Der Schofar erklingt vor allem an Rosch ha-Schana als religiös gebotener Ruf, der mit Umkehr, Gottes Königtum und Erinnerung verbunden wird. Das Horn ist mehr als stimmungsvolle Begleitung eines Gottesdienstes. Seine Tonfolgen gehören zu einer geregelten Praxis, deren Deutungen zur Prüfung des eigenen Lebens auffordern.
Der lange Ton am Ende von Jom Kippur steht an einer anderen Stelle des Festkalenders. Um die Bedeutung zu verstehen, sollte man deshalb Instrument, biblische Bezüge, rabbinische Auslegung und Gemeindebrauch auseinanderhalten.
Was ist ein Schofar?
Ein Schofar ist ein Blasinstrument aus einem Tierhorn, häufig einem Widderhorn. Es unterscheidet sich dadurch von einer Metalltrompete. Das Jewish Museum in New York bewahrt einen gravierten Schofar des 18. Jahrhunderts aus Widderhorn. Seine Herkunft wird mit Deutschland und einem Fragezeichen angegeben; die Inschrift enthält im Rosch-ha-Schana-Gottesdienst gelesene Verse.
Ein anderes Objekt derselben Sammlung besteht aus Kuduhorn und stammt wahrscheinlich aus Indien. Die Datierung ins 20. Jahrhundert ist ebenfalls vorsichtig gekennzeichnet. Die Objekte zeigen eine reale Vielfalt. Aus einem einzelnen Museumsstück lässt sich keine für sämtliche jüdischen Gemeinschaften verbindliche Form ableiten.
Welche biblischen Stellen stehen dahinter?
4. Mose 29:1 bezeichnet den ersten Tag des siebten Monats als heilige Versammlung und Tag des Hornblasens. Dies ist ein biblischer Bezug des später Rosch ha-Schana genannten Festes. Der Vers enthält allerdings keine vollständig ausgeschriebene Abfolge sämtlicher heute gehörter Töne.
2. Mose 19:16–19 schildert beim Sinaiereignis einen immer stärker werdenden Hornklang zusammen mit Donner, Wolke und Erschrecken. Dort steht nicht, Mose habe persönlich das Horn geblasen. Das Klangereignis gehört zur Darstellung einer überwältigenden Gottesbegegnung.
Warum wird der Klang als Weckruf verstanden?
Maimonides erläutert dies in Mischne Tora, Gesetze der Umkehr 3:4. Er nennt das Schofarblasen zunächst ein Gebot und deutet es dann als Aufforderung zum Erwachen: Menschen sollen ihre Taten prüfen, an ihren Schöpfer denken und ihren Weg verändern.
Gebot und symbolische Auslegung sind hier unterscheidbar. Die Praxis hängt nicht allein davon ab, ob eine Person den Klang gerade emotional bewegend findet. Zugleich soll das Hören in eine Antwort münden. Teschuwa, oft mit Umkehr oder Rückkehr übersetzt, betrifft die Richtung des Handelns.

Was hat das Widderhorn mit Isaak zu tun?
Der Babylonische Talmud verbindet in Rosch ha-Schana 16a das Widderhorn mit der Bindung Isaaks. Nach 1. Mose 22:12–13 wird Abraham daran gehindert, Isaak zu töten; stattdessen bringt er einen Widder dar. Das Instrument erinnert in dieser Auslegung an die Erzählung, nicht als Behauptung, das jeweils verwendete Horn sei das ursprüngliche Horn dieses Widders.
Rosch ha-Schana 16a verbindet außerdem Verse über Königtum, Erinnerung und Schofarklänge mit der Anerkennung Gottes als König und dem Gedenken vor Gott. Umkehr ist damit ein wichtiger Sinn des Rituals, aber nicht sein einziger. Die Töne stehen in einem größeren Zusammenhang von Gebet und gemeinsamer Erinnerung.
Tekia, Schewarim und Terua: Welche Töne hört man?
Eine Erklärung von Rabbi Yeruchem Eilfort bei Chabad unterscheidet drei Grundmuster:
- Tekia: ein langer, zusammenhängender Ton.
- Schewarim: drei kürzere, gebrochene Töne.
- Terua: eine Folge von mindestens neun sehr kurzen Tönen.
Eine Tekia gedola ist eine besonders lange Tekia. Der Schofar spricht dabei keine Wörter aus. Bedeutung entsteht aus der geordneten Klangfolge, dem Gottesdienst und der überlieferten Auslegung.
Chabads Darstellung der Zahl der Schofarklänge erläutert verschiedene Kombinationen und die verbreitete Abfolge bis zu hundert Klängen; für die eigene Praxis nennt sie weitere dreißig. Solche Zählweisen betreffen organisierte Tonmuster. Sie sollten nicht mit der Zahl jeder einzelnen kurzen Klangunterbrechung verwechselt oder ohne Gemeindebezug verallgemeinert werden.
Warum kann der Schofar an Schabbat ausbleiben?
Die rabbinische Diskussion in Rosch ha-Schana 29b behandelt das Verhältnis zum Schabbat. Eine Begründung des Verbots lautet, jemand könnte das Horn zu einer kundigen Person tragen und dabei gegen das Trageverbot im öffentlichen Bereich verstoßen. Zugleich schildert der Text historische Unterschiede und Ausnahmen.
Die in traditioneller orthodoxer Praxis befolgte Zurückhaltung am Schabbat ist daher eine religiöse Regel, keine technische Unmöglichkeit des Instruments. Welche Entscheidung eine bestimmte Synagoge trifft, sollte mit Bezug auf deren Tradition erklärt werden.
Warum erklingt es am Ende von Jom Kippur?
Die Union for Reform Judaism beschreibt einen langen Schofarton zum Abschluss von Jom Kippur. Sie nennt mehrere Deutungen, darunter die Erinnerung an die Offenbarung am Sinai. Diese abschließende Markierung ist nicht einfach dieselbe Situation wie die wiederholten Rosch-ha-Schana-Folgen.
Eine weitere biblische Verbindung steht in 3. Mose 25:8–10: Am Versöhnungstag soll durch Hornklang das Erlassjahr angekündigt und Freiheit ausgerufen werden. Das besondere Gebot zum Jubeljahr ist jedoch keine unmittelbare Ablaufbeschreibung des jährlichen Abschlussgottesdienstes. Beides kann durch Auslegung verbunden werden, bleibt aber zu unterscheiden.
So erschließt sich der Schofar zugleich als gebotene Praxis und als Anstoß zur Besinnung. Die Töne ersetzen keine Veränderung des eigenen Verhaltens. Sie lenken die Aufmerksamkeit gerade auf diese Aufgabe. Weitere Zugänge zu Texten und Festen bietet der deutsche Judentum-Buchratgeber.
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