J. R. R. Tolkien war katholisch. Sein Glaube hilft zu verstehen, warum in seinen Geschichten Barmherzigkeit, Macht, Sterblichkeit und Hoffnung so wichtig sind. Trotzdem ist Der Herr der Ringe kein Religionsunterricht in Verkleidung. Mittelerde ist eine erfundene Welt mit einer eigenen Geschichte.

Für Leser sind drei Fragen hilfreich: Was glaubte Tolkien selbst? Wie funktioniert Religion innerhalb seiner erfundenen Welt? Und welche Bedeutung sehen wir beim Lesen darin? Die Antworten hängen zusammen, sind aber nicht austauschbar.
Wie prägte ihn der katholische Glaube?
Die Zeittafel seines Nachlasses nennt wichtige Stationen: Seine Mutter Mabel wurde 1900 katholisch. Nach ihrem Tod 1904 übernahm der katholische Priester Francis Morgan die Vormundschaft für Tolkien und seinen Bruder. Religiöse Bildung gehörte damit zu seiner Kindheit und Jugend.
Die Biografin Holly Ordway belegt anhand seiner Aussagen und Lebensgeschichte, dass Tolkien seine katholische Zugehörigkeit ausdrücklich bekannte. Sie war mehr als eine beiläufige Familienangabe. Zugleich war sein religiöses Leben eine Entwicklung über viele Jahre.
Sein Interesse an Sprachen und nordischen Mythen gehört ebenfalls zu dieser Geschichte. Es wäre zu einfach, entweder nur den Katholiken oder nur den Liebhaber alter Sagen zu sehen.
Ist jede Figur ein verstecktes christliches Symbol?
Dafür braucht es jeweils Belege. In seinem Brief an Milton Waldman von 1951 unterscheidet Tolkien Mythos von bewusst gebauter Allegorie. Eine Allegorie wäre eine Erzählung, deren Elemente gezielt für andere Inhalte stehen.
Religiöse und moralische Bedeutung kann trotzdem in einer Geschichte stecken. Tolkien nennt unter anderem Fall, Sterblichkeit und die Maschine als große Themen. Damit öffnet sich eine Frage nach dem ganzen Erzählverlauf, statt nur nach einer Liste geheimer Entsprechungen.
Man kann etwa untersuchen, was Macht mit verschiedenen Figuren macht. Das ist ergiebiger, als eine Figur aufgrund einer oberflächlichen Ähnlichkeit sofort mit einer biblischen Person gleichzusetzen. Eine interessante Deutung darf als Deutung erkennbar bleiben.
Wer sind der Eine, die Ainur und die Valar?
In einem Briefentwurf für Rhona Beare von 1958 erläutert Tolkien die Ordnung seiner erfundenen Welt. Der Eine ist der Schöpfer. Die Ainur sind geschaffene geistige Wesen. Die großen unter ihnen, die in die Welt eintreten, werden Valar genannt.
Die Valar sind deshalb keine von den Ainur unabhängige zweite Gruppe. Sie wirken innerhalb einer Schöpfung, die nicht von ihnen allein stammt. Tolkien erklärt ihr Mitwirken am Entwurf des Einen unter anderem mit dem Bild einer großen Musik.
Solche Vorstellungen erinnern an religiöse Fragen über Schöpfung und geschaffene Mächte. Zunächst gehören sie aber zur erfundenen Welt. Sie sind kein Ersatz für eine katholische Glaubenslehre.
Stehen die drei Silmaril für die Dreifaltigkeit?
Die Zahl drei allein beweist das nicht. Christopher Tolkien beschreibt in seiner Einführung zum Silmarillion von 1977 die Lichtjuwelen und die Geschichte ihrer Herstellung, ihres Raubs und der darauf folgenden Konflikte.
Besitzansprüche, ein verhängnisvoller Eid, Verrat und Verlust geben den Juwelen ihre Bedeutung in der Handlung. Wer sie als Bild der christlichen Dreifaltigkeit lesen möchte, müsste erklären, wie diese Rollen zusammenpassen. Eine ähnliche Anzahl genügt nicht.
Christopher Tolkien erklärt außerdem, wie er aus den unvollendeten und teilweise voneinander abweichenden Texten seines Vaters eine zusammenhängende Veröffentlichung gestaltete. Mittelerde entstand über ein ganzes Autorenleben. Nicht jede Fassung gehört deshalb unverändert in ein einziges fertiges System.
Warum war Erfinden für Tolkien religiös bedeutsam?
Die Tolkien-Forscherin Verlyn Flieger erläutert in ihrer Darstellung zu On Fairy-stories den Begriff der „Unterschöpfung“. Gemeint ist: Menschen gestalten mit Sprache und Vorstellungskraft eine eigene erzählte Welt innerhalb der Wirklichkeit.
Tolkien verband dieses menschliche Gestalten mit seinem Glauben an einen göttlichen Schöpfer. Ein Autor erschafft keine zweite wirkliche Erde. Er kann aber einen überzeugenden Raum entstehen lassen, in dem Leser Freude, Verlust und Verantwortung miterleben.
Dazu passt ein besonderer Ausdruck: „Eukatastrophe“. Tolkien meint damit die unerwartete glückliche Wendung, wenn eine glaubhaft drohende Katastrophe in Freude umschlägt. Die Gefahr muss zuvor wirklich spürbar gewesen sein.
Er bezog diesen Gedanken auch auf seinen christlichen Glauben, insbesondere auf Menschwerdung und Auferstehung Christi. Damit beschreibt er Trost durch eine Erzählung und seine religiöse Hoffnung. Es ist keine Zusage, dass jedes reale Unglück durch eine plötzliche Rettung endet.
Ist Frodo am Ende moralisch gescheitert?
Hier lohnt sich Tolkiens Brief an Eileen Elgar von September 1963. Er erklärt, dass Frodo unter dem letzten Druck des Rings nicht mehr imstande gewesen wäre, ihn freiwillig zu vernichten. Tolkien unterscheidet erschöpfte Kräfte von moralischem Versagen.
Zur Lösung der Geschichte gehören die früheren Entscheidungen und Frodos Barmherzigkeit gegenüber Gollum. Heldentum wird damit mehr als der letzte erfolgreiche Kraftakt eines Einzelnen.
Auch Frodos Reise nach Westen bedeutet nach Tolkiens Erklärung keine Unsterblichkeit. Sie eröffnet eine Möglichkeit der Heilung vor seinem späteren Tod. Die Wunden der Geschichte werden ernst genommen; das Ende macht sie nicht einfach ungeschehen.
Was lässt sich beim nächsten Lesen entdecken?
Der Forscher Tom Shippey betont die Gefahr der Macht des Rings und das Zusammenspiel einer größeren Vorsehung mit der Freiheit der Figuren. Vorsehung bedeutet hier eine Führung, die über das unmittelbar Sichtbare hinausreicht. Die Figuren bleiben dennoch für ihre Handlungen verantwortlich.
Beim Lesen kann man deshalb fragen: Wer verzichtet auf Macht? Wer zeigt Mitgefühl, obwohl sich dessen Folgen noch nicht absehen lassen? Und warum können kleine, beharrliche Menschen wichtiger werden als die scheinbar Starken?
Solche Fragen erschließen die religiöse Tiefe der Geschichten auch Menschen, die Tolkiens Glauben nicht teilen. Seine Briefe liefern dabei eine gute Orientierung. Sie lassen den Geschichten ihre Eigenständigkeit, statt aus jedem Ring, Baum und Juwel einen fertigen Glaubenssatz zu machen.
Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.




