
Wer in ein anderes Land zieht, lässt seine Religion nicht automatisch zurück. Menschen bringen Gebete, Feste und Gewohnheiten mit. Sie suchen Räume, lernen andere Gemeinden kennen und schaffen neue Orte des Zusammenkommens. Ihre Kinder können mit diesen Traditionen aufwachsen, obwohl sie selbst nie eingewandert sind.
Wie das eine Gesellschaft verändert, zeigt Kanada. Die Volkszählung von 2021 gibt Auskunft über Religionszugehörigkeit und Einwanderung. Ein älteres Beispiel aus Abbotsford zeigt dagegen, wie aus dem gemeinsamen Leben ein dauerhaftes Gebetshaus entstand. Zahlen und Baugeschichte beantworten unterschiedliche Fragen und ergänzen sich deshalb gut.
Was lässt sich an den kanadischen Zahlen erkennen?
Nach Statistics Canada waren 2021 insgesamt 23,0 Prozent der Bevölkerung eingewandert. In mehreren religiösen Gruppen lag dieser Anteil höher: bei Muslimen bei 63,1 Prozent, bei Hindus bei 62,9 Prozent und bei Sikhs bei 53,8 Prozent.
Wichtig ist, worauf sich diese Prozente beziehen. Die Zahl 63,1 Prozent bedeutet hier: So groß war innerhalb der muslimischen Bevölkerungsgruppe der Anteil der Eingewanderten. Sie bedeutet nicht, dass 63,1 Prozent aller Einwanderer Muslime waren.
Die Behörde untersuchte die Frage auch andersherum. Unter den von 2011 bis 2021 aufgenommenen Einwanderern bezeichneten sich 18,9 Prozent als muslimisch, 9,0 Prozent als hinduistisch und 5,8 Prozent als Sikh. Hier ist die Bezugsgruppe also eine bestimmte Einwanderungskohorte. Wer die beiden Blickrichtungen auseinanderhält, liest die Zahlen richtig.
Warum zeigen Prozentwerte nicht das ganze Gemeindeleben?
Eine angegebene Religionszugehörigkeit erklärt noch nicht, wie oft jemand betet, welche Feste er feiert oder wie er einzelne Lehren versteht. Zwei Menschen können dieselbe Zugehörigkeit angeben und ihren Alltag unterschiedlich gestalten.
Ebenso ist Einwanderung kein einheitlicher religiöser Hintergrund. Die Zahlen zeigen gerade verschiedene Zugehörigkeiten. Aus der Information, dass jemand eingewandert ist, lässt sich seine Religion nicht einfach ablesen.
Wie entstand der Gur Sikh Temple in Abbotsford?
Eine konkrete Geschichte führt nach British Columbia. Parks Canada beschreibt den Bau des dortigen Sikh-Tempels: Sikh-Pioniere errichteten 1911 ein Gebetshaus mit Holz aus dem nahen Sägewerk, in dem viele von ihnen arbeiteten. Den Baustoff trugen sie selbst zum Bauplatz.
Das kanadische Verzeichnis historischer Orte unterscheidet das Baujahr 1911 von der offiziellen Eröffnung 1912. Es nennt die Herkunft früher Siedler aus dem Punjab und ihre Arbeit in Landwirtschaft und Forstwirtschaft. Der Ort wurde auch zu einem Zentrum gemeinschaftlicher Organisation angesichts von Rassismus und Benachteiligung.
Was erzählt das Gebäude über das Ankommen?
Ein Gurdwara ist ein Gebetshaus der Sikhs. In Abbotsford verband es einen Gebetsraum mit einer Gemeinschaftsküche. Die äußere Bauform passte dagegen zu vielen damaligen Gebäuden im Westen Kanadas: ein Holzrahmenbau mit Satteldach und einer zur Straße gerichteten vorgezogenen Fassade.
Das ist keine einfache Wahl zwischen alter Tradition und neuer Umgebung. Die Gemeinde nutzte örtliche Materialien und vertraute Bauformen, um einen Raum für ihre religiöse Praxis zu schaffen. Beide Denkmalbeschreibungen machen deutlich, dass hier religiöse, soziale und politische Aufgaben zusammenkamen.
Eine Gemeinschaftsküche ist dabei mehr als eine bauliche Einzelheit. Sie schafft Möglichkeiten, gemeinsam zu essen und Menschen zu begegnen. Ein Gebetshaus kann so auch zum Ort werden, an dem neue Beziehungen und gemeinschaftliche Unterstützung wachsen.
Was geschieht in späteren Generationen?
Eine weitere Analyse von Statistics Canada betrachtet die südasiatischen Bevölkerungsgruppen auf Grundlage derselben Volkszählung. Unter den in Kanada geborenen südasiatischen Personen bezeichneten sich 31 Prozent als Sikh, 24 Prozent als muslimisch und 23 Prozent als hinduistisch.
Diese Zahlen gelten für eine bestimmte Bevölkerungsgruppe im Jahr 2021. Sie zeigen, dass die genannten Traditionen auch unter Menschen präsent sind, die selbst in Kanada geboren wurden. Sie beweisen nicht, dass alle Kinder die Überzeugungen ihrer Eltern unverändert übernehmen.
Was zeigt das Beispiel insgesamt?
Migration kann die religiöse Landschaft verändern. Die Volkszählung macht bestimmte Muster sichtbar. Die Geschichte von Abbotsford zeigt Menschen, die mit ihrer Arbeit und ihren Materialien einen gemeinsamen Ort schufen.
Zusammen helfen beide Blickwinkel, Vielfalt als gelebte Geschichte zu verstehen. Es geht um Herkunft, aber auch um das, was Menschen in ihrer neuen Umgebung aufbauen und an spätere Generationen weitergeben. Die kanadischen Beispiele erklären diese Zusammenhänge, ohne aus einer Religion oder einer Herkunftsgruppe eine einheitliche Lebensweise zu machen.
Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.




