Für die Entstehung von Religion kennen wir keinen einzelnen Anfangstag. Frühe Spuren menschlicher Rituale verraten oft wenig darüber, was die Beteiligten dabei dachten. Sobald Objekte im Tempelzusammenhang, Inschriften und benannte Gottheiten dazukommen, können wir bestimmte Praktiken deutlicher erkennen.
Das ist wie bei einem Gegenstand auf einem alten Familienfoto: Ohne Zusammenhang kann man seine Funktion leicht falsch deuten. Ein Fundort, eine Beschriftung oder eine weitere Aufnahme verändern, was man sagen kann. Bei früher Religion sind solche Hinweise besonders wichtig. Vier Beispiele führen vom mesopotamischen Tempel bis zur römischen Küche.

Eine Statue kann einen Betenden vertreten
Im Tempel von Tell Asmar, dem alten Eshnunna im heutigen Irak, wurden zwölf gemeinsam niedergelegte Statuen gefunden. Der Grabungsbericht von 1933/34 beschreibt den Fund unter dem Boden neben einem Altar. Die Figuren wurden also nicht einfach in ihrer ursprünglichen Gebetsaufstellung entdeckt.
Eine Figur im Metropolitan Museum wird auf ungefähr 2900–2600 vor unserer Zeitrechnung datiert. Sie hat gefaltete Hände und große eingelegte Augen. Das Museum deutet sie als Bild eines Verehrenden, das in dessen Namen dauerhaft in der Gegenwart der Gottheit stehen konnte.
Die Deutung macht den Gegenstand zu mehr als einem Porträt. Die religiöse Handlung kann durch ein stellvertretendes Bild fortgesetzt werden. Wie genau diese Statuen während ihrer Verwendung aufgestellt waren, bleibt dennoch offen.
Der Museumsüberblick zu frühdynastischer Plastik nennt vergleichbare Funde in mehreren Städten. Manche Bilder tragen Namen; eine größere Gruppe stammt aus einem Inanna geweihten Tempel in Nippur. So wird eine verbreitete Praxis erkennbar, ohne jedem Tempel dieselben Einzelheiten zuzuschreiben.
Orakelknochen: Ein Herrscher fragt die Ahnen
Am Hof der späten Shang-Dynastie bei Anyang wurden Schulterblätter von Tieren und Schildkrötenpanzer für Weissagungen genutzt. Durch Hitze an vorbereiteten Stellen entstanden Risse. Diese konnten im Zusammenhang einer gestellten Frage gedeutet werden.
Das Smithsonian-Museum bewahrt einen beschrifteten Schildkrötenpanzer aus etwa 1250–1050 vor unserer Zeitrechnung. Es erläutert die königlichen Ahnen als Vermittler. Fragen betrafen beispielsweise Geburten, Jagden oder Kriegszüge.
In einer übersetzten Inschrift zu einer Jagd bei Wu folgen mehrere Schritte aufeinander: die Frage nach einer sicheren Reise, eine günstige Deutung und eine spätere Angabe erlegter Tiere. Der Text hält also nicht bloß einen Wunsch fest. Er dokumentiert ein Verfahren religiöser Orientierung bei einer Entscheidung.
Gleichzeitig zeigt sich eine Grenze: Die dauerhafte Aufzeichnung lässt den Hof besonders deutlich hörbar werden. Das alltägliche religiöse Leben von Menschen außerhalb dieses Umfelds ist dadurch nicht ebenso vollständig dokumentiert.
Pompeji: Gottesverehrung auch im Haus
Der Führer des Archäologischen Parks Pompeji beschreibt im Haus der Vettier ein gemaltes Lararium im Küchenbereich. Ein Lararium ist ein Hausheiligtum. Die Lares galten als Schutzgottheiten des Hauses und seiner Bewohner.
Eine römische Bronzefigur eines Lar aus dem 1. bis 2. Jahrhundert im Metropolitan Museum trägt Gefäße, die zu Darbringungen gehören. Malerei und kleine Figuren zeigen verschiedene Möglichkeiten, Verehrung im vertrauten Lebensraum zu gestalten.
Gerade der Ort in der Nähe alltäglicher Arbeit ist aufschlussreich. Religion spielte sich nicht nur in monumentalen Bauten oder bei seltenen Großereignissen ab. Ein Haushalt konnte eigene wiederkehrende Formen der Verehrung haben.
Wie gelangt eine Gottheit in eine andere Stadt?
Pompeji besaß zugleich einen Tempel der ägyptischen Göttin Isis. Der Parkführer beschreibt einen Altar vor dem Heiligtum und einen Saal dahinter, in dem sich Eingeweihte versammelten. Die Verehrung einer aus Ägypten stammenden Göttin hatte hier einen eigenen Ort im religiösen Leben.
Hausheiligtum und Isis-Tempel standen in derselben Stadt. Ein neuer Kult musste also nicht sämtliche vorhandenen Formen verdrängen. Religiöse Verbreitung konnte auch bedeuten, dass Angebote, Beziehungen und Rituale hinzukamen.
Das beweist nicht, dass alle Bewohner gleich teilnahmen oder alles gleich verstanden. Die Funde machen jedoch sichtbar, weshalb Religionsgeschichte nicht immer als lückenlose Folge „alte Religion weg, neue Religion da“ erzählt werden kann.
Was können Texte zusätzlich zeigen?
Ein Objekt kann Hinweise auf den Ort von Darbringungen liefern. Ein Text kann ausdrücklich sagen, wie göttliche Macht verstanden wurde. In Jesaja 45 spricht Israels Gott den persischen König Kyros an, deutet dessen Erfolge im Zusammenhang göttlichen Handelns und erklärt, dass es keinen anderen Gott gibt.
Damit liegt eine bestimmte Ausprägung des Glaubens an einen Gott vor, die man genau lesen kann. Selbst eine gesicherte Datierung dieses Textes wäre aber noch kein Datum für den allerersten monotheistischen Gedanken. Ein erhaltener Ausdruck und der Beginn einer Überzeugung sind verschiedene Dinge.
Warum bleibt die Frage nach der ersten Religion offen?
Die Beispiele zeigen keine einzige Entstehungsszene. Sie erschließen unterschiedliche Wege: stellvertretendes Gebet durch ein Bild, Entscheidungen mithilfe der Ahnen, Verehrung im Haushalt und die Weitergabe ausdrücklicher religiöser Aussagen.
Ein gutes Verständnis beginnt deshalb bei der Frage, was ein Zeugnis tatsächlich erkennen lässt. Fundort, Gebrauch, Inschrift und Vergleichsfunde ergänzen einander. Je konkreter wir vorgehen, desto mehr erfahren wir über bestimmte Gemeinschaften – und desto deutlicher bleibt, was sie uns nicht mehr erzählen können.
Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.




