buddha sich selbst für die Zeit vor seinem Erwachen Bodhisatta. Das ist die Pali-Form des Wortes. Er schildert seine Suche nach Befreiung von Geburt, Altern, Krankheit und Tod.
Hier bezeichnet das Wort eine Phase seines eigenen Weges. Im Mahayana wird der Bodhisattva-Weg ausführlich als Übungsweg zum Erwachen für das Wohl anderer entfaltet. Ein Beispiel ist das Sutra über die Frage Subahus, ein buddhistischer Lehrtext.
Was übt ein Bodhisattva?
Im genannten Sutra fragt Subahu nach den Voraussetzungen für vollkommenes Erwachen. Die Antwort nennt sechs Paramitas, oft „Vollkommenheiten“ genannt: Großzügigkeit, ethisches Verhalten, Geduld, Ausdauer, meditative Sammlung und Weisheit.
Das ist kein Abzeichen, das man nach einer einzelnen guten Tat bekommt. Der Text beschreibt ein fortgesetztes Lernen. Beim Geben geht es beispielsweise darum, keine Bewunderung einzufordern, andere nicht zu schädigen und Empfänger respektvoll zu behandeln. Die Gabe wird dem Erwachen und der Befreiung aller Wesen von Leiden gewidmet.
Im Alltag lässt sich der Unterschied mit einer Hilfeleistung verdeutlichen: Ich kann jemanden unterstützen und zugleich darauf warten, öffentlich gelobt zu werden. Oder ich kann die Not des anderen in den Vordergrund stellen. Dieses Beispiel erklärt eine Haltung; es setzt eine kleine Hilfe nicht mit dem ganzen religiösen Weg gleich.

Wer ist Avalokiteshvara?
Avalokiteshvara ist eng mit Mitgefühl verbunden. Im Chinesischen ist die Gestalt als Guanyin bekannt, im Japanischen als Kannon oder Kanzeon. Im 25. Kapitel des Lotus-Sutra wenden sich Menschen in Not an sie. Der Text beschreibt Hilfe in unterschiedlichen Erscheinungsformen.
Das sind Aussagen eines religiösen Textes. Sie beschreiben die Glaubenswelt und Verehrung, nicht eine überprüfbare Zusage, dass ein bestimmter Notfall durch das Aussprechen eines Namens sicher endet.
Wie wichtig ein solches Kapitel Menschen war, zeigt eine Handschrift im Kyoto National Museum. Die Kopie aus dem 12. Jahrhundert gestaltet das Kapitel aufwendig aus. Auf der Eingangsillustration sind Schriftzeichen und Motive in eine Landschaft mit Hügeln und Lotosteich eingebunden.
Ein einzelnes Kapitel wurde hier zu einem kostbaren Werk. Die Gestaltung macht sichtbar, dass es nicht nur um eine abstrakte Definition von Mitgefühl ging, sondern um einen Text, mit dem Menschen religiös verbunden waren.
Warum wurde eine Guanyin-Figur zum Schutz einer Straße gestiftet?
Eine hölzerne Guanyin im Metropolitan Museum trägt eine Inschrift, die ihren Entstehungszusammenhang erklärt. Bewohner der chinesischen Präfektur Dong’an und ein leitender Mönch ließen 1385 einen Tempel und die Figur anfertigen. Die Aufstellung wurde mit dem Schutz einer Straße verbunden.
Die Inschrift nennt auch den Schnitzmeister Feng Xiaozhong und seinen Sohn. So führt das Kunstwerk zu konkreten Menschen: Auftraggebern, Handwerkern und einer Gemeinschaft mit einem bestimmten Anliegen.
Das ist eine andere Verwendung des Begriffs als beim Menschen, der gerade Großzügigkeit übt. Hier steht eine verehrte Bodhisattva-Gestalt im Zentrum einer örtlichen Stiftung. Beide Zusammenhänge gehören zum Thema.
Warum trägt Manjushri ein Schwert?
Manjushri wird mit Weisheit verbunden. Ein indisches Palmblatt aus dem 12. Jahrhundert zeigt ihn in einer Handschrift über die Vollkommenheit der Weisheit: mit lehrender Handhaltung und einem Lotus, der ein Schwert trägt.
Bei einer tibetischen Figur desselben Jahrhunderts erklärt das Museum das Schwert als Zeichen der Weisheit, die Hindernisse auf dem Weg zum Erwachen durchschneidet. Ein Manuskript auf einer Lotusblüte verweist ebenfalls auf Erkenntnis. Die Klinge dieses konkreten Stückes fehlt; erhalten ist der Griff.
Das Schwert ist hier daher nicht einfach ein Hinweis auf einen kriegerischen Helden. Erst der religiöse Zusammenhang erklärt seine Bedeutung. Genauso hilft bei anderen Figuren die Frage, welche Haltung oder welcher Gegenstand für eine bestimmte Eigenschaft steht.
Was verbindet diese unterschiedlichen Beispiele?
Der Übungsweg fragt danach, wie Mitgefühl, Verhalten und Einsicht wachsen können. Verehrte Figuren geben solchen Qualitäten eine sichtbare Gestalt. Texte, Bilder und Stiftungen zeigen wiederum, wie Menschen damit umgegangen sind.
Für den Einstieg lohnt deshalb die Frage: Ist gerade von einem übenden Wesen auf dem Weg zum Buddha die Rede oder von einer benannten Gestalt der Verehrung? Wer das unterscheidet, kann einen Lehrtext, eine Guanyin-Figur und ein Bild Manjushris genauer verstehen.
Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.




