Es gibt so viele Religionen, weil Menschen ihren Glauben in unterschiedlichen Geschichten, Sprachen und Gemeinschaften entwickeln und weitergeben. Religionen verändern sich außerdem. Sie gelangen in neue Länder, werden anders ausgelegt und teilen sich manchmal in verschiedene Richtungen auf. Eine einzige Ursache erklärt diese Vielfalt nicht.
Das lässt sich schon im Alltag sehen: Zwei Nachbarn können beide Christen sein und trotzdem ganz anders beten, feiern oder über kirchliche Autorität denken. Eine dritte Person gehört keiner Religion an und pflegt dennoch bestimmte überlieferte Rituale.
Vielfalt gibt es auch innerhalb einer Religion
Mit religiöser Vielfalt meinen wir oft das Nebeneinander von Christentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus und weiteren Traditionen. Doch die Unterschiede beginnen nicht erst zwischen diesen großen Namen. Auch einzelne Religionen umfassen verschiedene Schulen, Gemeinden und Lebensweisen.
Die Harvard Divinity School betont drei hilfreiche Grundgedanken: Religionen sind in sich vielfältig, verändern sich mit der Zeit und sind mit der jeweiligen Kultur verflochten. Man versteht sie deshalb schlecht, wenn man sie nur als unveränderliche Listen von Glaubenssätzen behandelt.
Sagt eine Gemeinschaft: „Unsere Auslegung ist die richtige“, beschreibt sie ihre eigene Überzeugung. Damit wissen wir noch nicht, ob alle Menschen derselben Religion das genauso sehen. Die verschiedenen Positionen festzustellen bedeutet wiederum nicht, dass jeder Gläubige sie gleich überzeugend finden muss.
Was passiert, wenn eine Religion in ein neues Land kommt?
Ein gutes Beispiel ist die Ausbreitung des Buddhismus nach China. Der historische Überblick des Metropolitan Museum of Art beschreibt dort bereits für das zweite Jahrhundert nach Christus Zentren mit ausländischen Mönchen, die lehrten und übersetzten. Später entwickelten sich unter anderem die chinesischen Traditionen des Reinen Landes und des Chan.
Beim Übersetzen geht es um mehr als Wörter. Begriffe müssen verständlich werden, Unterricht braucht neue Formen und eine Gemeinschaft muss sich vor Ort organisieren. Auch Kunst verändert sich: Buddhistische Figuren konnten indische Vorbilder mit chinesischen Gestaltungsweisen verbinden.
So bleibt etwas wiedererkennbar und bekommt zugleich eine eigene Gestalt. Veränderung bedeutet nicht automatisch, dass eine Religion völlig neu erfunden wurde. Und eine fremde Form ist deshalb nicht weniger „entwickelt“. Eine Rangliste von angeblich primitiven zu fortschrittlichen Religionen erklärt die Geschichte nicht.
Wie verteilt sich die Weltbevölkerung?
Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung von Pew Research Center schätzt die weltweiten Anteile für das Jahr 2020 so ein:
| Gruppe | Anteil 2020 |
|---|---|
| Christen | 28,8 Prozent |
| Muslime | 25,6 Prozent |
| Menschen ohne Religionszugehörigkeit | 24,2 Prozent |
| Hindus | 14,9 Prozent |
| Buddhisten | 4,1 Prozent |
| Weitere Religionen zusammen | 2,2 Prozent |
| Juden | rund 0,2 Prozent |
„Weitere Religionen“ ist hier eine statistische Sammelgruppe, keine gemeinsame Religion. Dazu gehören beispielsweise Sikhs, Jains, Bahai und Daoisten. Auch die übrigen großen Kategorien fassen sehr unterschiedliche Gemeinschaften zusammen.
Die Zahlen sind keine laufende Zählung für 2026. Sie beschreiben Zugehörigkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt, nicht die persönliche Frömmigkeit jedes Menschen. Und die Größe einer Gruppe entscheidet nicht darüber, ob ihre Glaubensaussagen wahr sind.
Zugehörigkeit, Überzeugung und Praxis sind verschiedene Dinge
Ein Mensch kann sich einer Religion zugehörig fühlen und selten an Gottesdiensten teilnehmen. Umgekehrt kann jemand traditionelle Rituale pflegen und trotzdem sagen: „Ich habe keine Religion.“ Wer nur nach Mitgliedschaft fragt, erfährt deshalb noch nicht alles.
Eine Pew-Befragung von 10.390 Erwachsenen in Hongkong, Japan, Südkorea, Taiwan und Vietnam macht das anschaulich. Die Interviews fanden 2023 statt; der Bericht erschien 2024. In jedem der fünf untersuchten Orte berichtete mindestens die Hälfte der Menschen ohne Religionszugehörigkeit von Opfergaben für verstorbene Vorfahren.
Daraus folgt nicht, dass man diesen Menschen gegen ihre eigene Aussage eine Religion zuordnen sollte. Es zeigt vielmehr, warum die Fragen auseinandergehalten werden müssen: Wie bezeichne ich mich? Was glaube ich? Und was tue ich? Die Ergebnisse betreffen die untersuchten Gesellschaften und lassen sich nicht einfach auf ganz Asien übertragen.
Zusammenleben braucht keine einheitliche Religion
Überzeugungen können sich widersprechen, ohne dass Nachbarn deshalb nicht gemeinsam handeln könnten. Ein konkretes Beispiel für religiös begründete Gastfreundschaft ist das Langar, das Gemeinschaftsessen in Sikh-Gebetsstätten, den Gurdwaras.
Die Sikh Coalition erklärt, dass Freiwillige das Essen zubereiten und es allen offensteht. Die Praxis soll Gleichheit über Kasten- und Religionsgrenzen hinweg verwirklichen. Gäste müssen deshalb nicht zuerst dieselben Glaubensüberzeugungen annehmen. Der Anspruch ist allerdings noch keine Garantie, dass jede Gemeinschaft ihn immer vollkommen umsetzt.
Bei einem gemeinsam geplanten Nachbarschaftsfest könnte man entsprechend ganz praktisch vorgehen: nach Essenswünschen fragen, Zugänglichkeit klären und offen sagen, ob religiöse Handlungen Teil der Veranstaltung sind. Bedürfnisse sollte man nicht aus Namen oder Aussehen erraten.
Hilft Begegnung gegen Vorurteile?
Sie kann helfen, aber nicht automatisch überall. Die Forscherin Salma Mousa untersuchte in einer 2020 veröffentlichten Studie Fußballteams im Irak. Durch den IS vertriebene Christen wurden zufällig rein christlichen oder mit Muslimen gemischten Teams zugeteilt. Wer muslimische Mitspieler hatte, zeigte anschließend mehr Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit muslimischen Sportpartnern, teilweise noch sechs Monate später.
Außerhalb des sportlichen Umfelds änderte sich das Verhalten dagegen nicht wesentlich; auch die allgemeineren Einstellungen verbesserten sich nicht durchgängig. Gemeinsame Aktivitäten können also etwas bewegen. Ein einzelnes Treffen beseitigt aber nicht automatisch Misstrauen, Ungleichheit oder die Folgen früherer Gewalt.
Religiöse Vielfalt zu verstehen heißt deshalb zweierlei: genau hinsehen, wie Menschen tatsächlich glauben und leben, und die Bedingungen des Zusammenlebens ernst nehmen. Dafür müssen wir Unterschiede weder übertreiben noch unter den Teppich kehren.
Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.




